07. Mai 2008 Nicht der Umgang mit den Palästinensern werde die Zukunft Israels in den kommenden Jahren bestimmen, sagt Professor Benny Morris, sondern der mit Iran. Morris lehrt Geschichte des Nahen und Mittlerens Ostens an der israelischen Ben Gurion-Universität. Am Rande einer Business as usual? Das iranische Regime, der Heilige Krieg gegen Israel und den Westen und die deutsche Reaktion betitelten Konferenz des Mideast Freedom Forum Berlin sprach mit ihm Markus Bickel.
Herr Professor, 60 Jahre nach der Gründung Israels droht Irans Präsident Ahmadinejad Ihrem Land mit der Vernichtung. Ist das eine Bedrohung für Juden vergleichbar mit der durch den Nationalsozialismus?
So würde ich das nicht ausdrücken, aber Iran stellt sicherlich eine existenzielle Bedrohung für Israel dar. Die iranische Führung arbeitet aktiv daran, nukleare Waffen zu entwickeln, die sie ohne zu Zögern gegen Israel einsetzen würde. Da Israel ein sehr kleines Land ist, könnte es mit ein paar Nuklearbomben leicht zerstört werden.
Richtet sich das iranische Nuklearprogramm nicht auch gegen sunnitische Regime in der Region?
Ich halte das Gerede von der Rivalität zwischen Sunniten und Schiiten für Unfug. Nicht, dass es diese Rivalität nicht gäbe, aber die iranische Bombe ist für Israel bestimmt - nicht für Araber oder Muslime.
Was wäre der beste Weg, die nukleare Aufrüstung Irans zu stoppen?
Am besten wäre es sicherlich, diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Druck auszuüben. Leider hat der Westen das zu wenig versucht, und noch dazu sehr verhalten. Die bisherigen Sanktionen sind lächerlich, selbst die Iraner lachen darüber und nutzen die europäische Verhandlungsbereitschaft, eine Entscheidung immer weiter hinauszuzögern.
Das lässt zwei Optionen offen: Entweder die Welt erlaubt dem Iran, die Bombe zu entwickeln und setzt auf Abschreckung, um zu verhindern, dass diese auch eingesetzt wird. Die andere Option wäre, das iranische Nuklearprogramm militärisch zu zerstören. Das könnten entweder die Vereinigten Staaten oder Israel machen - oder beide Staaten gemeinsam.
War der Militärschlag gegen den mutmaßlichen syrischen Reaktor im vergangenen Herbst ein Signal an Iran, dass ihm ähnliches drohen könnte?
Natürlich war das ein Signal, so wie es auch ein Signal war, 1981 den Reaktor im irakischen Osirak zu zerstören. Die Aussage ist relativ schlicht: Man schickt sechs Kampfflieger, und wenn die Piloten ihr Handwerk verstehen, zerstören sie den Reaktor, und das war's. Entweder ziehen die Syrer deswegen in den Krieg oder sie halten den Mund und nehmen es hin. Das ist passiert - sowohl im Falle des Iraks sowie Syriens.
Mit dem Iran ist das leider nicht so leicht, insofern lässt sich der Luftangriff auf den Reaktor in Syrien auch nicht unbedingt als Signal in diesem Sinne deuten. Die iranischen Anlagen sind weit zerstreut, viele liegen unter der Erde und sind zudem sehr gut durch Luftabwehrsysteme geschützt. Außerdem, und das stellt das größte Problem für Israel dar, liegt das Land sehr weit entfernt, was es militärisch zu einer sehr schwierigen Mission machen würde.
Das heißt, eigentlich könnte nur die amerikanische Luftwaffe einen solchen Einsatz erfolgreich durchführen?
Auch Israel könnte das, allerdings wäre eine solche Operation angesichts der großen Distanz und seiner relativ kleinen Luftwaffe kaum mit konventionellen Waffen möglich. Vielleicht könnte Israel auf diesem Weg zwei oder drei Anlagen zerstören, auf keinen Fall aber alle. Deshalb bleiben Israel nur zwei Optionen: zuzulassen, dass Iran nukleare Waffen entwickelt oder selbst Nuklearwaffen einzusetzen, um Irans nukleare Waffen zu zerstören. Das stellt ein erhebliches moralisches Dilemma dar: Ist es zulässig, Nuklearwaffen einzusetzen um ein Nuklearprojekt zu verhindern, von dem die Iraner behaupten, es diene lediglich friedlichen Zwecken? Von der weltweiten Verurteilung eines solchen israelischen Einsatzes und dem Ansteigen des islamischen Terrorismus will ich gar nicht erst sprechen.
Wie würden Sie sich entscheiden, stünden Sie in der Verantwortung?
Wenn es darum geht zu entscheiden, ob Israel sterben muss oder Iran, sollte der Iran sterben. Denn auch wenn sich das Dilemma nicht auflösen lässt, halte ich die Alternative eines nuklear bewaffneten Iran für die schlimmere.
Sollten die europäischen Regierungen in dieser Frage eine deutlichere Position einnehmen?
Ich halte die Frage der nuklearen Bewaffnung des Irans vor allem für ein praktisches Problem: Zwar würde Iran als erstes Isarel angreifen, aber die Langstreckenraketen, die das Regime in Teheran derzeit entwickelt, könnten auch Westeuropa leicht erreichen. Das heißt, Europa ist ebenso bedroht - oder könnte sich bald Drohungen des Iran ausgesetzt sehen. Klar ist, dass ein nuklear bewaffneter Iran eine Änderung der Weltordnung bedeuten würde.
Würde der Iran eine gemäßigtere Position einnehmen, wenn Ahmadinejad nächstes Jahr abgewählt werden sollte?
Das würde auch keinen Unterschied machen. Ahmadinejad macht unsägliche Aussagen, er bedroht die Welt, er leugnet den Holocaust und fordert die Zerstörung Israels - und keiner der Mullahs, Khamenei oder andere Politiker widersprechen ihm. Die Führung schweigt, was nur einen Schluss zulässt: Sie unterstützt, was Ahamdinejad sagt. Das heißt, selbst wenn er 2009 abgewählt werden sollte, würde alles beim alten bleiben.
Manche Kritiker Ahamdinejads beschreiben ihn als neuen Hitler.
Ahmadinejad ist nicht Hitler, zumindest nicht in dem Sinne, dass er zurzeit eine wichtige Weltmacht kontrollierte. Ich weiß nicht, ob er überhaupt in solchen Kategorien denkt - wenn, dann strebt er eine Weltmacht Islam an, nicht eine Weltmacht Iran. Das Problem aber ist: Sobald Iran über Nuklearwaffen verfügt, wird das Land so mächtig wie eine Großmacht. Heute ist Iran nur ein Drittweltland.
Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat im April verkündet, zwischen Syrien und Israel zu vermitteln. Halten Sie einen Frieden Ihres Landes mit Iran für möglich?
Sicherlich nicht mit diesem Regime, das auf Antisemitismus und die Zerstörung Israels setzt. Das heißt aber nicht, dass eine historische Verständigung nicht mögliche wäre - unter dem Schah unterhielt Israel schließlich hervorragende Beziehungen zum Iran. Sollte es zu einem Regimewechsel kommen, wäre auch eine Revision der Beziehungen möglich. In Sicht ist das aber nicht, dazu hat es das Land zu fest im Griff.
Der Krieg zwischen Israel und der libanesischen Hizbullah 2006 wurde schon als erster iranisch-israelischer Krieg bezeichnet. Rechnen Sie bald mit einem zweiten?
Ohne Zweifel betätigen sich die Hizbullah und die Hamas, wenn auch mit Abstrichen, als Erfüllungsgehilfen des Iran. Sollte es zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Iran und Israel kommen, würde Teheran sicherlich wieder versuchen, die beiden Milizen zum Beschuss Israels zu bewegen. Die Hamas müsste in einem solchen Fall aber nicht unbedingt die Rolle einer iranischen Stellvertreterpartei einnehmen - sie ist sunnitisch, nicht schiitisch und auch nicht so antisemitisch wie die Iraner.
Sie halten eine Verständigung zwischen der israelischen Führung mit der Hamas für möglich?
Ja, aber das ist nicht das Problem. Das Problem in den nächsten zwei, drei Jahren wird Iran bleiben. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, dass die israelische Führung den Bau einer iranischen Bombe zulassen wird. Bei aller berechtigten Kritik an Olmert muss man ihm eines zugute halten: Er hat, wie übrigens auch Barak, die Fähigkeit, in schwierigen Situationen wichtige Entscheidungen zu treffen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
