Pakistan

Ein zu mächtiges Monster

Von Jochen Buchsteiner, Islamabad

Konfrontiert mit einem mächtigen Gegner: pakistanischer Soldat am Wochenende

Konfrontiert mit einem mächtigen Gegner: pakistanischer Soldat am Wochenende

17. Mai 2009 „Mein ganzes Leben habe ich Bart getragen, aber jetzt wünschte ich, dass alle mit Bärten erschossen würden.“ Afzal Khan Lala lacht und fasst sich an seinen langen weißen Bart.

Paschtunen behalten auch in schwierigen Zeiten ihren Humor. Dann findet der Gutsherr zum gebotenen Ernst zurück und zählt auf, was die Taliban in seiner Heimat alles zerstört haben: mehr als zweihundert Schulen, vierzehn Krankenhäuser, selbst die im Gebirge so wichtigen Brücken.

Enthauptungen und Prügelorgien

Ohne Zuhause: Flüchtlinge in der Nähe von Mardan

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Von den Enthauptungen und Prügelorgien gegen Frauen will er gar nicht erst berichten. „Der Swat war das Sinnbild des Friedens“, sagt er, „aber unter den Taliban ist er zur Hölle geworden.“

Lala gehörte zu den wenigen, die den Radikalislamisten die Stirn boten, als sie ihren Einfluss in Malakand gewaltsam ausdehnten und ihr eigenes „Rechtssystem“ errichteten. Die Taliban kannten ihren Widersacher und lauerten ihm auf; Lala verlor einen seiner Fahrer und entkam nur knapp, mit zwei Kugeln im Körper.

Statt ins Krankenhaus fuhr er heim, auf seinen Sitz in Drushkhela; er wollte die Moral seiner Angestellten nicht schwächen. Im Swat sind Stammesältere meist Großgrundbesitzer - und als solche kleine Fürsten, die ihrem Volk ein Vorbild sein müssen.

Getrennt durch Ideologie und Klasse

Heute empfängt Lala seinen Besuch in der Landesvertretung der Nordwestgrenzprovinz in Islamabad, zwei Autostunden von Swat entfernt. Er ist hier willkommen, weil er der „Awami National Party“ angehört, jener nationalistischen Regionalpartei, die den Mullahs von der MMA bei den Wahlen im vergangenen Jahr die Macht in Peshawar entreißen konnte.

Von den Taliban trennt den konservativen „Malik“ gleich zweierlei: Ideologie und Klasse. Denn das Ziel der Radikalislamisten im Swat-Tal ist nicht nur die Verbreitung der Scharia, sondern auch das Ende der feudalen Strukturen.

Sei nicht die erste Pflicht des Staates, den Schutz seiner Bürger und deren Eigentum zu garantieren, fragt der Paschtune: „Die Armee muss jetzt Stärke zeigen. Es geht um die Frage, wer am Ende den Swat beherrschen wird: der Staat oder die Taliban.“

Lob für Entschlossenheit des Militärs

Von allen Volksgruppen, aus allen Landesteilen und aus fast allen politischen Ecken darf sich die zuletzt wenig sympathieverwöhnte Armee unterstützt fühlen. So viel Rückhalt gab es selten. Die überwältigende Mehrheit des nationalen Parlaments, darunter die größte Oppositionspartei, befürwortete am Dienstag die Anti-Taliban-Offensive in den Distrikten Swat, Dir und Buner. Fast einhellig loben die Kommentatoren des Landes die Entschlossenheit des Militärs.

Selbst vor der „Roten Moschee“, die seit Jahren radikale Islamisten aus der Region anzieht, findet sich Zustimmung. „Allah erlaubt es nicht, seinen Glauben mit Gewalt zu verbreiten“, sagt Mohamed Sajar auf den Stufen des Gotteshauses. „Die Taliban verhalten sich nicht korrekt im Swat“. Hinter ihm stehen Arbeiter auf Gerüsten und verputzen die neue Fassade.

Die berühmte, auch berüchtigte Moschee im Herzen der Hauptstadt wird renoviert und erweitert. Nur zwei von Schüssen durchlöcherte Toyota, die nebenan auf einer Wiese stehen, erinnern noch an die dramatischen Szenen vor knapp zwei Jahren, als sich religiöse Extremisten in der Moschee tagelang Gefechte mit Soldaten lieferten und Hunderte starben.

Hunderttausende auf der Flucht

Aber Pakistan wäre nicht Pakistan, wenn die neue Geschlossenheit gegen die „Feinde des Staates“ (Premierminister Gilani) nicht Risse zeigte. Zu erkennen sind sie gleich auf der Rückseite des Gotteshauses, wo ein bärtiger Muslim in einem Wellblechanbau religiöse Literatur verkauft.

Er trägt eine rote Gebetskappe, die in Islamabad als Geste der Solidarität mit Abdul Rashid Ghazi gilt, dem Anführer des Rote-Moschee-Aufstands, der von den Soldaten im Sommer 2007 erschossen wurde: „Wir können die Offensive im Swat nicht gutheißen.“

Überall in Islamabad quillt die Jacaranda-Blüte hervor und taucht die Hauptstadt in Violett. Unendlich weit weg scheinen die Panzer, die die meisten nur im Fernsehen rollen sehen. An die 800 Taliban-Kämpfer sollen inzwischen getötet worden sein, vermeldet die Armee. Mehr als 800.000 Zivilisten haben ihre Häuser im Kriegsgebiet verlassen. Viele sind in Lager geflüchtet, andere versuchen, sich zu fernen Verwandten durchzuschlagen. Aus den ebenfalls unruhigen Stammesgebieten sind zudem an die 600.000 Menschen geflohen.

Keine Woche ohne Bombenexplosion

Pakistan hat sich eingerichtet mit Ausnahmezustand und Gewalt. Unbeeindruckt passieren die Hauptstädter die Checkpoints, an denen schwerbewaffnete Soldaten über Sandsäcken hervorgucken. Die zentrale Aga Khan Road ist nur noch im Schritttempo befahrbar; das dort gelegene Marriott-Hotel, dessen Foyer im vergangenen Herbst von einer Bombe zerstört wurde, gleicht dem Armeehauptquartier im Kriegsgebiet.

Die Rezeptionistin, die hinter meterhohen Sprengschutzwällen ihren Dienst versieht, behauptet freundlich, das Haus sei besser gebucht denn je.

In anderen muslimischen Ländern wie Indonesien genügte eine Handvoll größerer Anschläge, um die Regierung unter den Handlungsdruck der Bürger zu setzen. In Pakistan liegt die Schmerzgrenze höher: Seit Jahren vergeht kaum eine Woche, ohne dass eine Bombe explodiert und dabei oft Dutzende Menschen in den Tod reißt. Selbst nach großen Anschlägen wie dem spektakulären Terror-Angriff auf die srilankische Kricketnationalmannschaft in Lahore legte sich der öffentliche Aufschrei nach wenigen Tagen.

Universität auf der Zielliste der Terroristen

Verändert hat sich dies erst, seit die Taliban Ende April in den Distrikt Buner einmarschierten - nur hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Erstmals wurde die Bedrohung durch radikalislamische Extremisten hitziger diskutiert als die Wirtschaftskrise, der Parteienstreit oder der Kampf um die Wiedereinsetzung des Obersten Gerichtspräsidenten. „Buner“, sagt Professor Rifaat Hussain, „war der entscheidende Moment.“

Hussains Lehrstuhl für Strategische Studien liegt auf dem Campus der „Quaid-i-Azam“- Universität am Rande Islamabads. Am Gebäude gegenüber hängt eine Einladung an alle Studenten, die über die Swat-Offensive debattieren wollen. Es gibt das Gerücht, dass die Universität mit ihrem hohen Frauenanteil - selbst „Gender Studies“ werden hier angeboten - auf der Zielliste der Terroristen stehe. Viele Studentinnen tragen kein Kopftuch, und auch die meisten Studenten sehen mit ihrer westlichen Kleidung nicht danach aus, als wünschten sie sich ein Taliban-Regime.

In der Cafeteria wird aber deutlich, dass weniger Angst als Verständnis vorherrscht. „Sie reagieren doch nur“, nimmt ein Student die Taliban in Schutz. Die Offensiven der pakistanischen Armee und die amerikanischen Drohnenangriffe würden die Radikalislamisten in den Widerstand treiben. Seine Kommilitonen, allesamt Studenten der Betriebswirtschaft, widersprechen nicht. Eine hübsche, unverschleierte Frau versucht es mit heiterer Leichtigkeit: „Wenn schließlich alle Burka tragen müssen, tue ich es eben auch.“ Und wenn sie nach der Taliban-Scharia verprügelt werden soll? „Das würde mich doch nicht betreffen.“

Beginn einer neuen Zeit?

Wie nachhaltig ist die Unterstützung für ein Vorgehen gegen die pakistanischen Extremisten wirklich? Professor Hussain ist überzeugt, dass „eine andere Zeit“ angebrochen ist. Nur die islamistische Partei JUI habe sich gegen die Offensive gestellt, sagt er. Hussain macht in der Gesellschaft „Wut gegen die Taliban“ aus. Auch in der Justiz kann er keine Sympathien für Extremisten erkennen. Dass seit Herbst 2001 nur einziger Terrorist verurteilt wurde - er hatte ein Attentat auf den früheren Präsidenten Musharraf geplant -, habe nichts mit religiöser und ideologischer Kumpanei zu tun, sondern allein mit „Inkompetenz“.

Am wichtigsten erscheint dem Wissenschaftler aber der Strategiewandel der Armee. Seit vier oder fünf Jahren habe sie sich „Schritt für Schritt von den Taliban distanziert“. Inzwischen sei den Generälen bewusst, dass sie es mit „kontraproduktiven Elementen“ zu tun hätten, mit „einem Monster, das zu mächtig geworden ist“.

Am Nachmittag hält Pakistans ehemaliger Armeechef Mirza Aslam Beg eine Vorlesung zum Thema Swat: Die Nachrichten über einen Extremistenvormarsch seien „Propaganda“ - und die Taliban ein „Konstrukt“.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP

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