Libanon

Zwischen göttlichem Sieg und Café au lait

Von Markus Bickel, Beirut

13. Mai 2008 Die Geschäftsleute haben ihre Läden geschlossen gelassen am Tag danach. Aley, das Tor zum Schuf-Gebirge, wirkt wie ausgestorben diesen Montag, keine 24 Stunden, nachdem die hoch über Beirut gelegene Stadt die schlimmsten Kämpfe seit dem Bürgerkrieg erlebte.

Schnell fahren die wenigen Autos die steile Hauptstraße hinab Richtung libanesischer Hauptstadt, Fußgänger sind kaum unterwegs. Ein paar Kilometer weiter ragt wie zum Hohn auf den jüngsten Ausbruch der Gewalt das Denkmal für die Toten des Bürgerkrieges in die Höhe: ein halbes Dutzend in Beton eingelassene Panzer.

Hizbullah beweist militärische Überlegenheit

Ein unumwundenes Eingeständnis, dass die Hizbullah auch am fünften Tag in Folge als Sieger des innerlibanesischen Machtkampfs hervorgegangen ist, hatte die Gefechte rund um Aley am Sonntagabend zum Erliegen gebracht: Walid Dschumblatt, Vorsitzender der Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP), rief seine drusischen Kämpfer nach einem blutigen Nachmittag mit 36 Toten zum Einlenken auf.

Eine Drusin in ihrem zerstörten Haus südlich von Beirut: „Frieden und das End... Die libanesische Armee kontrolliert nur mit Duldung von Nasrallahs Kadern die... In drusisch dominierten Chouweifat, südlich von Beirut, kommt es weiter zu Ge... Geteilte Stadt: Die Hizbullah errichtet in Beirut Barrikaden

„Frieden und das Ende von Krieg und Zerstörung stehen über allen anderen Erwägungen“, sagte der von der EU und den Vereinigten Staaten als einer der wichtigsten Stützen der libanesischen Regierung geförderte PSP-Chef.

Gegen die von der Hizbullah unterstützten Einheiten seines drusischen Rivalen, Talal Arslan, hatten Dschumblatts Anhänger trotz westlicher Unterstützung keine Chance. Es war die zweite entscheidende Niederlage für die prowestliche Regierung im Krieg mit der Hizbullah, der am vergangenen Mittwoch begann.

In Beirut hatte die nach der israelischen Libanon-Invasion 1982 vom Iran aufgebaute schiitische „Partei Gottes“ schon Ende vergangener Woche ihre militärische Überlegenheit eindrücklich unter Beweis gestellt. In wenig mehr als einer Nacht gelang es den Einheiten ihres Generalsekretärs Hassan Nasrallah, die bislang von Unterstützern Ministerpräsident Fuad Sinioras und des Mehrheitsführers im Parlament, Saad Hariri, kontrollierten Westbeiruter Stadtviertel unter Kontrolle zu bringen.

Eine neue „Green Line“

Der Auslöser für die Kämpfe, die sich zunächst auf Beirut, am Wochenende dann auf das von Hariri-Anhängern dominierte nordlibanesische Tripoli und das südöstlich der Hauptstadt gelegene Schuf-Gebirge konzentrierten, war ein von Dschumblatt seit Wochen geforderter Kabinettsbeschluss, der die Zerschlagung des von der Hizbullah betriebenen Telefonnetzwerks verlangte.

In einer Brandrede bezeichnete Nasrallah die Entscheidung als „Kriegserklärung“ - und schlug militärisch zurück, mit durchschlagendem Erfolg. So weht auch am Bechara al Khoury-Platz, gelegen an der früheren Frontlinie „Green Line“, an diesem Montag die gelbe Fahne der Hizbullah.

Hohe Erdwälle sind hier, vis-à-vis zum Denkmal für den ersten Präsidenten nach der libanesischen Unabhängigkeiterklärung von Frankreich 1943, aufgetürmt. Nur ein paar Vespa-Fahrern gelingt es, die von Soldaten kontrollierte Schnittstelle zwischen mehrheitlich muslimisch und christlich bewohnten Vierteln zu passieren. Autos dürfen die nach den Bürgerkriegsjahren zwischen 1975 und 1990 abermals zum Brennpunkt gewordene Kreuzung von Ost- nach Westbeirut nicht überqueren.

Armee operiert mit Duldung von Nasrallahs Kadern

Zwar haben sich die Hizbullah-Kämpfer am Montag aus dem Westen Beiruts weitgehend zurückgezogen. Die Armee aber kontrolliert nur mit Duldung von Nasrallahs Kadern die Straßen. Auch zwischen Bechara al Khoury und dem seit anderthalb Jahren von der Hizbullah und ihren Verbündeten belagerten Märtyrerplatz im Stadtzentrum stehen immer wieder Soldaten, die ins Gespräch mit dunkel gekleideten Zivilisten vertieft sind, Mitgliedern des Sicherheitsdienstes der Parteimiliz.

„Hizbullah und Iran haben die Schlacht um Beirut gewonnen“, resümierte Dschumblatt am Wochenende treffend. Welche Konsequenzen der radikale Umsturz des politischen Systems durch die Hizbullah im Libanon mit sich bringt, werden erst die kommenden Wochen und Monate zeigen.

Schwer vorstellbar, dass das so von seiner großen, in westlichen Ländern seit Jahrzehnten tief verankerten Exil-Gemeinde geprägte Land zum fundamentalistischen Frontstaat mit Israel werden könnte.

Die steile Straße von Aley in die Hauptstadt hinab etwa ist geziert von Werbeplakaten mit aufreizend posierenden Models - im christlich dominierten Beiruter Osten sitzen auch an diesem Nachkriegsmontag Jugendliche in Cafés bei Café Latte und al Maza-Bier zusammen.

„Göttlicher Sieg“

Die Bekaa-Ebene allerdings, gelegen auf der anderen Seite des Libanon-Gebirges, liefert einen anderen Eindruck. Zwei Stunden nur braucht man vom drusisch-christlichen Aley über Baalbek bis an die Nordgrenze mit Syrien in al Kaa - und bekommt eine Ahnengalerie des schiitschen „Widerstands“ geliefert.

Viele Wände sind mit Bildern des iranischen Revolutionsführers Khomenei bemalt, dem im Februar ermordeten Hizbullah-Mitgründer Imad Magnijeh wird auf Dutzenden Plakaten gehuldigt. „Göttlicher Sieg“ prangt es von einem Plakat mit dem Bildnis Nasrallahs, eine iranische Hilfsorganisation preist den Bau einer Straße an.

Hier hat selbst der syrische Taxifahrer mit dem Foto des von libanesischen Regierungsanhängern verachteten Präsident Baschar Assads auf der Windschutzscheibe leichtes Spiel. Freundlich winken ihn die überall zwischen al Kaa und Baalbek postierten Soldaten durch die Checkpoints.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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