Zum Tode Ronald Reagans

Der Glaube an einen neuen Morgen

Ronald Reagan, 1911-2004

Ronald Reagan, 1911-2004

07. Juni 2004 Sein politischer Ziehsohn ist der Sohn, nicht der Vater: Ronald Reagan, der 40. Präsident der Vereinigten Staaten, der am Samstag im Alter von 93 Jahren in Los Angeles gestorben ist, sollte seinen Wiedergänger nicht in seinem unmittelbaren Amtsnachfolger George H. W. Bush finden, sondern in George W. Bush, dem 43. Präsidenten.

Es war nicht Bush Vater, der von 1980 bis 1988 Vizepräsident unter Ronald Reagan war, ehe er selbst endlich in dessen Fußstapfen treten und ins Weiße Haus einziehen konnte; es war Bush Sohn, der nach dem „Interregnum“ des Demokraten Bill Clinton zwischen 1992 und 2000, das Erbe der „Reagan-Revolution“ antreten sollte.

Spott für einen mäßigen Schauspieler

Tatsächlich sind die Parallelen auffällig, in der Innen- und der Wirtschafts- wie in der Außenpolitik. Und es bedarf keiner prophetischen Gabe, um vorherzusagen, daß die Diskrepanz der Wahrnehmung Ronald Reagans und George W. Bushs zwischen Europa und den Vereinigten Staaten so stark ist wie bei kaum einem anderen Präsidenten der jüngeren Vergangenheit. Welcher Spott ergoß sich 1980 aus Europa über die Vereinigten Staaten und ihre Wähler, als diese, statt den „Gutmenschen“ Jimmy Carter wiederzuwählen, einen aus 59 „B-Movies“ mäßig bekannten Schauspieler ins Weiße Haus schickten.

Eigentlich dauert dieses europäische Kopfschütteln vielerorts bis heute an, weswegen man aus den acht Amtsjahren Reagans vor allem den Waffenschmuggelskandal der Iran-Nicaragua-Affäre und die „Operetteninvasion“ in Grenada 1983 in Erinnerung behalten hat. Daheim dagegen schied Reagan Anfang 1989 mit der höchsten Popularitätsrate aller Präsidenten der jüngeren Vergangenheit aus dem Amt, und bei Umfragen über die besten Präsidenten in der amerikanischen Geschichte liegt Reagan stets auf einem der vordersten Plätze.

Wunschpräsidenten der konservativen Rechten

Ronald Reagan und George W. Bush sind ihrer jeweiligen Epoche die Wunschpräsidenten der evangelikalen Christen und der konservativen Rechten, die nach der moralischen Erschütterung der Vietnam-Ära und gegen die liberale „Zersetzung“ des Wertesystems für eine moralische Erneuerung auf der Grundlage von Familie, Kirche und Nation eintreten.

Reagan wie Bush stehen für eine Wirtschafts- und Finanzpolitik zur Stärkung der „Angebotsseite“, also der Förderung von Produktion und Leistung durch Minderung der Steuerlast und Kürzung der nicht mehr zu finanzierenden Sozialleistungen.

Und sie stehen für eine „muskulöse“ Außenpolitik mit wachsenden Militärbudgets, einer offensiven Verteidigungsdoktrin und innovativer Waffentechnik. Reagans Parolen vom „Frieden durch Stärke“ und vom „Reich des Bösen“ - gemeint war die Sowjetunion als großer Widersacher des Kalten Krieges - finden ihren Widerhall in der Bush-Doktrin von der vorbeugenden Selbstverteidigung und in der Formel von der „Achse des Bösen“ - gemeint sind die „Schurkenstaaten“ Irak, Iran und Nordkorea.

Ganz großer Hollywood-Star

Als Reagan im November 1980 mit deutlicher Mehrheit den demokratischen Amtsinhaber Jimmy Carter schlug, befand sich das Land in einem schlechten Zustand. Die Inflationsrate lag bei 13,5 Prozent, die Kreditzinsen gar bei sagenhaften 21,5 Prozent. Ganz großer Hollywood-Star, ließ sich Reagan die Gala zu seiner Amtseinführung 16,5 Millionen Dollar kosten, und er schleuderte, ganz „Großer Kommunikator“, Sätze von sich wie jenen, daß „in der gegenwärtigen Krise die Regierung nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems ist“.

Er versprach einen Abschied vom Verteilen staatlicher Wohlfahrtsleistungen nach dem Gießkannenprinzip, die Verschlankung der Bürokratie, die Förderung wirtschaftlicher Initiative durch die drastische Minderung der Steuerlast, die Erhöhung der Verteidigungsausgaben und die Wiedererrichtung des durch Selbstzweifel und außenpolitische Niederlagen wie die Geiselnahme von Teheran ins Wanken geratenen „all-amerikanischen“ Wertesystems.

Die ersten Wochen von Reagans Amtszeit waren chaotisch, aber fulminant. Schon im Februar 1981 stellte er sein „Programm zur wirtschaftlichen Erneuerung“ vor, kündigte die Streichung von noch unter Carter geplanten Ausgaben im Umfang von 18,8 Milliarden Dollar und eine Kürzung der Einkommenssteuer um 30 Prozent in drei Jahren an. Dann kamen, am 30. März, die Schüsse eines geistig wirren Attentäters, die der Präsident wegsteckte, als spiele er wieder einmal eine Rolle in einem Western-Film. Zu den Ärzten sagte er kurz vor der Operation: „Ich hoffe, Ihr seid alle Republikaner“, und bei seiner Frau Nancy entschuldigte er sich: „Sorry, Schatz, ich hab' vergessen, mich zu ducken.“ Der mit 69 Jahren älteste Präsident, der je ins Weiße Haus gewählt wurde, überstand den Mordanschlag und genas vollständig.

Die Verkörperung des amerikanischen Traums

Ronald Reagan, der am 6. Februar 1911 in Tampico im Bundesstaat Illinois in einfachen Verhältnissen geboren wurde, war die Verkörperung des amerikanischen Traums. Nach dem Studium der Soziologie, der Wirtschafts- und Theaterwissenschaften am Eureka College in Illinois arbeitete er zunächst als Sportreporter für Rundfunkstationen in Davenport und in Des Moines im Bundesstaat Iowa. 1937 folgte die Entdeckung als Schauspieler, darauf die beachtliche, zwei Jahrzehnte dauernde Hollywood-Karriere - auch als gewandter Vorsitzender der Schauspieler-Gewerkschaft.

Die erste Ehe mit der Schauspielerin Jane Wyman von 1940 wird acht Jahre später geschieden; 1952 heiratet Reagan eine weitere Kollegin, Nancy Davis. Die politische Laufbahn strebt er seit Mitte der fünfziger Jahre an, 1962 folgt der Wechsel von der Demokratischen zur Republikanischen Partei. Als Gouverneur von Kalifornien von 1967 bis 1974 sammelt er wichtige Erfahrungen und Macht in der Republikanischen Partei. Aus jener Zeit stammt die Sentenz: „Politik ist eigentlich wie Showbusiness - du hast einen grandiosen Aufstieg, du schwebst eine Weile, und du hast einen gewaltigen Abgang.“

„Reaganomics“

Der Satz beschreibt treffend, wie die großen Reformprojekte - von der „Reaganomics“ genannten Wirtschaftsreform bis zur Außenpolitik - in den Niederungen des Streits mit einem von der demokratischen Opposition kontrollierten Kongreß und die Wirklichkeiten praktischer Sicherheitspolitik verwässert wurden. Zwar brachten die Steuerkürzungen mit einiger Verzögerung tatsächlich den Aufschwung, drückten die Inflation und schafften 18 Millionen neue Arbeitsplätze. Doch durch die galoppierenden Militärausgaben schnellte das Haushaltsdefizit in die Höhe, die Sozialausgaben stiegen per Saldo, und die Regierung wuchs unter Reagan um drei Ministerien statt schlanker zu werden.

Der Impuls zur Befriedung des Nahen Ostens mit der Entsendung von 2000 Marineinfanteristen in den Libanon zerschellte an der harten Wirklichkeit des katastrophalen Anschlags vom 23. Oktober 1983 auf die Kaserne der Marineinfanteristen in Beirut, bei dem 241 Soldaten getötet wurden. Ein Jahr später waren alle Soldaten aus dem Libanon abgezogen. Der Sieg im Kalten Krieg gegen seinen Widersacher und späteren Freund Michail Gorbatschow, den Reagan bei seiner denkwürdigen Rede am Brandenburger Tor im Oktober 1987 aufforderte, die Mauer niederzureißen, war ebensosehr dem entschlossenen Anti-Kommunismus geschuldet wie dem Lauf der inneren Reformen in der Sowjetunion.

Dem Präsidenten entglitt die Kontrolle

In seiner zweiten Amtszeit, für die Reagan mit einem beispiellosen Wahlsieg über den blassen Herausforderer Walter Mondale bestätigt wurde, traten die Unzulänglichkeiten seines Management- und Politik-Stils deutlich zu Tage. Reagan beschäftigte sich mit Visionen, die er, verpackt in die brillante Rhetorik seiner Redenschreiber, glänzend vorzutragen vermochte.

Die Tagesarbeit überließ er seinen Beratern und Mitarbeitern im Weißen Haus - bis ihm die Kontrolle schließlich entglitt, wie die Iran-Contra-Affäre bezeugte. Am Ende blieb eine paradoxe Amtszeit, vom Schein ebenso geprägt wie von der Substanz. Nicht umsonst ist der Verkünder einer moralischen Erneuerung und einer konservativen Revolution bis heute der einzige amerikanische Präsident, der geschieden war.

Reagan war eine Art Fusionspersönlichkeit, der selbst die linke „New York Times“ in ihrem Nachruf über vier volle Zeitungsseiten vom Sonntag bescheinigte, „den Optimismus von Franklin D. Roosevelt, den Glauben in das kleinstädtische Amerika eines Dwight D. Eisenhower und die Kraft eines John F. Kennedy verband“. Als er sich 1994, nach der offiziellen Diagnose der Alzheimerschen Krankheit, mit seinem denkwürdigen „Brief an Amerika“ vom öffentlichen Leben verabschiedete, schrieb er: „Ich trete jetzt die Reise in den Sonnenuntergang meine Lebens an. Aber ich weiß, daß es für Amerika immer einen strahlenden Sonnenaufgang geben wird.“ Dieser Glaube an einen „neuen Morgen in Amerika“ ist sein Vermächtnis.

Text: rüb. rankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Juni 2004
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

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