Von Thomas Scheen, Naivasha
31. Januar 2008 In Kenia ist ein weiterer Abgeordneter der Oppositionspartei Orange Democratic Movement (ODM) erschossen worden. Nachdem schon am Wochenanfang ein Parlamentarier in Nairobi ermordet worden war, wurde am Donnerstag in der westkenianischen Stadt Eldoret der ODM-Abgeordnete David Kiumtai Too von einem Verkehrspolizisten getötet. Oppositionsführer Raila Odinga sprach von einem Komplott, um unsere parlamentarische Mehrheit zu schwächen. Die Hintergründe des Mords in Eldoret sind allerdings unklar.
Nach unbestätigten Informationen soll es sich um eine Eifersuchtstat handeln. Too habe zusammen mit einer Polizistin ein Hotel betreten wollen, als der Verkehrspolizist, der mit der Frau verlobt gewesen sein soll, das Feuer auf das Paar eröffnete. Auch die Polizistin erlag ihren Verletzungen.
Polizei bekommt Schießbefehl
In den Oppositionshochburgen Eldoret und Kisumu kam es danach zu spontanen Demonstrationen, die von der Polizei mit Warnschüssen und Tränengas aufgelöst wurden. Zahlen über Opfer lagen zunächst nicht vor. Die kenianische Polizei hat mittlerweile Befehl, mit gezielten Tötungen gegen Plünderer und Jugendbanden vorzugehen, die Überlandstraßen blockieren.
Odinga bezeichnete diesen Befehl, der direkt von Präsident Mwai Kibaki zu kommen scheint, als illegal. Der Befehl zeige nur die infernalische Bereitschaft der Regierung zur Vernichtung von Menschenleben, sagte Odinga. Ein für Donnerstag geplantes Treffen zwischen Regierung und ODM über eine mögliche Machtbeteiligung der Opposition oder die Bildung einer Übergangsregierung bis zu Neuwahlen wurde von Verhandlungsführer Kofi Annan abgesagt.
Hört auf, hört auf, hört auf!
Unterdessen forderte die Afrikanische Union (AU) auf ihrem Gipfeltreffen in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba eine sofortiges Ende der ethnischen Auseinandersetzungen, die geeignet seien, das Land in einen Bürgerkrieg zu treiben. Hört auf, hört auf, hört auf!, sagte AU-Kommissionspräsident Alpha Oumar Konaré an die Adresse aller kenianischen Parteien. Zuvor hat die kenianische Regierung versucht, die Krise in ihrem Land herunterzuspielen, war aber unter anderem von Südafrika in deutlichen Worten dazu aufgefordert worden, ein wirklichkeitsgetreues Bild der Situation zu liefern.
Die Afrikabeauftragte des amerikanischen Außenministeriums, Jendayi Frazer, hatte während des Gipfeltreffens die Vorgänge in Kenia als ethnische Säuberungen bezeichnet. Das amerikanische Außenministerium wollte diese Worte zwar nicht übernehmen und sprach lediglich von schweren Auseinandersetzungen. Gleichwohl drohen die Amerikaner mit einer Lösung von außen, wenn von innen keine gefunden werden kann.
Nach den schweren Zusammenstößen in Naivasha und Nakuru zwischen den Ethnien der Kikuyu, zu der Präsident Kibaki gehört, und den Luo, zu denen Oppositionsführer Odinga zählt, wird die Zahl der Obdachlosen mittlerweile auf 350.000 bis 400.000 geschätzt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP
