Von Renzo Ruf
15. März 2005 In Darfur sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen in den vergangenen 18 Monaten mehr als 180.000 Menschen durch Krankheit und Hunger ums Leben gekommen. Diese Zahl nannte der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, am Montag in New York.
Er halte 10.000 Tote pro Monat für eine vernünftige Schätzung, sagte er. Keine Angaben machte er über die Zahl der bei Kämpfen zwischen Milizen und Rebellen getöteten Menschen.
Konservative Schätzung
Es war die erste Schätzung der Zahl der zivilen Opfer des seit zwei Jahren andauernden Konfliktes im Westen Sudans, die Egeland öffentlich vorlegte. Die UN nannten bisher etwa 70.000 Tote. Diese Zahl war aber von Menschenrechtsorganisationen angezweifelt und als zu niedrig bezeichnet worden.
Auch die nun von Egeland genannte Zahl der Opfer müsse als konservative Schätzung bezeichnet werden, sagt Leslie Lefkow von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Solange aber der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Zutritt ins Krisengebiet verwehrt werde, sei eine fundierte Untersuchung der Zahl der Opfer nicht möglich.
Ermittelte Opferzahl hochgerechnet
Wie andere Schätzungen zuvor basiere Egelands auf Aussagen von Betroffenen für ein bestimmtes Gebiet während eines eingeschränkten Zeitraums: In diesem Fall handelt es sich um eine Erhebung der WHO aus dem vergangenen Herbst in ausgewählten Gebieten, wie eine UN-Sprecherin erklärt.
Die in einem Zeitraum von drei Monaten ermittelte Opferzahl werde danach hochgerechnet. Deshalb habe Egeland von einer Schätzung gesprochen. Klarheit über die zivilen Kriegsopfer werde also erst herrschen, wenn eine Untersuchung das gesamte Krisengebiet während der gesamten Dauer des Konfliktes abdeckt, sagt Leslie Lefkow.
Tatsächliche Zahl deutlich höher?
Andere Fachleute sind weniger zurückhaltend und verweisen auf eigene Berechnungen. So schätzt der amerikanische Professor Eric Reeves, der auch schon vor einem Ausschuß des amerikanischen Kongresses aussagte, die Zahl aller Toten in dem Konflikt auf mindestens 380.000.
Seine Zahlen beruhen insbesondere auf Gesprächen von Mitarbeitern der Nichtregierungsorganisation Coalition for International Justice mit 1136 zufällig ausgewählten Flüchtlingen im Herbst 2004 entlang der Grenze zu Tschad. Sie hätten ergeben, daß 61 Prozent der Befragten einen gewaltsamen Tod eines Familienmitglieds miterlebt hätten, sagt Reeves.
Unterschiedliche Einschätzung der Lage
Fachleute sind nicht nur über die Opferzahl uneins. Auch ihre Einschätzung der gegenwärtigen Lage unterscheidet sich. Egeland sagte nach einer Reise durch Sudan, der Konflikt sei zwar der schlimmste der Welt, dank der Reaktion der internationalen Gemeinschaft sei die Krise nun aber eingedämmt. Und die UN teilten mit, im Februar sei die Versorgung von 1,6 Millionen Flüchtlingen gewährleistet gewesen.
Dagegen ist die Nichtregierungsorganisation International Crisis Group der Ansicht, daß sich die Situation in Darfur verschlechtert.
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