Shinzo Abe

Der Dynastische

Von Anne Schneppen, Tokio

Shinzo Abe: Mitgefühl und Abschreckung

Shinzo Abe: Mitgefühl und Abschreckung

26. September 2006 An einem heißen Tag im August stand Shinzo Abe gesenkten Hauptes auf einem sanften Hügel in Nagato und betete. Neben ihm seine Frau und seine Mutter, vor ihnen das Familiengrab. Abe gedachte seines Vaters, der 1991 gestorben war, ohne seinen Traum zu verwirklichen. Außenminister Shintaro Abe war dem mächtigsten politischen Amt Japans ziemlich nahe gekommen, bis in den späten achtziger Jahren der Schatten eines Bestechungsskandals auf seine Karriere fiel und ihn letztlich ein Krebsleiden bezwang.

Nun betete der Sohn wieder vor dem Grab, wie vor 13 Jahren, als er von diesem Ort aus in den Wahlkampf zog, um das Parlamentsmandat des verstorbenen Vaters zu verteidigen, und abermals gelobte er, dessen Vermächtnis zu vollenden. Die ländliche Provinz Yamaguchi - eineinhalb Millionen Einwohner, bekannt für Keramik und die gefährliche Delikatesse Kugelfisch - rühmt sich als eine der Wurzeln der Meiji-Restauration, die am Ende des 19. Jahrhunderts Japan modernisierte.

„Gefährlichster Politiker Japans“?

Abe nach seiner Wahl: Vision eines starken Japans

Abe nach seiner Wahl: Vision eines starken Japans

Sieben Ministerpräsidenten hat Yamaguchi hervorgebracht, so viele wie keine andere Provinz. Daß Vater Shintaro nicht der achte Ministerpräsident wurde, treibt den Sohn bis heute an. Jetzt hat er selbst die Lücke geschlossen. Dabei spielt es keine Rolle, daß Shinzo Abe in Tokio geboren und aufgewachsen ist. Er stammt aus einer der wichtigsten Politiker-Dynastien des Landes, er ist der Stolz von Yamaguchi.

Abe ist mit seinen 52 Jahren nicht nur der erste japanische Ministerpräsident sein, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren ist, sondern dazu noch der jüngste. Er ist allerdings auch, gemessen an seinen Jahren im Parlament und seinen bisherigen Kabinettsposten, der unerfahrenste. Vielleicht ist er auch deshalb so schwer zu greifen. Für die einen ist er der „gefährlichste Politiker Japans“, der das Land in den Nationalismus, wenn nicht gar Militarismus führen wird. Andere preisen seinen Pragmatismus, seine gewinnende Art, seinen feinen Stil und seine Loyalität. An Shinzo Abe scheiden sich die Geister.

Retter der Verschleppten

Tatsächlich baut Shinzo Abe seine Popularität auf Mitgefühl und Abschreckung. Wie kein anderer Politiker nahm er sich der von Nordkorea entführten Japaner und deren Familien an - und zwar schon zu einer Zeit, als die wenigsten in Japan überhaupt glauben mochten, was man heute weiß: daß Agenten des stalinistischen Regimes japanische Studenten, Fischer und sogar ein Kind bei Nacht und Nebel nach Nordkorea verschleppten, um sie dort als Sprachlehrer für Spione einzusetzen. Shinzo Abe wurde zum Retter der Verschleppten, dem es durch Unnachgiebigkeit und Geschick schließlich gelang, daß auch einige Angehörige von Entführten freikamen.

Zugleich schürte und nutzte er die Emotionen, festigte das Feindbild so sehr, daß Nordkorea in Japan heute als Bedrohung erscheint, gegen die man sich rüsten muß. Als Pjöngjang im Juli sieben Raketen testen ließ, dachte Abe laut über mögliche japanische Präventivschläge nach. Er war es auch, der begrenzte taktische Nuklearwaffen als „nicht unbedingt verfassungswidrig“ bezeichnete.

Vision eines starken Japans

Japans neuer starker Mann bricht Tabus - andere allerdings als sein Vorgänger. Dennoch verkörpert er eine Politik, die fast in logischer Folge von Junichiro Koizumi steht. Es ist vor allem die pazifistische, von Amerikanern diktierte Nachkriegsverfassung, die Abe als degradierend empfindet; er will ein neues, von Japanern entworfenes Dokument. Er argumentiert mit einer gefährlicheren Welt, mit einer Allianz gegen Terror und Diktaturen, die Japans auf Selbstverteidigung beschränkte Verfassung nicht mehr zeitgemäß erscheinen lasse. Über Jahrzehnte erregten solche Äußerungen auch im Inland Kritik, doch die eisernen Pazifisten haben an Einfluß verloren. Aus japanischer Sicht erscheint die Region unsicherer als zuvor, China steigt auf, Nordkorea droht mit Atomwaffen, und die langen Rezessionsjahre haben das Selbstbewußtsein angeknackst.

Koizumi nimmt Abschied

Koizumi nimmt Abschied

Nach Koizumi verspricht Abe die Vision eines starken Japans, das entsprechend seiner wiedererwachten Wirtschaftskraft auch nach politischer Anerkennung verlangt. „Japan wird einer Außenpolitik folgen, die klare Ansprüche stellt, basierend auf seinen nationalen Interessen“, sagt Abe, und es ist auch dieses unverblümte Eigeninteresse, das ihm zu Hause Respekt einbringt. Abe steht für eine selbstbewußtere Generation, er spricht für jene, die es leid sind, daß sich Japan ständig wegen Missetaten im Zweiten Weltkrieg entschuldigen soll, und die China mehr als Gefahr denn als Herausforderung sehen. Er findet aber auch Gefallen bei Älteren, wenn er etwa mehr Patriotismus in den Schulen fordert. Abe selbst bezeichnet sich als Nationalist, aber auch als Demokrat und Mann des Rechtsstaats.

Repräsentant von Establishment und Elite

Seine nationalistischen Töne und seine Besuche am Yasukuni-Schrein haben in China und Südkorea schon früh Mißtrauen gesät. Wie so oft scheint Abe auch in Sachen Yasukuni von seiner Familiengeschichte geprägt. Großvater Nobusuke Kishi diente im Kriegskabinett von Hideki Tojo, der einer jener Kriegsverbrecher war, die in den Tokioter Prozessen zum Tode verurteilt wurden und deren Seelen im Yasukuni-Schrein verehrt werden. Kishi wurde ebenfalls verdächtigt, drei Jahre inhaftiert, aber nie angeklagt. 1957 wurde er Ministerpräsident. Für den jungen Abe war der Großvater eine Leitfigur - schon Kishi tat sich schwer mit der Verfassung, verabscheute den Kommunismus und suchte Stärkung im Bündnis mit Amerika.

Der junge Abe erlebte Demonstrationen gegen die Politik seines Großvaters und seines Großonkels Eisaku Sato, der es ebenfalls zum Ministerpräsidenten brachte. Die Familie ist politischer Adel, und als wäre dies nicht genug, hat sich ihr erfolgreichster Sproß durch Heirat auch noch die Wirtschaftsaristokratie erschlossen. Der Vater seiner Frau leitete einen der größten Süßwarenkonzerne. Wie kaum ein anderer repräsentiert der studierte Politologe Establishment und Elite, und im grauen Heer der Parteibürokraten sieht man ihm dies auch an. Der telegene Abe hat durchaus Charisma, mit der natürlichen Arroganz eines politischen Blaubluts. Zwar besitzt er nicht den dynamischen Stil des Exzentrikers Koizumi, doch im Ansatz zeigt auch Abe mitreißende Wirkung. Fernsehzuschauer wählten ihn zum schicksten Politiker, und seine Vorliebe für italienische Eiscreme steckte Abertausende an.

Die Provinz Yamaguchi hat schon viele politische Führer hervorgebracht, auch Revolutionäre. Einer von ihnen war Shoin Yoshida, ein junger Gelehrter, der Mitte des 19. Jahrhunderts gegen das Shogunat aufbegehrte. Wenn Japan nicht vom Westen lerne, werde es von Ausländern überrannt, sagte er. Natürlich hat Yamaguchi einen Shoin-Schrein und ein Shoin-Geschichtsmuseum, und natürlich sind die Einheimischen überzeugt, daß Shinzo Abe in Shoin Yoshidas Geist Japan voranbringen wird. Das Shoin-Museum in Hagi wartet seit Ende der achtziger Jahre auf ein neues Exponat: den achten Ministerpräsidenten aus der Provinz. Das Abbild von Shintaro Abe hatte man schon voreilig in Wachs gießen lassen. Dieser Traum erfüllte sich nicht. Doch nun, nachdem Shinzo Abe an diesem Dienstag zum Regierungschef gewählt wurde, kann endlich wieder eine große Figur Yamaguchis in die Geschichte einziehen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP, dpa

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