Von Jörg Bremer, Ramat Rachel
05. Mai 2008 Den gemeinsamen Speisesaal gibt es noch, auch das Wäschehaus, in dem sich jedes Kibbuzmitglied aus dem Fach mit seiner Mitgliedsnummer die frisch gewaschene, geflickte und gebügelte Wäsche abholt. Aber sonst ist im Kibbuz Ramat Rachel südlich von Jerusalem wenig übrig von seinen Anfängen im Jahr 1929.
Und dieser Kibbuz ist keine Ausnahme. In Israel, das in diesen Tagen seine Gründung im Mai vor 60 Jahren feiert, spiegeln die Kibbuzim wider, wie sich die Gesellschaft verändert hat: Sie ist gespalten, und Individualismus dominiert. Die Kibbuzgemeinschaft, die klassenlos begonnen hat, ist deutlich älter als der Staat, den sie mehrere Jahrzehnte lang getragen hatte. Jetzt sind die Kibbuzim geradezu Symbole für das neue Israel, und ihre Zukunft sieht trübe aus.
Mit Schwimmbad und Fitness-Center
Ramat Rachel ist relativ klein und hat nur 150 Mitglieder. Der Wohnraum reicht nicht aus, um neue Bewerber aufzunehmen. Die Nähe zu Jerusalem macht den Kibbuz attraktiv, und auch die Lebensqualität ist hoch. Die kleine Ortschaft liegt auf einem Berg und blickt nach Bethlehem in Richtung über das traditionelle Grab der Mutter Rachel hinweg wie nach Jerusalem im Norden. Kleine Häuser stehen auf großen Grundstücken mit gepflegten Gärten. Es gibt Kirschbaumplantagen, einen archäologischen Park und einen Skulpturenpark. Viele Leute aus Jerusalem ziehen auch das Schwimmbad und das Fitness-Center an.
In Israel haben sich viele Kibbuzim spezialisiert. In Kfar Blum im Norden wird seit den fünfziger Jahren ein System für Tropfenbewässerung von Pflanzen hergestellt. In Hagoshrim produziert man seit den achtziger Jahren weltbekannte Damenrasiergeräte. Im Kibbuz Degania Bet ist im ersten Kuhstall seiner Geschichte eine Pralinenfabrik in Betrieb.
Im nahen Degania A, dem ältesten Kibbuz Israels am See Genezareth, hat man sich auf Diamantwerkzeuge konzentriert. Im Jahr 1910 hatten dort die ersten zehn Siedler in einer Art Grundsatzerklärung festgelegt: Wir kamen, um eine unabhängige Siedlung hebräischer Arbeiter zu errichten, auf nationalem Land - eine kollektive Siedlung ohne Ausbeuter und Ausgebeutete - eine Kommune.
Wiedergutmachung vom Staat
Ramat Rachel dagegen hat nur das Gästehaus, das die meisten Kibbuzim haben, in eine noble Herberge verwandelt und bietet weitere Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung. Die Landwirtschaft blieb eine weitere Einnahmequelle. Aber dass Ramat Rachel überleben kann, hängt vor allem mit einem gewonnenen Rechtsstreit zusammen. Die Stadt forderte vor einigen Jahren das vom Kibbuz bestellte Land für sich. Die Kibbuzmitglieder zogen vor Gericht. Auch wenn das Land nicht ihnen, sondern vor allem dem jüdischen Nationalfonds gehörte, lebten sie doch von dessen Bewirtschaftung.
Sie forderten und erhielten Wiedergutmachung. Der Kibbuz baute mit dem Geld Wohnungen, die es vermietet. Den Rest verbrauche der Kibbuz, sagt Claudia Adaba, ein deutsches Kibbuzmitglied; als junge Volontärin war sie vor 30 Jahren dort eingetreten. Dort zog sie ihre drei Kinder groß, die mittlerweile als Soldaten dem Staat dienten.
Als sie in den Kibbuz gezogen sei, habe noch Gleichheit geherrscht. Es gab zwölfmal Winterkleidung, im Frühjahr zwölfmal Kleider für den Sommer. Und auszuwählen gab es nichts. Zum jüdischen Jahresanfang im Herbst Sportschuhe, zu Pessach im Frühling bekamen wir Sandalen, erinnert sich Claudia Adaba. Vor knapp zwanzig Jahren habe dann jedes Kibbuzmitglied ausreichend Geld erhalten, um selbst Kleidungsstücke zu kaufen.
Ungleichheit macht sich breit
So werde das auch heute noch gehandhabt; auch heute erhalte jedes Mitglied pro Monat ein Taschengeld von etwa 300 Euro. Für die einen ist das das Minimum, für die anderen ein kleines Zubrot. Denn längst haben wir Reiche, sagt Claudia Adaba. Sie könnten sich ein eigenes Auto leisten und mehrmals im Jahr ins Ausland reisen. Das hängt damit zusammen, dass diejenigen, die von Verwandten erbten, ihr Erbe nicht mit dem Kibbuz teilen müssen. Zuweilen heiratet ein Mitglied auch einen reicheren Partner außerhalb des Kibbuzes. Der kann zwar mit in den Kibbuz einziehen, aber will meistens kein Mitglied mit Pflichten werden.
In Israel leben in 268 Kibbuzim etwa 118 000 Menschen, eine Minderheit unter den knapp sechs Millionen israelischen Juden. Die Kibbuzim sind mit Ausnahme der religiösen Siedlungen in der Vereinten Kibbuzbewegung zusammengefasst, die politisch der israelischen Arbeiterbewegung nahesteht und säkular ist. In den besetzten Gebieten gibt es keine Kibbuzim. In den Geschichtsbüchern dieser Kommunen wird über die militärischen Auseinandersetzungen mit den Arabern vor der Staatsgründung und später während der Staatsgründung 1948 berichtet.
In den sechziger Jahren wuchsen die Kibbuzim stärker als die normalen Ortschaften. Aber seit 1990 schrumpfen sie: In den achtziger Jahren stürzten hohe Inflation und Zinsen manche landwirtschaftliche Genossenschaft in die finanzielle Krise. Jene Siedlungen, die nicht moderne Industriebetriebe aufbauten, mussten schon damals privatisiert werden. Ideologisch trug der Zusammenbruch des Kommunismus zur Schwächung der Kibbuzim bei. In Zeiten des Internets wirkt die landwirtschaftliche Kibuzzidylle wie eine Urvatermär.
Abhängig von den Arabern
Nur noch 15 Prozent der Kibbuzim leben von der Landwirtschaft. Die meisten bieten Dienstleistungen an: Hotels, Sportanlagen oder Schulen. Früher bestimmte das Kibbuz, welche Arbeit die Mitglieder verrichten. Heute können sie selbst wählen. Einst war die Versorgung für alle gleich, mittlerweile können sich viele Kibbuzmitglieder eine private Krankenversicherung leisten. Auch die gleiche Bezahlung für alle Mitglieder existiert nicht mehr: Ältere werden meist besser bezahlt als junge. In der Vergangenheit leistete sich das Kibbuz kaum Arbeiter von außerhalb. Längst sind es vor allem Angestellte, die nicht im Kibbuz leben, die in dessen Einrichtungen arbeiten.
Claudia Adaba ist für die Wäschekammer zuständig und verlässt sich dabei auf arabische Arbeiter aus dem Nachbardorf Tzur Bacher: Da weiß ich, dass die kommen. Sie leben von der Arbeit, während auch ein faules Kibbuzmitglied sein Taschengeld bekommt und darum nicht verlässlich arbeitet. Früher entschieden die Mitglieder selbst darüber, was im Kibbuz geschah. Heute herrscht in den großen Siedlungen die repräsentative Demokratie. Einst waren sie für die Erziehung der Kinder zuständig. Längst fährt von Ramat Rachel der Schulbus die Schüler in die Stadt.
Verbunden blieben die alten Kibbuzim zumindest mit den Namen der zionistischen Anfänge. Jeder wusste, dass der Prophet der Arbeit Gordon in Degania A lebte und der frühere Bürgermeister von Jerusalem, Kollek, Ein Gev am See Genezareth mitgegründet hatte. In Ramat Rachel gibt es auch keine Volontäre mehr. Bei uns endete das schlagartig mit der zweiten Intifada. Die Volontäre zogen ab, und seither sind wir von Arabern abhängig und von Thailändern in der Landwirtschaft.
Ungewisse Zukunft
So gingen die meisten Ideen der Kibbuzbewegung verloren. In kleinen Kibbuzim mag es noch Gemeinschaft wie früher geben. Aber in den großen, die wirtschaftlich produktiv sind, gibt es längst Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die etwa die Gründer von Degania A überwinden wollten. Auch Claudia Adaba denkt wohl ähnlich: Die wollen uns immer weniger geben. Früher erhielt man alle drei Jahre eine Sonnenbrille. Heute muss ich die selbst bezahlen. Früher wurden die Briefmarken bezahlt und die Busfahrt zum Arzt, und Frauen gingen zum Friseur im Kibbuz. Den gibt es nicht mehr, und so müsste ich mir den teuren Damenfriseur draußen leisten.
Die Mitglieder sind sich über die Zukunft uneinig. Die eine Hälfte will wenig verändern, die andere die völlige Privatisierung. Aber für eine Veränderung braucht man in der Vollversammlung genau 66,7 Prozent. Die aber gibt es nicht. "Früher versprach ein Kibbuz Sicherheit und Geborgenheit. Das ist dahin - genauso wie die Sicherheit Israels. Der Mensch ist nicht für den Sozialismus gebaut. Er ist nun einmal egoistisch", sagt Claudia Adaba. Sechzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel steht die Kibbuzbewegung vor ihrem Ende. Von den sozialistischen Ideen der Staatsgründer und dem Vertrauen der Kibbuzväter in Ausgleich und Frieden ist wenig geblieben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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