Naher Osten

Jerusalem mauert sich ein

Von Jörg Bremer, Jerusalem

Jeder Baukilometer kostet drei Millionen Euro

Jeder Baukilometer kostet drei Millionen Euro

23. September 2003 Widad Muslech trägt zwar den langen Mantel, der sie als religiöse Muslimin kenntlich macht. Aber das hindert sie nicht daran, durch das kleine Loch zwischen den großen Betonquadern zu kriechen, die sich in Abu Dis mitten auf der Hauptstraße erheben und diese östliche Vorstadt von Jerusalem in zwei Teile teilt. "Was soll ich tun? Ich arbeite im Merkassed-Krankenhaus in Jerusalem. Aber ich wohne mit meiner Familie auf der anderen Seite der Mauer."

Die verbaute Straße verband einst Abu Dis mit Jerusalem und seiner Altstadt. Sie ging vom biblischen Bethphage über Abu Dis weiter nach al Azzarie, dem Bethanien des Lazarus, bis nach Jericho. Heute sind diese Orte eingeschlossen. Im Westen stehen die neuen Sperranlagen. Von Osten her breitet sich die israelische Siedlung Maale Adumim aus und wird Abu Dis und seine Nachbarorte einkesseln.

Wie Widad Muslech klettern viele hundert Palästinenser jeden Tag durch das kleine Loch: Frauen und Männer, Schulkinder und Studenten der Al-Quds-Universität, der arabischen Hochschule im Osten Jerusalems. "In der Regel sind keine Soldaten dort oben auf dem Dach des Geschäfts", sagt sie und zeigt auf verwaiste Tarnnetze und Sandsäcke über einem Laden. Noch gibt es Löcher wie diese in der neuen Sperranlage zwischen Israel und den Palästinensergebieten.

Klage gegen Enteignung

Doch die jüngsten Anschläge machen den Bau aus israelischer Sicht immer wichtiger. Aus dem Westjordanland kamen die letzten Attentäter. Deshalb forderte Finanzminister Netanjahu, die "Geschwindigkeit beim Bau der Trennmauer zu verdoppeln, vor allem rund um Jerusalem". Sein Ministerium, das sonst alle zum Sparen anhält, werde dafür die nötigen Mittel freigeben. Verteidigungsminister Mofaz sagte, von den geplanten insgesamt 78 Kilometern Sperranlage seien um Jerusalem schon 17 Kilometer fertiggestellt.

Aber würde eine solche Trennmauer gegen den Terror helfen? Niemand kann erklären, warum die palästinensische Bevölkerung auf der "israelischen Seite" Israel gegenüber freundlicher eingestellt sein sollte als auf der anderen. "Bald werden die Betonquader durch eine fest gebaute Mauer ersetzt, und dann ist Abu Dis geteilt wie einst Berlin", sagt der Physiker Walid Ajjad.

Ihm gehört das Cliff-Hotel, das er schon aus Mangel an Touristen zu einem Appartementhaus umbauen wollte. Es liegt auf der Spitze des Hügels von Abu Dis. Ajjad zeigt die Enteignungsanordnung: "Für das Verteidigungsministerium informieren wir Sie hiermit von der Absicht, Ihr Gebäude für militärische Zwecke zu enteignen." Das Schreiben fordert ihn auf, an seinem Haus nicht weiterzubauen. "Wir gehen mit diesem Bescheid vor Gericht", kündigt er an. Die Tatsachen sprechen aber schon eine deutliche Sprache. Nach den israelischen Plänen soll die Mauer den Garten des Cliff-Hotels zerschneiden. Die Anlage wird auch die bisherige Zugangsstraße blockieren, was schon jetzt die Universität zu spüren bekommt, die dort einen Gebäudekomplex unterhält.

Jüdische Einwohner dürfen bauen

Noch erstreckt sich das Land vor dem Garten des Hotels in felsiger Kargheit unbebaut hinab ins Kidron-Tal. Palästinenser wurden hier enteignet und durften nicht bauen. Aber jüdische Einwohner dürfen. Zum Beispiel der in Miami lebende nationalreligiöse Jude Irving Moskowitz. Er kaufte schon seit 1969 Grundstücke im Osten Jerusalems. "In dieser Stadt baut die jüdische Nation", sagt der Arzt im Ruhestand mit sanfter Stimme. "Wenn es einen richtigen Frieden geben soll, dann werden ja wohl auch Araber zwischen Juden wohnen können", erwartet er. Moskowitz hat gute Beziehungen zu Likud-Politikern wie Netanjahu und Scharon. Schon gibt es Pläne für eine weitere Wohnanlage auf dem Land vor dem bisherigen Cliff-Hotel. Ein Betongebäude steht schon als Platzhalter auf dem "Moskowitz-Hügel". Er habe das Land rechtmäßig erworben, fügt er an.

Bis 1967 gehörte Abu Dis zu Ostjerusalem. Nach dem Sechs-Tage-Krieg und der Eroberung der gesamten Stadt durch die israelische Armee wurde Abu Dis "ausgemeindet". Das meiste Land wurde als Grünzone für unbebaubar erklärt oder enteignet. Für die Palästinenser blieb Abu Dis aber ein Teil von Jerusalem oder al Quds, wie viele die Stadt nennen. Es soll einst den Regierungssitz des Staates Palästina aufnehmen. Gleich hinter dem Cliff-Hotel entsteht ein Bau, der das Parlament sein könnte. Der neue palästinensische Ministerpräsident Qurei wohnt nicht weit davon entfernt.

Nicht nur Abu Dis, sondern auch die anderen dicht bevölkerten Vorstädte al Azzarije, A-Ram und das Kalandia-Flüchtlingslager wurden nach 1967 aus dem Stadtgebiet von Jerusalem ausgegliedert. Dafür schlug Israel 28 palästinensische Dörfer mit ihren landwirtschaftlichen "Leerflächen" der Stadt zu. Sie machen heute 90 Prozent des 70 Quadratkilometer umfassenden "Ostjerusalem" aus. "Das Land gehört den Palästinensern. Aber nur die Israelis dürfen darüber verfügen", schreibt die jüdische Stadtplanerin Sarah Kaminker.

„Physische Trennung“

Die angespannte Lage wird nun noch durch den Ausbau des Zauns zur "physischen Trennung" verschärft, der nach demselben Prinzip gezogen wird: Er soll möglichst viel Land zur Stadt bringen, aber möglichst viele Menschen fernhalten - denn die Palästinenser bringen den Terror. So verläuft die Grenze nicht nur in Abu Dis quer durch die Wohngebiete, sondern auch im Norden der Stadt, wo sie Beit Hanina teilen wird. Auf beiden Seiten leben arabische Einwohner, die ein Wohnrecht in Jerusalem haben. Die einen können sich frei bewegen. Die anderen müssen den Kontrollpunkt A-Ram überqueren. Wenn sie noch weiter im Norden von Ostjerusalem wohnen, auch den Kalandia-Kontrollpunkt, der jeden Abend um neun Uhr schließt. Sie werden scharf kontrolliert.

Auch nach Süden will sich das israelische Jerusalem ausdehnen. Die Behörden genehmigten in den siebziger Jahren den Bau des neuen Stadtteils Gilo und 1995 von Har Homa, wo mehr als 7.000 Wohneinheiten entstehen und zum Teil schon bezogen sind. Der noch bis in die neunziger Jahre letzte bewaldete Hügel Dschebel Abu Gneim, den die Israelis Har Homa nennen, trennt den Norden Bethlehems und Beit Sahurs von den arabischen Dörfern Zatarah und Obeidejeh und verhindert so das Wachstum dieser Orte. Schon zieht sich ein Stacheldraht mit elektronischen Meldern von der Gegend der Siedlung Tekoa nach Beit Sachur bis zum "Kontrollpunkt 300", der bisher die Grenze zwischen Jerusalem und Bethlehem markiert.

Jeder Baukilometer kostet etwa drei Millionen Euro. Die israelische Führung plant, sich praktisch ganz einmauern. Schon wurden zwischen Israel und dem nördlichen Westjordanland gut 125 Kilometer fertiggestellt. Jerusalem soll mit Mauer oder Zaun extra gesichert werden. Die Sperranlagen werden so tief nach Osten vordringen, daß sie wohl den Norden und Süden des Westjordanlands voneinander trennen werden.

Land dazugewinnen

Die Idee der "physischen Trennung" von den Palästinensern entstand bald nach Ausbruch der Gewalttätigkeiten im Herbst 2000. Israelis hatten sie befürwortet. Der damalige Ministerpräsident Barak nahm sie auf und drohte nach dem Fehlschlag der Camp-David-Gespräche der Autonomiebehörde auch mit der "einseitigen Trennung". Im Amt des Ministerpräsidenten wurden die ersten Landkarten mit ihren roten Linien versehen - immer östlich der Grünen Linie, der Waffenstillstandsgrenze von 1967, auf palästinensischem Gebiet.

Nach Ansicht von Jeff Halper, einem Bürgerrechtler in Jerusalem, soll die Mauer nicht nur das Leben der Israelis vor Terror schützen. "Die Mauer soll das gesamte Westjordanland so kontrollieren helfen wie jetzt schon den Gaza-Streifen." Dazu solle es Land für Israel hinzugewinnen, die Palästinenser kollektiv bestrafen und einseitig spätere politische Grenzen vorbestimmen. Schließlich aber sei die Mauer der sichtbarste Hinweis darauf, daß sich Israel nicht in seine arabische Umwelt einbetten wolle, meint Halper.

Der Geschäftsmann Amjad Awwad in Bethlehem ist dennoch erleichtert. Die jüngste Anordnung des israelischen Militärs sieht eine Grenzmauer zwischen seinem Wohnhaus und seinem Geschäft auf der anderen Straßenseite nicht mehr vor. Seine Familie verliert zwar weiter Land. Aber ihr Haus wird nicht enteignet wie das von anderen Nachbarn. Die Familie Awwad gehört zu den Christen am Ortseingang von Bethlehem, die seit Monaten um ihre Existenz fürchten. Auch der Clan von Bürgermeister Nasser ist davon betroffen. Die Mitglieder beider Familien sind Einwohner von Bethlehem in den palästinensischen Autonomiegebieten. Aber der Staat Israel will seine Grenzen über die annektierten Gebiete von Gilo und Har Homa noch weiter nach Süden ausweiten.

"Umschlag" um Jerusalem

Israel möchte das vermeintliche "Grab der Rachel" eingemeinden. Jakobs Frau sei auf dem Weg von Jerusalem nach Hebron bei der Geburt eines Kindes gestorben und in "Efrata nördlich von Jerusalem" beerdigt worden, heißt es in der Bibel. Erst im 5. Jahrhundert vor Christus "zog" der traditionelle Sterbeort an einen Platz südlich von Jerusalem um, wo ihn spätestens die byzantinischen Kirchenväter mit einem Bau befestigten. Heute beten vor allem orthodoxe Jüdinnen an Rachels Grab, das wegen der jüngsten Unruhen zur Festung ausgebaut wurde. Um die Pilger vor jeder Gefährdung zu schützen, werden nun Jerusalem und das Grab verbunden. Eine gemauerte Umschalung von der Stadt zum Grab soll das gewährleisten. Die Familien Awwad und Nasser ziehen jedoch mit ihren Nachbarn vor Gericht. Unter amerikanischem Druck, heißt es, werde Israel wohl bald noch einmal neue Pläne vorlegen und den Verlauf der Sperranlage noch enger ziehen müssen. Oder wäre nicht vielleicht ein Tunnel aus der Stadt zum Grab genug?

Der "Umschlag" um Jerusalem ist in der israelischen Bevölkerung nicht umstritten. Die Mehrheit will ihn. Sie hofft, sich vor Terror zu schützen. Das israelische Verteidigungsministerium zitiert das Oberste Gericht, wonach es Israel erlaubt ist "im Kontext der Selbstverteidigung" eine "Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, um Terroristen abzuhalten".

Viele Israelis beruhigen die neuen Sperranlagen. Doch faktisch werden nach den bisherigen Landenteignungen um Jerusalem 50.000 Palästinenser aus dem Westjordanland auf die israelische Seite kommen, während einige zehntausend bisherige arabischer Einwohner Jerusalems durch die Mauer von Jerusalem getrennt würden. Jerusalem würde "arabischer" werden und die Terrorgefahr in seinen Mauern bliebe erhalten. In einigen Fällen hat sich Amerika schon gegen die israelischen Mauerpläne durchgesetzt. Israel dürfe sich verteidigen, aber es dürfe dabei nicht die bisherige Grenze zu den arabischen Gebieten unbillig überschreiten. Netanjahu sagte dazu: "Wir müssen den Zaun nach unseren Sicherheitsüberlegungen ziehen, ohne daß wir internationalen Elementen erlauben, uns seinen Verlauf zu diktieren."

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.09.2003, Nr. 222 / Seite 3
Bildmaterial: AP

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