Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
20. Dezember 2007 Nach der Amtseinführung der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner waren Glanz und Glamour rasch verblasst. Schon wenige Tage nach ihrem Antritt sah sie sich selbst in eine Affäre verwickelt, die schon die letzten Monate der Präsidentschaft ihres Vorgängers und Ehemannes Néstor Kirchner überschattet hatte.
Die fast 800.000 Dollar, die ein venezolanisch-amerikanischer Unternehmer im August illegal in einem Handkoffer nach Argentinien einführen wollte, seien aus Venezuela stammendes und für den argentinischen Präsidentschaftswahlkampf bestimmtes Geld gewesen, verlautete nach der Vernehmung von drei verdächtigen Venezolanern und einem Uruguayer in Miami, die in der vergangenen Woche in den Vereinigten Staaten festgenommen worden waren. Ermittlungen des FBI, das die Verdächtigen abhörte und beschattete, scheinen die Vermutungen zu bestätigen.
Merkwürdiger Vorfall vor der Ankunft des Hugo Chávez
Die Geschichte mit dem Geldkoffer ist von einer Reihe seltsamer Umstände begleitet, die auf jeden Fall den Verdacht nähren, dass es sich nicht um eine legale finanzielle Transaktion gehandelt haben kann - im Übrigen schon deshalb nicht, weil jeder Barbetrag über zehntausend Dollar bei der Einfuhr nach Argentinien deklariert werden muss. Nur durch Zufall waren die Dollarscheine bei der nächtlichen Ankunft eines von Venezuela kommenden Privatflugzeuges auf dem Stadtflughafen von Buenos Aires entdeckt worden. Der Unternehmer Guido Antonini Wilson, der die venezolanische und amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, weigerte sich zunächst, den Koffer zu öffnen, und überließ ihn dann, als das Geld entdeckt wurde, dem Zoll. Bis heute hat niemand die Summe reklamiert.
Zu den Merkwürdigkeiten gehört, dass sich der Vorfall wenige Stunden vor der Ankunft des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez in Buenos Aires ereignete, der damals Argentinien besuchte. Der Geldbote konnte sich unbehelligt absetzen. Sein Aufenthaltsort ist derzeit unbekannt. Er war zuvor mehrfach auf ähnliche Weise nach Argentinien eingereist, ohne dass allerdings jemand auf seine Koffer geachtet hätte. Der mit dem Fall befasste Staatsanwalt in Miami sagte, einer der Festgenommenen habe Antonini zwei Millionen Dollar dafür geboten, dass er über Herkunft und Bestimmung des Geldes Stillschweigen wahrt.
Schmutzige Kampagnen und Drecksoperationen
In der privaten Chartermaschine, die den Unternehmer nach Buenos Aires flog, saßen Delegationen der staatlichen Erdölgesellschaften Argentiniens und Venezuelas, die zuvor in Caracas über gemeinsame Projekte verhandelt hatten. In Venezuela ist es ein offenes Geheimnis, dass der staatliche Erdölkonzern PdVSA als eine Art Geldschatulle für die Regierung des Präsidenten Chávez dient, aus der die Missionen im Gesundheits- und Erziehungswesen sowie Kooperationsprojekte und Zuwendungen für Sozialbewegungen in anderen Ländern bezahlt werden. Wie das geschieht, lässt sich allerdings nur schwer nachvollziehen, weil es in jeder Hinsicht an einer transparenten Geschäftsführung fehlt.
Bisher wurde nichts bekannt, was auf eine direkte Finanzierung der Wahlkampagne Cristina Kirchners durch Venezuela hinweisen könnte. Trotzdem reagierte die argentinische Präsidentin auf die Enthüllungen aus den Vereinigten Staaten ungewöhnlich heftig. Sie vermutete sogleich, dass die amerikanische Regierung gegen sie eine schmutzige Kampagne angezettelt habe, um von Anfang an ihre Präsidentschaft zu belasten, und sprach von gegen sie gerichteten Drecksoperationen.
Der venezolanische Präsident Chávez, den sie auf dem Mercosur-Gipfel in Montevideo traf, bestritt, dass es sich bei den in Miami Festgenommenen um Agenten seiner Regierung gehandelt habe. Er sprang Frau Kirchner bei, gratulierte ihr für ihren Mut, bezeichnete die Anschuldigungen als Infamie und beschuldigte, wie es seine Art ist, das Imperium, Zwietracht zwischen Argentinien und Venezuela säen zu wollen, um den regionalen Integrationsprozess zu behindern.
Kirchner will chávezfreundlichen Kurs ihres Mannes fortsetzen
Die Affäre hat das Verhältnis zwischen Argentinien und den Vereinigten Staaten auf jeden Fall schwer belastet und Argentinien noch stärker in die Arme von Chávez getrieben. Cristina Kirchner hat ungeschminkt erkennen lassen, dass sie den chávezfreundlichen Kurs ihres Mannes fortsetzen will. Néstor Kirchner hatte sich von Venezuela argentinische Staatsanleihen in Höhe von mehr als fünf Milliarden Dollar abkaufen lassen und sich damit ohnehin schon in große Abhängigkeit von Chávez begeben.
Die Art, wie die neue argentinische Regierung ihre erste Bewährungsprobe zu meistern versuchte, lieferte einen aufschlussreichen Einblick in das Innenleben des Kirchnerschen Küchenkabinetts. Die ersten Eindrücke bestätigen die Vermutung, dass trotz mancher äußerlichen Veränderungen weiterhin alles beim Alten bleiben wird. Obwohl er immer wieder versichert hatte, dass er sich nicht in die aktuelle Tagespolitik einmischen wolle, ist Néstor Kirchner bei gleich zwei Gelegenheiten kurz hintereinander aufgetreten, als sei er noch im Amt, hat für seine Frau Partei ergriffen und erregte sich, wie sie, über das Vorgehen der amerikanischen Justiz. Wir Argentinier werden von einer Bande von Mafiosi attackiert, ereiferte er sich und bezeichnete das Gerichtsverfahren in Miami als eine Schande.
Schwere Vertrauenskrise mit Washington
Argentinien wird künftig, so hat es den Anschein, weder von einer Präsidentin noch einem Präsidenten, sondern von einem Präsidentenehepaar regiert, das nicht nur im Eheleben, sondern auch im politischen Alltag bestens aufeinander eingespielt ist. Wie auch immer die Geschichte mit dem Geldkoffer ausgeht, wenn sie überhaupt je aufgeklärt wird: Schon jetzt ist sie zu einer Hypothek für die Präsidentschaft der Kirchners geworden.
Wenn die 800.000 offensichtlich illegalen Dollar und die möglicherweise zuvor schon nach Argentinien geschleusten Summen aus der venezolanischen Staatskasse stammten und für den Wahlkampf oder für andere Zwecke gedacht waren, von denen die Kirchners Kenntnis hatten, wäre dies ein Nachweis dafür, wie sich der Kirchnerismus von Chávez aushalten lässt und in welchem Maß er sich seinem Einfluss ausgeliefert hat. Sollten sich die Vorwürfe als haltlos erweisen und die Kirchners tatsächlich nichts mit dem Geldkoffer zu tun haben, bleibt unverständlich, warum das Präsidentenehepaar mit seinen Attacken auf Washington eine schwere Vertrauenskrise im Verhältnis zwischen Argentinien und den Vereinigten Staaten heraufbeschworen hat.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP