Chávez und die Farc-Geiseln

Politische Freilassung

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires

18. Januar 2008 Die erschütternden Berichte der von der Guerrilla noch festgehaltenen entführten Personen über die Qualen, denen sie ausgesetzt sind, haben die kolumbianische Öffentlichkeit noch stärker aufgewühlt als die dramatischen Schilderungen der beiden freigelassenen Geiseln Clara Rojas und Consuelo González, die Lebenszeichen von acht Leidensgenossen an deren Angehörige übergeben haben. Von Herzattacken und Tropenkrankheiten heimgesuchte Gefangene werden wie Tiere angekettet, müssen immer neue Gewaltmärsche durch den Dschungel absolvieren. Schlimmer als die körperlichen Strapazen ist die seelische Folter der Isolation und Hoffnungslosigkeit in der irrationalen Welt des „Kampfes“ der illegalen Milizen.

Die jüngste Freilassungsinitiative der „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) ist schon deshalb nicht als humanitäre Geste geplant gewesen, weil keiner der schwer Erkrankten freigegeben wurde. Die beiden Politikerinnen waren, trotz aller Erschöpfung, bei vergleichsweise guter Gesundheit. Warum sie ausgewählt worden waren und warum die Farc ausgerechnet das in der Gefangenschaft geborene Kind von Clara Rojas „freilassen“ wollten, das sich gar nicht in ihrer Verfügungsgewalt befand, sondern in einem staatlichen Waisenhaus lebte, ist das Geheimnis der Guerrilla. Man kann ihr aber unterstellen, dass ihre Aktion strategischem Kalkül folgte.

Chávez: Farc als „kriegführende Partei“ anerkennen

Die Auflösung des Rätsels lieferte, rascher und deutlicher, als zu erwarten war, der venezolanische Präsident Chávez, der inzwischen eine Schlüsselfigur im kolumbianischen Geiseldauerdrama geworden ist. Er forderte die Weltöffentlichkeit auf, die Farc nicht länger als terroristische Organisation zu betrachten, sondern als „kriegführende Partei“ anzuerkennen, die ein „politisches Projekt“ verfolge. Die Freilassung der Politikerinnen sollte dabei eine Art Köder sein. Die Farc wollten Druck auf die Öffentlichkeit ausüben und testen, ob es ihnen nun mit Hilfe von Chávez gelingt, als mögliche politische Kraft endlich der Macht im Staat teilhaftig zu werden.

Chávez begründete seinen Vorstoß damit, es handle sich bei den Farc wie auch bei der zweitgrößten Guerrillagruppe, dem „Nationalen Befreiungsheer“ (ELN), um wahre Armeen, welche die Kontrolle über einen Teil des Staatsterritoriums ausübten. Das sollte auch heißen, dass die Gruppierungen in eine Art Bürgerkrieg verwickelt seien.

Dass Chávez es als Erster seit Jahren fertiggebracht hat, wenigstens zwei der bis vor kurzem 45 Geiseln der Farc freizubekommen, wird ihm als große Leistung angerechnet, auch wenn seine Großmannssucht teilweise schuld daran war, dass ein erster Versuch scheiterte. Mit seiner Initiative, die Farc politisch salonfähig zu machen, ist er jedoch gescheitert. Selbst befreundete Regierungen wie jene von Rafael Correa in Ecuador, Lula da Silva in Brasilien oder des Kirchner-Ehepaares in Argentinien sind in dieser Angelegenheit zu ihm auf Distanz gegangen.

Offener Streit zwischen Chávez und Uribe

Zwischen Chávez und dem kolumbianischen Präsidenten Uribe ist der Streit über den Charakter des Konflikts eskaliert. Bogotá wirft Chávez Einmischung vor, und Chávez bezichtigt Uribe, Erfüllungsgehilfe des amerikanischen Präsidenten Bush zu sein, der Krieg wolle. Chávez, der artig beteuerte, er heiße die Praxis der Entführung nicht gut, kann mit Verständnis für seine Einschätzung rechnen, der Konflikt sei nur mit politischen Mitteln zu lösen. Seine Versicherung, die Farc würden, wenn sie als „kriegführende Partei“ anerkannt seien, mit dem Entführen aufhören und sich an die Genfer Konvention halten, nimmt ihm jedoch niemand ab.

Die Anerkennung als „kriegführende Partei“ brächte den Farc Vorteile. Sie könnten sich mit diesem Status offiziell um politische Anerkennung bemühen. Dass Chávez als Erster bereit wäre, ihnen in Venezuela eine wie immer geartete Repräsentanz zu gewähren, zeigt sich schon daran, dass er ihre politischen Ambitionen als „bolivarisch“ bezeichnet, das heißt mit seinem Konzept einer politischen Integration der lateinamerikanischen Länder im Geiste des Befreiers Simón Bolívar zu vereinbaren.

Nahezu alle Fachleute, die sich mit dem internen Konflikt in Kolumbien befassen, bestreiten, dass es sich bei den Umtrieben der Guerrilla in Kolumbien um einen Bürgerkrieg im klassischen Sinn handelt. Denn die Farc halten keinen bestimmten Landesteil besetzt, sondern haben lediglich einmal hier, einmal dort strategische Vorteile gegenüber den regulären Streitkräften. Sie verfügen über keine „Gegenregierung“, üben keine verwaltungstechnische Kontrolle in einem bestimmten Gebiet aus und haben auch keinerlei Rückhalt in der kolumbianischen Bevölkerung.

Uribe unter Druck, mit der Farc zu verhandeln

Allerdings hatten sie einmal versucht, einen Staat im Staat zu gründen: als der frühere Präsident Andrés Pastrana in einem Areal von der Größe der Schweiz das Militär abziehen ließ, um dort Friedensverhandlungen mit der Guerrilla zu führen. Die Gespräche sind jedoch im Februar 2002 gescheitert. Die meisten in Kolumbien sind sich einig darin, dass neuerliche Gespräche mit den Farc über eine Lösung des kolumbianischen Konflikts „politisch“ sein können, ohne dass der Guerrilla ein offizieller Status zuerkannt werden muss.

Der kolumbianische Präsident Uribe, der sich bislang weigerte, von einem Konflikt zu sprechen, und die Farc als reine Terrorbande ansieht, ist nach Bekanntwerden der grausamen Details über die Geiselhaft einem noch stärkeren Druck ausgesetzt, nicht mehr allein zu versuchen, die Guerrilla mit militärischen Mitteln zu besiegen, was ohnehin aussichtslos erscheint, sondern den Weg zu Verhandlungen einzuschlagen. Die Farc müssten allerdings deutlichere Beweise als bisher dafür erbringen, dass sie der Gewalt abschwören und konstruktiv zu einer wie immer gearteten Friedenslösung beitragen wollen.

Das größte Hindernis für einen „politischen“ Ausweg besteht darin, dass die Guerrilla den Hauptteil ihrer Einkünfte aus dem Drogenhandel und aus erpresserischen Entführungen bezieht. Ihre angeblich hehren politischen Forderungen nach einer gerechteren Gesellschaft bedingen nahezu zwangsläufig die Verwandlung der kolumbianischen Demokratie in einen Narcostaat.

Beispielhaft: Das Internationale Rote Kreuz

Das einzige klare Bekenntnis der Farc, dass sie es ernst mit ihren „politischen“ Ambitionen meinen, könnte darin bestehen, dass sie alle Geiseln sofort und bedingungslos freilassen. Ihre unablässig vorgetragene Forderung, dass für Friedensgespräche und den Austausch von Entführten gegen gefangene Guerrilleros zwei ganz bestimmte Gemeinden im Süden des Landes entmilitarisiert werden müssten, kann nur bedeuten, dass sie noch immer nicht zu einer umfassenden Friedenslösung bereit sind, sondern nur strategische Vorteile für sich herausschlagen wollen. Kurioserweise hat die in einer geradezu entspannten Atmosphäre abgewickelte Übergabe von Clara Rojas und Consuelo González gezeigt, dass es keiner entmilitarisierten Zone und keiner hochbesetzten internationalen Kommission von „Garanten“ bedarf, um Geiseln freizulassen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat seine Aufgabe beispielhaft erfüllt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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