Somalia

Islamisten siegen in Mogadischu

Die Scharia-Milizen versprechen ein Ende der Clan-Kämpfe

Die Scharia-Milizen versprechen ein Ende der Clan-Kämpfe

06. Juni 2006 Nach mehr als drei Monate dauernden Kämpfen zwischen einer Allianz von insgesamt acht Kriegsfürsten und den Milizen der Scharia-Gerichtshöfe scheinen letztere am Wochenende die vollständige Kontrolle über die somalische Hauptstadt Mogadischu gewonnen zu haben.

Zuvor hatten die Scharia-Milizen die strategisch wichtige Stadt Balad rund 30 Kilometer nördlich von Mogadischu eingenommen, die Nachschubwege für die Allianz abgeschnitten und die letzten in Mogadischu verbliebenen Kriegsfürsten der sogenannten „Alliance for the Restoration of Peace and Counter-Terrorism“ (ARPCT) in die Flucht getrieben. Damit ist nicht zuletzt der Versuch der amerikanischen Regierung gescheitert, die Macht der Scharia-Gerichtshöfe auf dem Umweg über somalische Kriegsfürsten zu brechen.

Der Sprecher des State Departments Sean McCormack sagte, seine Regierung sei „sehr besorgt“, daß Somalia zu einem „sicheren Hafen“ für islamistische Terrorgruppen werden könnte. Ziel der amerikanischen Politik sei es aber, daß in dem Land stabile Institutionen aufgebaut und die Rechte der Bürger respektiert würden.

Somalia ein „zweites Afghanistan“?

Die ARPCT war von den Amerikanern gegründet, finanziert und ausgerüstet worden, weil Washington den Scharia-Gerichtshöfen unterstellt, Al-Qaida-Mitgliedern Unterschlupf zu gewähren und Somalia zu einem „zweiten Afghanistan“ machen zu wollen, was diese aber bestreiten. Die Kämpfe, bei denen mindestens 350 Menschen getötet wurden, waren Ende Februar ausgebrochen, als die ARPCT mit neuen Waffen und Zustimmung der Amerikaner die Milizen der Scharia-Gerichtshöfe angegriffen hatten.

Obwohl noch keine offizielle Bestätigung für den Sieg der Scharia-Milizen vorliegt, signalisierte deren Sprecher Scheik Sharif Sheik Ahmed in einer ersten Stellungnahme Bereitschaft zur Versöhnung. „Wir sind nicht an einer Fortsetzung der Feindseligkeiten interessiert“, sagte er, „wir wollen Frieden und Sicherheit in Mogadischu.“

„Eine Ära ohne Kriegsfürsten“

Ahmed sicherte die Achtung der „individuellen Rechte der Menschen“ zu und versprach, Clan-Auseinandersetzungen - das Grundübel Somalias - zu unterbinden. „Heute fängt eine neue Ära für Mogadischu an, eine Ära ohne Kriegsfürsten“, sagte er. Tatsächlich waren aus der Sicht der Bewohner von Mogadischu nie die Scharia-Gerichte das Problem, sondern die Kriegsfürsten, die sich hemmungslos bedienten.

Die Scharia-Gerichtshöfe waren zu Beginn des Jahrzehnts von einigen einflußreichen Geschäftsleuten mit dem Ziel initiiert worden, der durch die Kriegsfürsten in der Stadt verbreiteten Willkür ein Minimum an Rechtssicherheit entgegenzusetzen. Seither erfreuen sich diese Gerichte großen Zuspruchs bei den einfachen Menschen, weil die Richter im Ruf stehen, gerecht, schnell und ohne Ansehen der Clanzugehörigkeit zu urteilen.

Zudem hatten sich die Gerichtshöfe mit einer eigenen Miliz die Feuerkraft zugelegt, um ihren Urteilen auch bei den Kriegsfürsten Geltung zu verschaffen.

Text: tos./F.A.Z./FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS

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