08. Oktober 2005 Die afrikanische Nacht riecht nach verdorbenen Lebensmitteln, Fäkalien und Angstschweiß. Bei Tag sieht man von dem kümmerlichen Wäldchen auf marokkanischer Seite noch das blauheitere Meer, den blitzenden spanischen Stacheldrahtzaun und die historische Festung von Melilla. Bei Nacht sehen die Schwarzafrikaner, die sich wegen der Razzien der marokkanischen Polizei und der neuen Deportationsvereinbarungen der mediterranen Nachbarn kaum noch trauen, Feuer zu machen, nur das Weiße in den Augen der anderen.
Willkommen an Europas Südgrenze. Der Maghreb, vorneweg Marokko, ist nicht länger nur Sprungbrett für arabische Einheimische auf dem Weg in den Schengenraum. Er ist nicht nur Schauplatz für humanitäre Dramen mit Starrollen für Menschenhändler, die eine multinationale Kundschaft zum Kopfpreis von rund 1500 Euro per Umweg über die Straße von Gibraltar nach Andalusien schaffen. Es sind nicht nur die Mafiosi, die die sin papeles (Papierlosen) auf immer neuen Schleichwegen unterhalb des spanischen Radars auf die Kanarischen Inseln fahren oder sie auf dem Weg im Stich lassen und gar über Bord werfen. Die wahrhaft dantesken Bilder der vergangenen Tage waren die von den Afrikanern, die oft Tausende Kilometer zu Fuß durch die Wüste gegangen waren, um dann vom Berg Guguru aus zum Greifen nah das gelobte Land zu erblicken.
Mehr spontan als organisiert
Dort in dem Wäldchen, wo es an Wasser und Brot fehlt, wo man an diesen Herbstabenden ohne Bett und warme Kleidung schon früh zu zittern beginnt, halten sie Ratschlag über das erschwerte Wann und Wie. Es ist der Winter, sagen die einen auf die Frage, warum sie jetzt mit aller Macht einen Durchbruch wagen. Es sind die Marokkaner, die jetzt schlagen, schießen und abschieben, sagen die anderen. Weil wir nichts zu verlieren haben, außer vielleicht unser Leben, sagen alle mit diesen oder ähnlichen Worten. Für sechs von ihnen, die am Donnerstag von Kugeln getroffen oder von Gefährten niedergetrampelt wurden, traf genau das ein.
Mehr spontan als organisiert haben sie sich in dieser Woche fast täglich vor dem Morgengrauen zusammengerottet. Sie verließen die Pritschen zwischen offenen Latrinen, bandagierten sich die Hände mit Handtüchern, stopften Pappe unter die Pullover und schleiften selbstgebastelte Leitern an den fast überall von drei auf sechs Meter erhöhten Doppelzaun, der im Zehnkilometerhalbkreis mit messerscharfen Spitzen auf sie wartete. Sie heißen Patrice oder René, Eric und Mahmud. Sie sind fast ausschließlich junge Männer aus Mali, Kamerun, Guinea-Bissau und der desolaten Nachbarschaft. Armut, Arbeitslosigkeit, Abenteuerlust, Hunger, mörderische Regime, Bürgerkriege, Korruption und, wie sie mit französischem Akzent auf englisch sagen, no future haben sie aus einer Heimat vertrieben, die eine immer rascher wachsende und immer jüngere Bevölkerung weder ernähren noch halten kann.
Blutige Fingerabdrücke zeigen die Richtung an
Der Angriff gilt immer zunächst dem Zaun und dann erst seinen Wächtern, wenn die denn rechtzeitig aufmerksam werden. Dann fliegen auch Steine, und Leitersprossen werden zu Knüppeln. Sie wissen, daß die spanischen Polizisten und die paar Hundertschaften Soldaten zwar bewaffnet sind, aber keinen Schießbefehl haben. Sie wissen auch, daß die marokkanischen Sicherheitskräfte in ihrem Rücken Gummikugeln und scharfe Munition benutzen und die Zurückgedrängten dann ohne viel Federlesens hinter der algerischen Grenze aussetzen. Von dort sind die meisten oft schon in mehreren Anläufen gekommen.
Deshalb war die Devise, koste es, was es wolle, auf spanisches Hoheitsgebiet zu gelangen. Der Zaun hielt ihre Haut- und Kleiderfetzen fest. Wenn sich ein Hals in einer Rasiermesserschlinge verfing, konnte das, wie geschehen, sogar tödlich enden. Blutige Fingerabdrücke auf Betonpfeilern zeigen noch die Richtung an, die andere vor ihnen genommen haben. Mit blutigen Händen nahmen die Glücklichen, die es geschafft und im Dauerlauf die Polizeiwache von Melilla gefunden hatten, vor der Tür Aufstellung, um anschließend durch die andere große Tür nach Europa zu schlüpfen.
Das Handbuch eines Illegalen
Bis zu diesem Wochenende konnte man dort René, wenn nicht auch Eric, Mahmud oder Patrice tags darauf wieder begegnen. Dort erklärten sie in der Schlange das Verfahren aus dem Handbuch eines Illegalen: Man stelle sich der Polizei, gebe einen falschen Namen und ein Herkunftsland an, welches mit Spanien kein Auslieferungsabkommen hat. Dann könne man nirgendwohin abgeschoben werden. Zwar erhalte man sogleich einen Ausweisungsbescheid, der aber, weil er üblicherweise nicht vollstreckt werde, das Papier nicht wert sei. Die nächste Station sei - mit einem Quentchen Glück - das Lager für vorübergehenden Aufenthalt (Ceti), in dem es Essen, Schutz und Heftpflaster gebe.
Es ist noch immer mit jetzt mehr als 1700 Afrikanern, dem Dreifachen seines Fassungsvermögens, so überfüllt, daß am Rande zusätzliche Behelfszelte aufgestellt werden mußten. Das Rote Kreuz, die Ärzte ohne Grenzen, andere Nichtregierungsorganisationen, aber auch die lokalen Karmeliterinnen und eine Handvoll katholischer Priester tun das Ihre hinter Suppenküchen und mit ein paar Münzen für ein Telefongespräch nach Mali.
Spiegelbildlich das Gleiche in Ceuta
Nicht alle Bürger von Melilla sind indes davon angetan, daß die Afrikaner in Lawinennächten die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Wenn einer meiner Patienten einen Herzinfarkt hat, sagt eine lokale Ärztin, bekomme ich keine Ambulanz. Irritierte Krankenschwestern sagen, daß sie sich vor Mitbringseln fürchteten: vor der Ansteckung mit Tuberkulose, Hepatitis oder Aids. Im Lager wird dieses Thema ernst genommen. Die Afrikaner werden, so gut es geht, untersucht und gegen allerlei geimpft.
Die Szenen wiederholen sich spiegelbildlich in Ceuta, der anderen spanischen Exklave, wo auch die im Lager hoffen, daß sie möglichst schnell noch auf das Festland gebracht werden. Dort, so galt es bis zu dem reaktivierten Rückführungspakt zwischen Spanien und Marokko, konnte man sie nach geltendem Ausländerrecht maximal vierzig Tage lang festhalten. Dann mußte man sie, sei es am nächsten Stopp in Madrid, Barcelona oder Malaga, ohne Arbeitsgenehmigung einfach gehen lassen. Die einen blieben, arbeiteten schwarz, machten dubiose Geschäfte, schickten die ersten Euro nach Hause. Die anderen zogen weiter, zum Beispiel nach Frankreich oder in den kälteren Norden des in ihren Augen unsagbar wohlhabenden Europa.
Erschrocken, aber nicht abgeschreckt
Im Morgenlicht lehnen nun die zurückgebliebenen Leitern von Melilla als Schattenrisse am Zaun. Die spanischen Polizisten schichten sie neben frischen Stacheldrahtrollen auf wie Scheiterhaufen und verbrennen sie an der Stelle, an der der Zaun wieder repariert werden muß. Drüben, in dem marokkanischen Wäldchen, warten derweil erschrocken, aber nicht abgeschreckt noch immer ein paar tausend Afrikaner, die, wenn die Polizei ihre Pritschen mit Benzin übergossen und angezündet hat, wie verschrecktes Wild im Unterholz umherirren. Schlimm ist es, wenn die Uniformierten den wertvollsten Besitz einiger Privilegierter erbeuten, das Mobiltelefon.
In Melilla, einer Stadt mit knapp 70.000 Einwohnern halb spanischer und halb marokkanischer Herkunft, fallen die Afrikaner außerhalb ihrer Fluchtpunkte gar nicht sonderlich auf. Da sind ein paar Geschichten von Raub und Vergewaltigung, von Viren und blutverschmierten Simulanten, einige wenig schmeichelhafte Graffiti, in denen das Wort negro vorkommt. Aber das kolonial-multikulturelle Ambiente mit Kirchturm, Moschee, Synagoge und dem regelmäßigen Ruf des Muezzins hat im Fastenmonat sogar etwas Beschauliches.
Melilla und Ceuta sind ein konservatives Pflaster
Die Spanier haben Melilla im Jahr 1497 erobert - noch bevor die Briten das gleiche mit Gibraltar taten - und es wie das im Jahr 1580 den Portugiesen entrissene Ceuta (derzeit 75.000 Einwohner) zu einem Militärstützpunkt ausgebaut. Noch immer sind die beiden autonomen Städte, die 1995 ein eigenes Statut erhielten, aber den 17 autonomen Regionen Spaniens nicht gleichgestellt wurden, ein konservatives Pflaster. Hier dominiert die Legion als größter Arbeitgeber für Jugendliche. Zwar mußte die alte Avenida del Generalisimo Franco der Straße der Demokratie weichen. Aber außer der nach König Juan Carlos I. benannten Hauptstraße tragen viele noch die Namen anderer Generäle und Admiräle. Über Palmen und Kebabbuden, über Uniformen und Kopftüchern, über einer schmucken Stierkampfarena und der bizarren spanisch-arabischen Mischung auf ursprünglich phönizisch-karthagischrömisch-westgotischem Grund regiert die in Madrid nach dem Terrormärz vergangenen Jahres abgewählte Volkspartei.
Deren Repräsentanten, die Präsidenten Juan Jose Imbroda in Melilla und Juan Jesus Vivas in Ceuta, sind auf den Ministerpräsidenten Jose Luis Rodriguez Zapatero gar nicht gut zu sprechen. Sie nennen ihn, seinen Verteidigungs- und den Innenminister Dilettanten, Versager, Inkompetente und potentielle Vaterlandsverräter. Eines Tages, so der Verdacht, würden diese Gesellen noch die spanischen Besitzungen, so wie von dem marokkanischen König Mohamed VI. beharrlich gefordert, an die moros(Mauren) zurückgeben.
Sie fordern einen Marschallplan
Sie haben mit Nachdruck verlangt, daß das zahnlose Ausländergesetz, das ihnen und den Grenzwächtern die Hände auf dem Rücken fesselt, endlich Biß bekomme. Sie möchten angesichts der Attacken aus Schwarzafrika und im Interesse europäischer Hilfsgelder zu Frontstaaten erklärt werden. Das automatische Ausweisungsrecht, das sie forderten, wurde von Madrid nun praktisch im Verbund mit den Marokkanern zugesagt. Aber wer traut schon in Melilla Mohamed VI.? Die Marokkaner wiederum fühlen sich zu Unrecht kritisiert. Sie klagen über schmale Mittel, preisen ihren Kooperationswillen und zeigen mit dem Finger auf das untätige Algerien, das eigentlich an dem Transitschlamassel schuld sei.
Wenn die Marokkaner nun an den Stellen, an denen Afrika überquillt, stärker durchgriffen, die Boote aufhielten und die Zaunspringer verhafteten, nenne man sie einen Polizeistaat. Täten sie nichts, seien sie Komplizen. Abhilfe, so sagte Innenminister Mustafa Sahel, bringe mittelfristig nur ein Marshallplan der Europäer für die maghrebinischen und schwarzafrikanischen Habenichtse. Dem schloß sich flugs der spanische Außenminister Moratinos mit einem Wink mit der demographischen Keule an. In den nächsten fünfzig Jahren, so sagte er vor dem EU-Ministerrat voraus, werde die Region südlich der Sahara mit einer der weltweit höchsten Geburtenraten und entsprechend verschärftem Auswanderungsdruck aufwarten. Für Europa bedeute das, daß der Exodus nicht im marokkanischen Flaschenhals steckenbleiben, sondern zu Lande und zu Wasser, wie eben in Ceuta und Melilla, die Korken hinaustreiben werde.
Die allerletzte Kulanzaktion hat niemanden abgeschreckt
Die Europäische Union, die sich zehn Jahre nach dem Beginn des panmediterranen Barcelona-Prozesses auf ihre November-Konferenz in Katalonien vorbereitet und ansonsten in Sachen illegaler Einwanderung bisher nicht gerade auf sich aufmerksam gemacht hat, beorderte nun eine Expertenkommission zur Bestandsaufnahme nach Nordafrika. Sie versprach Marokko eingefrorene Gelder für die Grenzkontrolle. Marokko aber müsse sich als Gegenleistung endlich bereit finden, ein wasserdichtes Rückführungsabkommen mit der EU zu schließen.
Vor einer wirtschaftspolitischen Offensive dürfte aber eher die grenzschützerische Defensive mit verfeinerten Methoden bei noch höheren Zäunen und drohendem verstärkten Andrang stehen. In diesem Kontext ist erst die von der Volkspartei regierte autonome Region Madrid bislang allein einen Schritt weitergegangen. Sie hat mit den Marokkanern auf eigene Faust und Kosten den raschen Bau von zwei Auffanglagern für Jugendliche in Tanger und Marrakesch vereinbart. Der sozialistische Arbeitsminister im Kabinett Zapatero, der vor wenigen Monaten die treibende Kraft hinter einer Großamnestie für eine Dreiviertelmillion Illegaler in Spanien war, muß sich derweil gegen den Vorwurf wehren, daß jene allerletzte Kulanzaktion eben nicht die Nachzügler abgeschreckt habe. Vielmehr beweise der Ansturm auf Ceuta und Melilla, daß der vom Rest-Schengen vielfach befürchtete Anziehungseffekt nicht lange habe auf sich warten lassen.
Ein spanisches Fähnchen in der Hand
Wer die zwischen der Unsicherheit und den Panikattacken verblüffend fröhlichen Gesichter der neuspanischen Afrikaner im Lager von Melilla sieht, kommt nicht umhin, mit ihrer vielleicht unbegründeten Erleichterung zu sympathisieren. Da ist wieder ein René, der als erstes, nachdem man ihm die Schulter geflickt und den Arm verbunden hatte, zu einem Fußballspiel ging und - ein spanisches Fähnchen in der Hand - mit einer Gruppe von Landsleuten die Mannschaft von Melilla anfeuerte.
Und dann ist da der nach Papst Johannes Paul benannte Säugling, der gerade in der Kirche Unserer Lieben Frau von Afrika getauft wurde. Die schwangere Mutter aus Kamerun, Flore, hatte sich schon vor Monaten in einem Plastiksack eingepackt von einem menschlichen Motor (einem Schwimmer mit Flossen) gegen ein Handgeld aus Marokko an den Strand von Melilla ziehen lassen. Von ihrem Mann, der derweil über den Zaun klettern wollte und statt dessen nach Algerien deportiert wurde, hatte sie seit April nichts mehr gehört. Nun kam er als Rückkehrer an den Zaun, als er noch halbwegs überwindbar war. Er trotzte Stacheldraht und Gummikugeln und stürzte am Tag vor der Taufe bewußtlos von der Leiter auf die spanische Seite. Die Ärzte im Krankenhaus von Melilla ließen ihn nach dem Erwachen noch nicht in die Kirche gehen. Die Karmeliterinnen, die sich um Flore gekümmert hatten, haben ihn dort gut vertreten.
Text: F.A.Z., 08.10.2005, Nr. 234 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z., REUTERS