Amerika und die Einwanderer

Ein „virtueller Zaun“ gegen „jornaleros“?

Von Matthias Rüb, Washington

Tagelöhner - „Jornaleros” - gehen in New York auf die Straße

Tagelöhner - „Jornaleros” - gehen in New York auf die Straße

11. April 2006 Reynaldo Orellana kommt jeden Morgen hierher, wie etwa fünf Dutzend andere Männer, winters wie sommers, bei Regen und bei Sonne. Sie tragen Bluejeans und Arbeitshemden und kräftiges Schuhwerk, fast alle haben ein Mobiltelefon an den Gürtel oder den Hosenbund geschnallt.

Sie nennen sich selbst auf spanisch „jornaleros“. Die Gesellschaft, in der sie leben und arbeiten, nennt sie auf englisch „day laborers“ - Tagelöhner. Ihr Treffpunkt ist der Parkplatz vor der „Grace United Methodist Church“ in Gaithersburg, einer quicklebendigen Stadt von gut 52.000 Einwohnern nordwestlich der Hauptstadt Washington.

Nach der jüngsten Statistik des Arbeitsministeriums bilden Gaithersburg und die benachbarten Vorstädte Bethesda und Frederick im Bundesstaat Maryland den Ballungsraum mit der geringsten Arbeitslosenrate im ganzen Land. Im März waren es 2,7 Prozent und damit noch mal zwei Prozentpunkte weniger als im Landesdurchschnitt.

Zu Fuß durch Guatemala und Mexiko

Reynaldo Orellana würde sich nicht als arbeitslos bezeichnen, obwohl er nur von Zeit zu Zeit einen festen Job hat. Zum Beispiel, wenn ihn der Teppichverleger, der die frisch fertiggestellten Reihenhäuser an einer Durchfahrtsstraße mit Auslegeware ausstattet, auf dem Handy anruft. Dann geht Reynaldo morgens nicht zum Parkplatz an der Methodistenkirche, sondern direkt zur Baustelle ein paar Kilometer entfernt.

Reynaldo Orellana ist 35 Jahre alt, stammt aus El Salvador und sagt, er habe inzwischen ein Visum. Seine Frau, seine Schwägerin und deren Mann seien schon länger hier, seine zwei Kinder sind noch daheim in El Salvador - vorerst.

In die Vereinigten Staaten ist er buchstäblich gelaufen, zwei Monate zu Fuß durch Guatemala und Mexiko, dann über die Grenze in die „Estados Unidos“, schließlich mit dem Überlandbus nach Maryland, dann waren die Ersparnisse aufgebraucht.

Zehn Dollar

Deshalb braucht er Arbeit, und oft genug findet er welche - auf dem Bau als Maler oder Teppichverleger, er mäht Rasen und schneidet Büsche, und manchmal wäscht er auch Teller in Schnellrestaurants. Der Stundenlohn für Tagelöhner beträgt zehn Dollar, bar auf die Hand zum Ende des Arbeitstages.

Nur blutige Anfänger arbeiten auch für die Hälfte. „An einem Tag arbeite ich, am anderen nicht“, sagt Reynaldo Orellana, „aber hier verdienst du an einem Tag, was du in El Salvador in zwei Wochen verdienst.“

Gaithersburg liegt fast 3000 Kilometer von der Grenze zu Mexiko entfernt, und doch spiegeln sich hier die zunehmend hispanische Wirklichkeit der Vereinigten Staaten und der Streit um die Einwanderungspolitik nicht weniger als in den „Frontstaaten“ Kalifornien, Arizona, New Mexico und Texas.

Zwölf Millionen illegale Einwanderer

Von den elf bis zwölf Millionen illegalen Immigranten leben etwa 200.000 im Bundesstaat Maryland, der insgesamt gut 5,5 Millionen Einwohner hat. In Gaithersburg haben die Latinos mit einem Bevölkerungsanteil von 19,8 Prozent die Schwarzen, die 14,8 Prozent der Einwohner stellen, inzwischen als größte Minderheit überholt.

Auf dem Parkplatz an der Methodistenkirche, wo Pfarrer David Rocha von der spanischsprachigen Gemeinde „Camino de Vida Latino“ Kaffee und Sandwiches an die Tagelöhner verteilt, fragt niemand nach einem Visum oder danach, ob jemand seit vielen Jahren hier lebt oder frisch angekommen ist.

Bürgerwehr gegen Tagelöhner

Auch die Unternehmer, die mit ihren Kleinbussen, Lieferwagen und Pick-ups vorfahren, um die Tagelöhner einzuladen, interessieren sich nicht für Papiere. Die Polizei des Landkreises Montgomery fühlt sich ebensowenig zuständig - sie hat genug damit zu tun, Einbrechern, Kleinkriminellen und betrunkenen jugendlichen Autofahrern das gefährliche Handwerk zu legen.

Immerhin hat sich eine Ortsgruppe des „Minutemen Civil Defense Corps“ gebildet, einer Bürgerwehr, die an der mexikanischen Grenze bewaffnete Beobachter postiert; in Montgomery photographieren die „Minutemen“ die „jornaleros“ und reichen die Bilder an Steuerbehörde und FBI weiter.

Heftige Debatte

Jahr um Jahr kommen schätzungsweise gut eine halbe Million Menschen illegal in die Vereinigten Staaten, die meisten über die mehr als 3100 Kilometer lange Landgrenze zu Mexiko. Von den 33 Millionen im Ausland geborenen Menschen, die heute in den Vereinigten Staaten leben und mithin etwa elf Prozent der Bevölkerung von knapp 300 Millionen ausmachen, ist etwa ein Drittel illegal im Land.

Was tun mit elf oder gar zwölf Millionen Illegalen oder „Undokumentierten“, wie es nach der politisch korrekten Sprachregelung heißen soll? Was tun mit einer Grenze, über die jeden Tag und jede Nacht etwa 1400 Männer, Frauen und Kinder ohne Visum ins Land kommen? Darüber debattiert Amerika seit Monaten heftig.

Kompromiß im Senat gescheitert

Das Repräsentantenhaus hat schon im Dezember einen von mächtigen Republikanern eingebrachten Gesetzentwurf verabschiedet, der den Bau eines mehr als 1000 Kilometer langen und 2,2 Milliarden Dollar teuren Zauns an der Grenze zu Mexiko vorsieht und den illegalen Grenzübertritt zu einer Straftat macht, statt ihn wie bisher als Kavaliersdelikt zu dulden.

Gegen diesen Plan, der Sicherheit und Ordnung über Integration und Arbeitsnachfrage stellt, protestierten in den letzten Wochen Millionen legaler und illegaler Einwanderer. Allein am Montag gingen Hunderttausende Einwanderer in mehr als 120 Städten auf die Straße.

Dagegen scheiterte im Senat am Freitag ein zwischen Republikanern und Demokraten erreichter umfassender Kompromiß, der, wie von Präsident George W. Bush eindringlich gefordert, Ordnung mit Integration und Wirtschaftsinteressen verbunden hätte.

Legalisierung der illegalen Einwanderer?

Danach sollten die meisten der illegalen Immigranten, ohne deren Arbeit, Steuern und Konsum die amerikanische Wirtschaft nicht so potent wäre, wie sie ist, und die man allein aus praktischen Gründen nicht in ihre Heimatländer zurückschicken kann, schrittweise die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten.

Die Grenze zu Mexiko sollte mit einem „virtuellen Zaun“ - Bewegungsmeldern, Kameras, unbemannten Flugzeugen und elektronischer Überwachung - besser gesichert werden. Daß die Einigung auf diesen Plan nicht zustande kam, dafür machten sich Demokraten und Republikaner im Senat gegenseitig verantwortlich.

„An einem anderen Tag“

Im Repräsentantenhaus freuten sich die mächtigen Konservativen, die vor allem auf die Kongreßwahlen im November schauen, darüber, daß das als nur schlecht getarnte Amnestie gescholtene Gesetzespaket noch vor der Überweisung an den Vermittlungsausschuß platzte.

„Otro dia“, pflegt Reynaldo Orellana zu sagen, wenn er unverrichteterdinge vom Parkplatz wieder nach Hause geht, weil er diesmal keinen Tagesjob bekommen hat. Dann eben „an einem anderen Tag“.

So zuversichtlich kann man beim Streit über das neue Einwanderungsgesetz freilich nicht sein. Eine Reform der Immigrationsgesetze hat es zuletzt vor zwanzig Jahren gegeben. Doch seither sind die Probleme nur noch gewachsen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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