Jörg Haider

Trauer in Kärnten, Fragen in Wien

Von Reinhard Olt, Wien

Bei einem Autounfall ums Leben gekommen: Jörg Haider

Bei einem Autounfall ums Leben gekommen: Jörg Haider

12. Oktober 2008 Eine beschauliche Familienfeier sollte es werden. Jörg Haider hatte sich das Wochenende freigenommen, um den 90. Geburtstag seiner Mutter zu feiern. Sie war dafür ins Bärental gekommen, wo Haiders von einem Südtiroler Erbonkel vermachtes Forstwirtschaftsgut liegt. Erstmals seit 15 Jahren wollte sich die Großfamilie in einem Gasthaus in Köttmannsdorf am Samstag wiedersehen. Um fünf Uhr morgens überbrachte die Polizei dort der Familie die Todesnachricht.

Während sich die Kärntner Landesregierung zu einer Trauersitzung traf, pilgern Menschen in Scharen an den Unfallort sowie vor das Landhaus in Klagenfurt. Sie stellen Kerzen auf, legen Blumen und Kränze nieder und tragen sich ins Kondolenzbuch ein. Für alle öffentlichen Gebäude wurde Trauerbeflaggung angeordnet. Am Sonntagmorgen mussten zwei Gebetsgottesdienste im Dom zu Klagenfurt angesetzt werden, um den Zustrom an Besuchern einigermaßen zu kanalisieren. „Landeshauptmann Jörg Haider hat mit Leidenschaft gelebt und mit Leidenschaft wahrgenommen, wie es den Menschen geht“, sagte beim eigentlichen Trauergottesdienst Alois Schwarz, Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt.

Höhen und Tiefen des politischen Daseins

Trauer um Jörg Haider: In Klagenfurt gedenken die Menschen des verunglückten ...

Trauer um Jörg Haider: In Klagenfurt gedenken die Menschen des verunglückten Landeshauptmanns

Haider hatte in der Tat alle Höhen und Tiefen eines über drei Jahrzehnte währenden politischen Daseins erlebt. Kaum vier Prozent hatte die FPÖ auf Bundesebene, als Haider sie auf dem Innsbrucker Parteitag 1986 übernahm. Damit begann eine lange, bis dahin in Österreich ungekannte Erfolgsserie einer Partei mit großen Zugewinnen bei fast jeder Wahl – und entsprechenden Verlusten der in großer Koalition vereinten SPÖ und ÖVP. 1999 erreichte die FPÖ ihr „historisches Hoch“: Mit 26,9 Prozent wurde sie in der Nationalratswahl erstmals vor der ÖVP zweitstärkste Kraft. Die Zahl der Wähler hatte sich von knapp 250.000 im Jahr 1983 auf 1,2 Millionen fast verfünffacht.

Haider verzichtete auf eine eigene Beteiligung und führte, seit 1999 wieder Landeshauptmann in Kärnten, seine Partei Anfang 2000 ein weiteres Mal in die Bundesregierung. Aus ihr hatte sie 1986 SPÖ-Kanzler Vranitzky wegen der Übernahme des Vorsitzes durch den ihm suspekten Haider entfernt. Die ÖVP-FPÖ-Koalition, derentwegen 14 EU-Mitgliedstaaten „Sanktionen“ über Österreich verhängten, wurde zum Schlusspunkt der Haider-FPÖ: Ein Wahldebakel jagte das nächste, bei der – wegen der schweren FPÖ-internen Streitereien vorgezogenen – Nationalratswahl 2002 brach die FPÖ mit dem Rekordverlust von 16,9 Punkten auf zehn Prozent ein. Weitere Wahlschlappen in Ländern und Gemeinden folgten, und die Konflikte in der Partei wurden immer härter.

Haider wollte Landeshauptmann bleiben

Im April 2005 zog Haider den Schlussstrich: Er spaltete mit seiner Gründung Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) „seine“ FPÖ. Das BZÖ startete bescheiden; in Landtagswahlen blieb es unter der Wahrnehmungsgrenze. In der Nationalratswahl 2006 schaffte man es nur dank des überragenden Ergebnisses in Kärnten mit 4,1 Prozent knapp ins Wiener Parlament. Für die von Heinz-Christian Strache übernommene FPÖ brachten Spaltung und Ausstieg aus der Bundesregierung die Konsolidierung. Sie kam 2006 auf elf Prozent – und behauptete sich im „Dritten Lager“. Hauptgrund dafür dürfte gewesen sein, dass Haider zunächst in Kärnten blieb und der von ihm wieder zurückgeholte Peter Westenthaler das BZÖ in die Wahl führte. Das bewahrheitete sich in der Nationalratswahl vor zwei Wochen: Mit dem Kärntner Landeshauptmann als Parteichef und Spitzenkandidaten schnellten das BZÖ auf 10,7 Prozent hinauf und konnte, wieder einmal dank überragendem Kärntner Ergebnis, die Grünen auf den fünften Platz verweisen. Die FPÖ ist zwar mit 17,6 Stimmenprozenten immer noch stärker, aber der Abstand ist geschrumpft.

Haider hatte aber nicht daran gedacht, in die Bundespolitik zurückzukehren. Er wollte Landeshauptmann bleiben, jedoch wieder entscheidend in Wien seinen Einfluss geltend machen. Selbst eine Wiederannäherung mit Strache und der FPÖ leitete er drei Tage vor seinem Tode ein. Man wollte, als „zwei eigenständige und selbstbewusste Parteien“ im Parlament zusammenarbeiten und gemeinsam alles tun, um die Neuauflage einer SPÖ-ÖVP-Koalition zu verhindern – bis hin zur Bereitschaft mit einer dieser beiden Parteien zu einem Regierungsbündnis zu gelangen, am ehesten noch mit der ÖVP unter deren neuem Vorsitzenden Josef Pröll. Mit dem Unfalltod Haiders, der für die von ihm ins Auge gefasste Entwicklung in Wien der „Spielführer“ gewesen wäre, hat sich das wohl erübrigt.

Kein „logischer Nachfolger“ auszumachen

Der Wiener Historiker Lothar Höbelt, ein guter Kenner des Dritten Lagers und jemand, der sich wie viele einst von Haider angezogen, dann ob dessen zerstörerischer Eskapaden abgestoßen fühlte, bezweifelt, dass das BZÖ ohne ihn als eigenständige politische Kraft erhalten bleiben kann. Ein „logischer Nachfolger“ sei nicht auszumachen. Haider habe in der Wahl am 28. September die „blauen Leihstimmen“ von der ÖVP zurückgeholt, nun sei „eine halbe Million Wähler wieder zu haben. Wenn die ÖVP jetzt eine Mitte-rechts-Koalition macht, hat sie gute Chancen, diese Wähler an sich zu binden. Wenn die ÖVP Rot-Schwarz macht, überlässt sie den Kuchen eigentlich der FPÖ.“ Diese große Koalition, die keine mehr ist, dürfte mit Haiders Tod besiegelt sein, vermuten nun viele in Wien.

Die Wiedervereinigung von FPÖ und BZÖ könnte am ehesten über Kärnten ihren Anfang finden. Die Wahlheimat des gebürtigen Oberösterreichers Haider, der schon in den siebziger Jahre zur Landes-FPÖ kam, wurde zum einzigen Bundesland der Zweiten Republik, in dem nicht SPÖ oder ÖVP durchweg den Regierungschef stellten. Haider war es gelungen, die dort seit 1945 regierende SPÖ von der Macht zu vertreiben; mit Hilfe der ÖVP wurde er 1989 erstmals Landeshauptmann. Das blieb er zunächst nur kurz; 1991 musste er wegen einer Rede, in der er die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ lobte, gehen. Die FPÖ legte trotzdem weiter zu. Bei der Wahl 1999 kam die FPÖ erstmals über 40 Prozent, Haider kehrte als Landeshauptmann zurück. 2004 legte er auf 42,4 Prozent zu, und mit dem Schwung des BZÖ-Ergebnisses im Bund wollte er in der im März 2009 bevorstehenden Landtagswahl sogar die absolute Mehrheit schaffen. Auch dieses Ziel fand am frühen Samstagmorgen ein Ende.

Haiders politische Laufbahn: Erfolge, Rückschläge, Ausfälle

Jörg Haider wird am 26. Januar 1950 in Bad Goisern geboren. In Wien studiert er Rechtswissenschaften. Im Alter von 20 Jahren wird er Bundesvorsitzender des Rings Freiheitlicher Studenten (RFS). 1976 macht ihn die FPÖ zum Landesparteisekretär, 1979 zieht er als Abgeordneter in den Nationalrat ein. 1983 kehrt er nach Klagenfurt zurück, übernimmt die Kärntner FPÖ und wird Landesrat (Minister). 1986 wählen ihn die FPÖ-Delegierten zum Bundesparteichef. Am 30. Mai 1989 wird Haider mit Hilfe der ÖVP erstmals Landeshauptmann von Kärnten. Zwei Jahre später wählen ihn SPÖ und ÖVP ab, nachdem er in einer Rede von der „ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich“ gesprochen hatte.

Daraufhin wechselt Haider als FPÖ-Fraktionschef ins Parlament nach Wien. 1999 schafft er es zum zweiten Mal, Landeshauptmann in Kärnten zu werden. In der folgenden Nationalratswahl wird die FPÖ vor der ÖVP zweitstärkste Partei. Daraufhin führt er die FPÖ in eine Koalition unter Kanzler Schüssel (ÖVP) und legt am 28. Februar 2000 den Parteivorsitz zugunsten von Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer nieder. Ein von Haider einberufenes statutenwidriges Delegiertentreffen in Knittelfeld leitet im September 2002 den Rücktritt Riess-Passers ein und beendet die Koalition. Schüssel ruft Neuwahlen aus, die mit einem Absturz der FPÖ enden. 2004 wird er wieder Landeshauptmann in Kärnten. 2005 trennt sich Haider von der FPÖ und gründet das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ). Nur knapp gelangt das BZÖ 2006 in den Nationalrat. Im August 2008 übernimmt er wieder die Führung und holt 10,7 Prozent der Stimmen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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