Unctad-Bericht

Den „brain drain“ stoppen

Von Siegfried Thielbeer, Kopenhagen

Vorbild unter den Entwicklungsländern: Bangladesch

Vorbild unter den Entwicklungsländern: Bangladesch

21. Juli 2007 Die United Nations Conference on Trade and Development (Unctad) hat in ihrem neuen Bericht zur Lage der am wenigsten entwickelten Länder die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung wissenschaftlicher und technischer Innovationen für diese Länder gerichtet und zu Kurskorrekturen in der Entwicklungspolitik aufgerufen.

Die Vernachlässigung dieser Aspekte habe die 50 ärmsten Länder Welt in den vergangenen Jahren noch weiter zurückgeworfen. Die insgesamt 767 Millionen Einwohner dieser Länder hätten weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben. Bei den nötigen Innovationen gehe es nicht um High-Tech, sondern etwa um Bewässerungsanlagen, Traktoren oder resistente Pflanzenarten. Bei der Vorstellung des Berichts warnte Michael Herrmann, einer der Autoren, vor einer einseitigen Ausrichtung der Entwicklungshilfe auf das Soziale.

Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte gefährlich

Das Vertrauen auf die Marktkräfte bei der Entwicklung von Wissenschaft und Technik genüge nicht, heißt es in dem Bericht. Der Maschinenimport der ärmsten Länder - der bei weitem wichtigste Teil des Techniktransfers aus den entwickelten Ländern - gehe gemessen an anderen Variablen der Wirtschaft und am Bevölkerungswachstum seit Jahren zurück. Ähnliches gelte für ausländische Direktinvestitionen. In der Lizenz- und Patentpolitik würden die ärmsten Länder durch überaus restriktive Verträge mit den entwickelten Länder behindert.

Die Regierungen der ärmsten Länder müssten ihre Agrarproduktion stärker fördern. Als Musterbeispiel dafür nannte die Unctad Bangladesch. Besonders gefährlich für die Entwicklung der ärmsten Länder sei der „brain drain“, die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Im Jahr 2004 hätten etwa eine Million Wissenschaftler, Ingenieure und Ärzte die 50 ärmsten Länder verlassen. Das entspricht einem Anteil von 15 Prozent an den etwa 6,6 Millionen Menschen in diesen Staaten mit Universitätsexamen oder vergleichbarem Abschluss.

Geldsendungen der Migranten als Einnahmequelle

Das Problem hat sich in einigen armen Staaten so verschärft, dass sie sogar ein Drittel ihrer qualifizierten Arbeitskräfte verloren haben. Dazu gehören etwa Haiti, die Kapverdischen Inseln, Samoa, Gambia oder Somalia. Der Verlust an „Humankapital“ habe verheerende Folgen für die Wirtschaft sowie das Bildungs- und Gesundheitssystem. Fehlten Landwirtschaftsexperten, Biologen, Ingenieure, Wissenschaftler und IT-Fachleute, sei es unmöglich, bessere Lebensbedingungen zu schaffen.

Andererseits seien die Geldsendungen der Migranten in die Heimat eine wichtige Einnahmequelle für die zurückbleibenden Familien. Unctad fordert die Industriestaaten auf, die Zuwanderung von Fachkräften aus den ärmsten Ländern zeitlich zu begrenzen, und verweist auf Großbritannien als Vorbild.

Text: F.A.Z., 21.07.2007, Nr. 167 / Seite 9
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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