Iranische Raketenrüstung

Eine wachsende Bedrohung

Von Hans Rühle

Wann wird die iranische Raketenrüstung zum Problem für den Westen?

Wann wird die iranische Raketenrüstung zum Problem für den Westen?

04. April 2007 Nachdem der russische Präsident Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz das geplante nationale Raketenabwehrsystem der Vereinigten Staaten ins Zentrum seiner Kritik an der westlichen Führungsmacht gestellt hatte, griff auch Außenminister Steinmeier das Thema auf. Die Raketenabwehr sei schon deshalb überflüssig, so Steinmeier, weil es eine entsprechende Bedrohung gar nicht gebe: „Nach Landkarten mit den Reichweiten der Raketen ist dies nach dem derzeitigen Stand iranischer Waffentechnologie nicht der Fall.“ Das hat Steinmeier in ähnlicher Form mehrfach wiederholt, so auch in einem Artikel vom 18. März in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Siehe Steinmeier warnt Amerika: „Wir wollen kein neues Wettrüsten in Europa!“).

Doch die auf die Gegenwart bezogene Aussage Steinmeiers wird der Problematik nicht gerecht. Das amerikanische Raketenabwehrsystem, über das zur Zeit diskutiert wird, orientiert sich nicht an der gegenwärtigen Bedrohungslage. Die Errichtung des Systems soll 2008 beginnen und 2012 abgeschlossen sein. Nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand der westlichen Geheimdienste ist davon auszugehen, dass Nordkorea und Iran spätestens 2015 über Langstreckenraketen verfügen werden.

Reichweite von 6000 bis 10.000 Kilometern

Nordkorea hat in den siebziger Jahren begonnen, auf der Basis sowjetischer Scud-Raketen eine eigene Raketenindustrie aufzubauen. In den letzten Jahrzehnten hat Nordkorea weiterentwickelte Scud-Raketen an Iran, Libyen, Pakistan, Syrien und wahrscheinlich auch Ägypten verkauft. 95 Prozent der gegenwärtig außerhalb der etablierten Nuklearwaffenstaaten verfügbaren Kurz- und Mittelstreckenraketen sind Derivate der Scud-Raketen, die die Sowjetunion jahrzehntelang jedem Potentaten dieser Welt gegen Kasse auf den Hof gestellt hat.

Im August 1998 testete Nordkorea eine Taepo Dong 1 in einer Boden-Luft-Variante. Obwohl die dritte Stufe der Rakete nicht funktionierte, waren sich alle Fachleute einig, dass Nordkorea mit diesem Raketentyp in der Boden-Boden-Variante künftig eine echte Langstreckenrakete zur Verfügung haben wird. Im Juli 2006 testete Nordkorea die noch stärkere Taepo Dong 2. Zwar schlug auch dieser Test fehl. Die Signaturen der Rakete deuten allerdings unmissverständlich auf eine Reichweite von 6000 bis 10.000 Kilometern hin.

Erste Phase der Sonderbeziehungen ist vorbei

Iran kam mit seinen Tests bisher auf Reichweiten von maximal 2000 Kilometern. Nach Aussagen iranischer Offizieller arbeitet das Land derzeit nicht nur an verbesserten Shahab-3- und Shahab-4-Raketen, sondern auch an einer Shahab 5, die entweder eine Kopie der nordkoreanischen Taepo Dong 1 oder ein kompletter Systemimport aus Nordkorea ist.

Dies zeigt, dass sich im Bereich der Proliferation von ballistischen Systemen in den letzten Jahren ein bemerkenswerter Wandel vollzogen hat. Die erste Phase dieser Sonderbeziehungen, in der ein Verkäufer ein einsatzbereites System gegen Kasse an einen Käufer abtrat, ist vorbei. Eine Reihe von Staaten arbeitet heute bei Entwicklung, Produktion und Erprobung von ballistischen Raketen eng zusammen. Eine derartige Beziehung besteht seit vielen Jahren nachweislich zwischen Nordkorea und Iran. Nicht zufällig ist die iranische Shahab 3 eine Variante der nordkoreanischen No Dong.

Leistungsparameter durch den Umbau verschleiern

Es wäre daher ein Wunder, wenn die fortgeschrittene Raketentechnologie Nordkoreas sich nicht alsbald in Iran wiederfinden würde - nicht zuletzt hat Nordkorea einen dramatischen Bedarf an Öl. Iran könnte sich dann eigene Tests weitgehend ersparen und auf die nordkoreanischen Daten zurückgreifen. Es reicht daher künftig nicht mehr, die Leistungsfähigkeit eines Landes im Bereich ballistischer Raketen nur an den entsprechenden Tests dieses Landes zu messen.

Neu ist auch die Methode, Raketen nicht mehr in ihrer eigentlichen Einsatzkonfiguration als Boden-Boden-Systeme zu testen, sondern die Leistungsparameter durch den Umbau zu einer Boden-Luft-Variante zu verschleiern. Sowohl Nordkorea als auch Iran machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. So war auch der letzte Raketentest Irans kein Versuch, eine Nutzlast in den Weltraum zu befördern, sondern die Überprüfung eines Geschosses für den Boden-Boden-Einsatz.

Nordkorea hat 18 BM-25-Systeme nach Iran geliefert

Wer will schon etwas gegen die friedliche Nutzung des Weltraums einwenden? Diese Tarnung eröffnet den Raketenbauern die Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit anderen Staaten, die sich auf ein offenkundig militärisches Projekt nicht einlassen können oder wollen. Russland leistet zwar kaum noch Hilfe bei der Konstruktion ballistischer Raketen in Iran, unterstützt aber nachhaltig das „Weltraumprogramm“ Teherans.

Auch die gegenwärtige Bedrohungslage sieht anders aus als von Steinmeier beschrieben. Nach Informationen westlicher Geheimdienste hat Nordkorea vor kurzem 18 BM-25-Systeme, deren Reichweite bei 2500 bis 3500 Kilometern liegt, nach Iran geliefert. Hinzu kommen 12 Marschflugkörper, die Iran zwischen 1999 und 2001 in der Ukraine gekauft hat und die über eine Reichweite von etwa 3000 Kilometern verfügen.

Ukrainische Marschflugkörper nuklearfähig machen

Bekannt wurde der Vorgang im Januar 2005. Ein von der ukrainischen Regierung eingesetzter Untersuchungsausschuss bestätigte das Geschäft, bagatellisierte den Fall allerdings mit der Begründung, die Systeme seien „nicht komplett“ gewesen. Iran hatte allerdings schon zuvor die Produktionsanlagen zum Bau der Marschflugkörper in der Ukraine aufgekauft.

Bei den von Iran erworbenen Marschflugkörpern handelt es sich um Systeme für konventionelle Gefechtsköpfe. Ihre Grundversion ist jedoch der Flugkörper KH-55, der zu Sowjetzeiten einen nuklearen Gefechtskopf mit einer Sprengkraft von 200 Kilotonnen TNT trug. Es dürfte Iran nicht allzu schwer fallen, die ukrainischen Marschflugkörper wieder nuklearfähig zu machen.

Der Verfasser war Leiter des Planungsstabes im Bundesministerium der Verteidigung.



Text: F.A.Z., 05.04.2007, Nr. 81 / Seite 7
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

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