Von Wolfgang-Günter Lerch
29. Oktober 2007 Bis vor etwa eineinhalb Jahren war es um die kurdische Organisation PKK (Partiye Kârkeren Kurdistan, Partei der Arbeiter Kurdistans) recht still geworden, nicht zuletzt, weil ihr Gründer und Führer Abdullah Öcalan von den türkischen Behörden in einem geheimdienstartigen Coup im Februar 1999 in Nairobi gefangengenommen und in einem aufsehenerregenden Prozess in der Türkei zum Tode verurteilt worden war.
Er sitzt heute auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmarameer; die Vollstreckung der Strafe muss er nicht mehr befürchten, sie wurde in lebenslange Haft umgewandelt, doch gibt es von kurdischer Seite Bestrebungen, seine Amnestierung zu erreichen. Seine Gefangennahme hatte die PKK ihres Kopfes beraubt, zudem hatte die Organisation, die in Deutschland als terroristische Gruppe eingestuft worden ist, einen Waffenstillstand“ proklamiert, den sie allerdings längst aufgekündigt hat.
Auch zahlreiche weibliche Kämpfer
Im Schatten des Irak-Krieges und gewiss auch animiert durch das Erstarken jenes kurdischen Gebietes im Norden des Iraks, das faktisch schon seit 1991 eine relativ stabile, seit dem gewaltsamen Sturz Saddam Husseins jedoch weiter konsolidierte Autonomie genießt, haben die Kämpfer der PKK ihre Aktionen auf türkischem Territorium schon vor geraumer Zeit wiederaufgenommen. Und wie in den achtziger und frühen neunziger Jahren beginnen sich die Spannungen auch außerhalb der Türkei wieder in Demonstrationen bemerkbar zu machen, wo Kurden leben.
Nicht zuletzt gewalttätige Aktionen kurdischer Demonstranten in Deutschland hatten dazu geführt, dass die PKK in der Bundesrepublik als terroristisch eingeordnet worden war. In der Türkei attackierte sie Soldaten der Armee, tötete bei Überfällen auf Dörfer jedoch auch zahlreiche Zivilisten, Frauen und Kinder, bevorzugt jene Dorfschützer“, die ausersehen waren, Ortschaften vor Überfällen zu bewahren. Insgesamt wurden in den länger als zwei Jahrzehnte währenden, von beiden Seiten mit teilweise brutalen Mitteln geführten Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee und den Guerrilleros mehr als 30.000 Menschen getötet. Viele Dörfer im Südosten Anatoliens wurden zerstört, eine Landflucht von Kurden in die großen Städte des Westens setzte unter dem Eindruck der PKK-Übergriffe und der Vergeltungsaktionen seitens der Armee ein.
Ideologischer Ursprung der PKK ist die radikale Linke in der Türkei, die in den siebziger Jahren ungleich stärker war als heute. Öcalan, 1949 in einem Dorf in der Nähe der Stadt anliurfa geboren, gehörte nach seiner schulischen Ausbildung in Gaziantep schon während seines Studiums der Politikwissenschaften in Ankara zu den bekanntesten linksradikalen Studentenführern. Dort legte er auch schon den Grundstein für die prokurdische, maoistisch-stalinistisch ausgerichtetet Arbeiterpartei“, als deren eigentlicher Gründungstag der 27. November 1978 gilt. Spätestens seit 1984 eskalierten die bewaffneten Auseinandersetzungen nach Überfällen der PKK auf türkische Armeeposten. Die PKK ist als straff autoritär strukturierte, auf Öcalan zugeschnittene marxistische Kampforganisation und Kaderpartei aufgebaut worden. Das Wort von Apo“, wie Öcalans Spitzname lautet, war Gesetz. In den Reihen der PKK befinden sich auch zahlreiche weibliche Kämpfer, die mit den Männern gleichberechtigt sind.
Höchsten 8000 Kämpfer
Ursprüngliches Ziel der PKK war die Errichtung eines sozialistisch geprägten unabhängigen Staates Kurdistan. Davon ist die PKK jedoch mehr und mehr abgerückt, offiziell gilt ihr Einsatz jetzt einer kurdischen Autonomie. Den Ruf, stalinistisch zu sein, hat sie freilich noch immer. Auf dem Höhepunkt der bewaffneten Auseinandersetzungen mit dem türkischen Staat konnten sich die PKK-Guerrilleros der stillschweigenden Unterstützung oder Duldung von Nachbarstaaten der Türkei sicher sein. So unterhielt sie lange Zeit ein Ausbildungslager in der ostlibanesischen Bekaa-Ebene, was ohne stillschweigende Unterstützung durch das syrische Regime in Damaskus nicht denkbar gewesen wäre. Auch Kontakte zum griechischen Geheimdienst waren Abdullah Öcalan und der PKK immer wieder nachgesagt worden zu einer Zeit, als die Beziehungen zwischen Athen und Ankara nicht gerade die besten waren.
Die gegenwärtige Anzahl von PKK-Kämpfern wird auf höchsten 8000 geschätzt. Sie können die Türkei, die etwa 100.000 Mann im Südosten stehen hat, nicht ernsthaft gefährden. Politische, wirtschaftliche und ethnische Interessen Ankaras – im Nordirak lebt die türkische Minderheit der Turkmenen – und gegenüber der autonomen kurdischen Region im Nordirak überwölben mit Sicherheit den jüngsten Konflikt mit der PKK.
Text: F.A.Z.