Griechenland

Flammen im Wahljahr

Von Rainer Hermann

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28. August 2007 Die Lage in Griechenland bleibt dramatisch. Die Waldbrände auf der Halbinsel Euböa haben in der Nacht die Umgebung der Ortschaft Seta erreicht. Rund 300 Einwohner mussten in Sicherheit werden, teilten die Behörden mit. Eine kilometerlange Front mit bis zu 20 Meter hohen Flammen bewege sich in Richtung Ägäis.

Etwas entspannt habe sich dagegen die Situation auf den Bergen des Peloponnes um die Kleinstädte Andritsena und Karytena, im Raum der Hafenstadt Kalamata und in der Region von Sparta, berichtete am Dienstagmorgen der staatliche Rundfunk NET. An den Löscharbeiten sind Einsatzkräfte aus mehreren europäischen Ländern beteiligt. Auch drei Hubschrauber aus Deutschland wurden erwartet.

Demonstrationen in Athen

Kamof gegen die Flammen auf dem Peloponnes

Kamof gegen die Flammen auf dem Peloponnes

Am Dienstagabend demonstrierten in Athen zweitausend Menschen gegen die Zerstörung der Umwelt. Auch die Politik sei dafür verantwortlich, dass Bodenspekulanten ungehindert Brände legen könnten, erklärten die Demonstranten. Über dem Land liege der „Rauch des Todes“.

Waldbrände gibt es in Griechenland regelmäßig. Aber in jedem Wahljahr brennen dort mehr Wälder als in anderen Jahren. Am 16. September sollen die Griechen ein neues Parlament wählen. Ein Flammeninferno wie in diesem Jahr erlebte Griechenland jedoch noch nie.

Erst schien es, als ob sich die Griechen angesichts der Katastrophe um die Regierung unter Ministerpräsident Karamanlis scharen würden. Doch seit sich am Wochenende das Feuer den antiken Stätten von Olympia näherte, könnte jetzt diese Stimmung umschlagen. Feuerwehrleute riskierten ihr Leben und retteten zumindest das Museum. Der Hain aber brannte ab, in dem traditionell das olympische Feuer entzündet wird. Auch das Stadion, in dem einst die ersten Wettkämpfe stattgefunden hatten, wurde ein Opfer der Flammen.

Aktionsplan von der Wirklichkeit überholt

Die Regierung war eigentlich gewarnt, konnte den historischen Ort aber nicht gut genug schützen. Nur drei Dutzend der 1800 Feuerwehrfahrzeuge Griechenlands sind in der Provinz Elada um Olympia stationiert, in einer der waldreichsten Regionen des Landes. Dabei glaubte die Regierung in diesem Jahr gut für die Waldbrände gerüstet zu sein.

Im Frühjahr hatte Ministerpräsident Karamanlis mit seinen Ministern einen Aktionsplan besprochen. Dann wurden sie von der Wirklichkeit überholt. Der Winter war extrem mild, die Wasserpegel sanken auf Rekordtiefe. Die Temperaturen im Sommer kletterten dreimal anhaltend auf mehr als 40 Grad, und die Winde bliesen stark wie selten.

Keine Krisenmanager

Noch hat Karamanlis einen Vorsprung in den Umfragen

Noch hat Karamanlis einen Vorsprung in den Umfragen

Eine erste Hitzewelle entfachte im Juni die Waldbrände auf den Bergen um Athen und um die Hafenstadt Volos, eine zweite wütete im Juli bei Korinth. Erst die dritte Hitzewelle ließ aber auf der Peloponnes, der Euböa und in anderen Landesteilen bei Windstärke 9 seit dem vergangenen Freitag das Inferno beginnen, in dem mehr als 60 Menschen getötet wurden. Das Feuer vertilgte mit Geschwindigkeiten von 80 Kilometern in der Stunde ausgetrocknete Nadel- und Olivenbäume, fegte über Dörfer und Menschen hinweg.

Feuerwehrleute aus Zypern sagten im Fernsehen, die Brände seien einfach zu stark für sie. Andere klagten, sie tappten im dichten Rauch und könnten das Feuer einfach nicht sehen. Als Krisenmanager hat sich die Regierung Karamanlis nicht empfohlen. Die ersten Brände des Sommers hatten anscheinend als Warnung nicht ausgereicht.

Im Juni, nach den Bränden auf dem Athener Hausberg Parnitha, hatte die Regierung noch Patrouillenflüge der Luftwaffe zur Früherkennung von Bränden angeordnet. Kein Flugzeug stieg seither auf. Die Chefs der Feuerwehr und des Zivilschutzes setzten zudem ihre Dauerfehde fort: Der erste hatte letzteren abgelöst und seine Gefolgsleute untergebracht.

Reformstau und Politikverdruss

Noch führt die Regierungspartei „Nea Demokratia“ in den Umfragen. Die angesehene Zeitung „Kathimerini“ veröffentlichte am Montag die Ergebnisse einer Befragung vor den jüngsten Bränden. In ihr führt die Regierungspartei „Nea Demokratia“ mit 42,5 Prozent vor der linken Oppositionspartei „Pasok“ mit 38,5 Prozent. Sie könnte damit mit 154 von 300 Abgeordneten ihre absolute Mehrheit verteidigen. Ihre Stärke verdankt die „Nea Demokratia“ der anhaltenden Schwäche der „Pasok“. Immerhin erkannte die „Pasok“ die Gunst der Stunde und versprach ein Drittel ihres Wahlkampfbudgets den Opfern der Brände.

Ein zweiter Pluspunkt für die „Nea Demokratia“ ist, dass 48 Prozent der Befragten Karamanlis für den besseren Ministerpräsidenten halten, von seinem Herausforderer Georgios Papandreou sagen das nur 24 Prozent. Die Hilflosigkeit, die Karamanlis und seine Regierung jetzt zeigen, könnte diesen Vorsprung schmelzen lassen.

Nicht ausgeschlossen ist, dass der verbreitete Politikverdruss kleineren Parteien zugutekommt und nach dem 16. September die Bildung einer stabilen Regierung erschwert. Griechenland prosperiert zwar, und der private Reichtum ist überall zu sehen. Viele groß angekündigte Reformen, etwa im Bildungswesen, sind nicht vorangekommen.

„Asymmetrische Drohung“

Seit fünf Tagen wütet das Feuer und nicht nur die Betroffenen haben den Eindruck, dass die Regierung keinen Plan hat. Die Bewohner von Dörfern, die vom Feuer eingekreist sind, rufen verzweifelt bei den Fernsehstationen an. Dann steuern die griechischen und internationalen Löschflugzeuge auch dieses Dorf an. Die Regierung ruft „Sabotage“, doch wenige glauben ihr. Der Minister für die öffentliche Ordnung, Vyros Polydoras, dem auch die Feuerwehr untersteht, spricht von einer „asymmetrischen Drohung“ und meint damit eine Terrorgefahr.

Bei allen griechischen Waldbränden haben Brandstifter ihre Hand im Spiel. Jeder Grieche kann Neubausiedlungen zeigen, die nach einem Brand entstanden sind. Dabei können auch solche Siedlungen nicht legal entstanden sein - Siedlungen mitten im Wald zum Beispiel, die die Behörden nach der Zahlung einer Strafe legalisieren, obwohl das Gesetz klar und deutlich besagt, dass das Bauen in Waldgebieten nicht erlaubt werde. Entscheidend ist dabei nicht der Bewuchs, sondern wie das Gebiet ausgewiesen ist.

Grundlage dafür sind immer noch die Luftaufnahmen, die die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs gemacht haben. Ein Projekt der Regierung war, die Bezeichnung „Waldgebiet“ neu zu definieren. Daraus wurde nichts. Noch keine Regierung hat es geschafft, für das ganze Land verbindliche Boden- und Waldkataster einzuführen. Deswegen musste Griechenland schon Gelder an die EU zurückzahlen. Noch immer benutzen viele Gemeinden Grundstückspläne aus osmanischer Zeit.

Nachlässige Abfallverbrennung

Mehr als 30 Verdächtige hat die griechische Polizei bislang festgenommen. Die Verhöre sollen zeigen, ob zwischen ihnen eine Beziehung besteht, was die Behauptung der Regierung, ein Komplott sei gegen sie angezettelt worden, erhärten würde.

Bei einem verhafteten Albaner wurden 300.000 Euro gefunden, anscheinend die Belohnung für getane Arbeit. Unter den Verhafteten ist auch eine alte Frau, die vor ihrem Haus nachlässig Abfall verbrennen wollte und damit einen ganzen Wald in Schutt und Asche legte. Für die Ergreifung der Brandstifter hat die Regierung eine Belohnung von eine Million Euro ausgesetzt. Nicht ausgeschlossen wird, dass anarchistische Zirkel und andere zu Nachahmungstätern wurden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., reuters

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