Russland

Der böse Botschafter

Von Michael Ludwig, Moskau

24. Januar 2007 Das russische Wort „Naschi“ bedeutet „Unsere“ - zum Beispiel im Sinne von: unsere Leute. Diesen Namen trägt eine straff organisierte, gut ausgestattete und von „Kommissaren“ geführte Jugendbewegung mit Stützpunkten in ganz Russland. Ihr geistiger Vater ist Wladislaw Surkow, der stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung, der als Ideologe des Kremls und als Architekt der „gelenkten Demokratie“ in Präsident Putins Russland gilt.

Surkow war es auch, der vergangenes Jahr die Gründung einer zum Kreml loyalen Mitte-Links-Partei initiiert hat, die nach seinen Worten das „zweite Bein“ des politischen Systems neben der offiziellen Kreml-Partei Einiges Russland sein soll. Nach seiner Vorstellung sollen „Naschi“ die Jugendreserve aus „anständigen Russen“ für den politischen Kampf im Land und für die künftige politische Elite sein. Sie sollen an der Stelle von Bürgerrechtlern, der Jugendorganisationen der Kommunisten, der rot-braunen „Autonomen“ unter dem Führer der Nationalbolschewiken Eduard Limonow und der Liberalen und rechten Demokraten die Herrschaft über die Straße behaupten.

Kurzer Dienstweg ins Zentrum der Macht

Als im vorvergangenen Winter Rentner dagegen protestierten, dass die Staatsmacht Naturalvergünstigungen in Geldleistungen umwandeln wollte, und Gegner des Kremls unterschiedlicher Couleur die Alten demonstrierend unterstützten, wurden die „Unsrigen“ in Stellung gebracht. Jedes Jahr trainieren sie in einem Sommerlager Strategie und Taktik und hören Vorträge von Berühmtheiten des politischen Establishments. Auch Surkow ist dort regelmäßig anwesend. Das garantiert dem „Naschi“-Führer Jewgenij Jakimenko den kurzen Dienstweg ins Zentrum der Macht.

Vor einigen Monaten haben sich „Naschi“ in Moskau einen Lieblingsfeind aus dem Ausland gekürt: den britischen Botschafter Antony Brenton. Der Gesandte des Inselreiches hatte es im vergangenen September gewagt, auf dem Kongress der kremlkritischen Bewegung „Das andere Russland“ zu sprechen. Die Kreml-Jugend fordert dafür eine öffentliche Entschuldigung des Botschafters. Falls er diese verweigere, müsse er das Land verlassen.

Weil Brenton dieser Forderung nicht nachkommt, findet seither eine fast ununterbrochene Dauerdemonstration einiger „Naschi“-Aktivisten vor der Botschaft statt. Das könnte den Diplomaten kaltlassen. Aber selbst britische Gelassenheit gelangt gelegentlich an Grenzen. Brenton trifft, wohin er in Moskau geht, auf „Naschi“-Aktivisten, die ihm folgen und ihn behindern.

Ist der Geheimdienst involviert?

Da sie offenbar Brentons Dienstplan kennen, hat dieser schließlich alle Zurückhaltung aufgegeben und öffentlich vermutet, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB für die „Datenübertragung“ aus seinem Kalender an die „Naschi“ verantwortlich sei. Wenn er wolle, könne der Kreml den Aktionen der „Naschi“ schnell ein Ende bereiten, hieß es ebenfalls aus der Botschaft, denn der Kreml habe schließlich großen Einfluss auf die Bewegung.

Aber der Kreml wollte nicht. Auch dort scheint man den Briten als Lieblingsfeind zu schätzen. Anfang vergangenen Jahres stand die britische Botschaft im Mittelpunkt eines Fernsehfilms über eine abenteuerlich klingende Spionagegeschichte: Angeblich mit versteckter Kamera aufgenommene Bilder zeigten, wie über einen „Kunststein“, in dem ein Sender untergebracht gewesen sei, Informationen zwischen britischen Agenten und russischen Menschenrechtlern übermittelt worden seien.

Lächerlich primitiv

Bei der angeblich in britischen Diensten stehenden Menschenrechtsorganisation handelte es sich um die Moskauer Helsinki-Gruppe - eine Organisation, deren ältere Mitglieder schon in sowjetischen Zeiten als Dissidenten aktiv waren und teilweise im Gefängnis saßen. Aus der Sicht westlicher Fachleute war der Film zwar von einer lächerlich primitiven Machart, aber die „britische Spionageaffäre“ half dabei, die kremlkritischen Nichtregierungsorganisationen (NGO) im Lande in den Geruch zu bringen, Vaterlandsverräter zu sein. Dem Vorgehen der Staatsmacht zur stärkeren Kontrolle der NGO sollte so in den Augen des breiten russischen Publikums der Anschein einer gewissen Berechtigung verliehen werden.

Immerhin erinnerte Außenminister Sergej Lawrow dieser Tage den „Naschi“-Führer Jakimenko in einem persönlichen Gespräch daran, dass Russland internationale Verpflichtungen habe, was die Arbeit ausländischer Botschaften angehe, und dass dies der ansonsten verdienstvollen politischen Arbeit der Bewegung Grenzen setze. Ob dies die kremltreue Garde auf Dauer überzeugt, muss abgewartet werden.

Nun hat ein Aktivist der Bewegung, um den Kampf gegen die Briten am Köcheln zu halten, Klage gegen einen Wachmann der Botschaft angestrengt. Der Mann habe ihn vor einigen Monaten „im Auftrag des Missionschefs“ verprügelt und ihm ein Transparent weggenommen, auf dem eine Entschuldigung des britischen Botschafters gefordert wurde.



Text: F.A.Z., 24.01.2007, Nr. 20 / Seite 7
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa

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