Von Josef Oehrlein
19. September 2007 Was ist das für eine Organisation, in der einige wenige Geld haben, Zigaretten und Süßigkeiten, und in der die anderen betteln müssen, nur um zurückgewiesen oder von den Oberen angeraunzt zu werden? Aus den Worten einer jungen Frau, die sich freiwillig der kolumbianischen Guerrilla-Organisation Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc) angeschlossen hat, sprechen Verbitterung und Wut.
Dabei hat die Guerrillera mit dem Kampfnamen Eillen den Glauben an die Sache noch nicht ganz verloren, für die die Organisation einzutreten behauptet. Die Farc seien ihr Leben, ihre Familie, schreibt sie. Ich habe gekämpft, aber das war nicht das Schlimmste. Ich renne herum mit schweren Rucksäcken, durchnässter Kleidung. Eine interessante Erfahrung, die mir niemand nehmen kann. Doch dann bricht es wieder aus ihr heraus: Ich habe es satt, habe die Farc satt, die Leute, das Gemeinschaftsleben.
Tagebuch aus dem Guerrilla-Camp
Die Schilderungen entstammen dem Tagebuch der jungen Frau, das in einem von den regulären Streitkräften ausgehobenen Guerrilla-Camp gefunden wurde. An der Authentizität zweifelt niemand. Die Tagebucheintragungen sind außer in Englisch und Spanisch auch auf Holländisch geschrieben.
Fast gleichzeitig mit dem Tagebuch ist eine Video-Aufzeichnung bekannt geworden, auf der Eillen ihre Eltern auf Holländisch um Verständnis dafür bittet, dass sie sich den Farc angeschlossen hat. Die in den Niederlanden lebenden Eltern der Guerrillera haben bestätigt, dass es sich um ihre Tochter mit bürgerlichem Namen Tanja Nijmeijer handelt, die 2002 nach Kolumbien gereist ist, um sich den Guerrilleros anzuschließen.
Europäische Linke kämpfen im Dschungel
Die Mutter hat Eillen im Jahr 2005 sogar im Dschungel besucht, sie aber nicht zum Verlassen der Farc bewegen können. An ihren Befehlsgebern bemängelt Tanja Nijmeijer deren arrogantes und sexistisches Verhalten, außerdem kritisiert sie Stumpfsinn und Beschränktheit ihrer Mitkämpfer. Zwei oder vielleicht sogar mehr Mitglieder ihrer Truppe hätten Aids: Hier benutzt niemand Präservative, notiert sie. Und dann fragt sie sich, ob es nicht besser gewesen wäre, in Holland zu bleiben. Was würde ich tun? Unterricht geben, übersetzen, in der Universität, in einem Betrieb arbeiten? Verlobt sein, verheiratet, mit Kindern?
Tanja Nijmeijer ist eine von mehr als 20 Ausländern, überwiegend Holländern, aber auch jungen Leuten aus Skandinavien sowie aus Belgien, Spanien und Griechenland, die aus freien Stücken in den kolumbianischen Dschungel gegangen sind, weil sie im Glauben waren, die Farc träten für eine gerechte Sache ein. Der Kontakt der jungen Linken aus Europa mit der Guerrilla kam meist in der Zeit nach 2000 zustande, als die Regierung des früheren Präsidenten Andrés Pastrana im Süden Kolumbiens ein Gebiet von der Größe der Schweiz für die Anfang 2002 gescheiterten Friedensgespräche entmilitarisiert hatte.
Marodierende Soldateska
Die Farc errichteten in dem Areal um San Vicente del Caguán seinerzeit eine Art Staat im Staat, und sie begannen, im Ausland über linksgerichtete Solidaritätskomitees, regierungsunabhängige Organisationen und akademische Einrichtungen Sympathisanten anzuwerben. Die ausländischen Farc-Mitglieder müssen zwar auch in den Kampf, zu ihren Aufgaben gehört es aber vor allem, Dokumente zu übersetzen und Kontakte zum Ausland zu unterhalten. Sie haben innerhalb der Organisation also scheinbar eine privilegierte Stellung. Wie weit es damit tatsächlich her ist, beschreibt Eillen anschaulich. Ihre Schilderungen vom Innenleben der Farc ergeben eher das Bild einer marodierenden Soldateska als das einer für Ideale kämpfenden Truppe.
In Europa gibt es Sympathien für Bewegungen wie die Farc, dort herrscht eine romantische Vorstellung vom Guerrillero, die nichts mit der Realität zu tun hat, sagte der kolumbianische Außenminister Fernando Araújo bei seinen Besuchen in einem halben Dutzend europäischer Länder. Hauptziel seiner Tour war es, Politiker und Öffentlichkeit über den wahren Charakter der Farc aufzuklären. Araújo weiß, wovon er spricht, denn er befand sich sechs Jahre als Geisel in der Gewalt der Farc. Er konnte sich am Jahresbeginn aus eigener Kraft befreien.
Über das Schicksal von Tanja Nijmeijer zeigte er sich besorgt. Wegen ihrer despektierlichen Äußerungen über die Guerrilla in dem Tagebuch sei sie in hohem Maß gefährdet. Sollte es ihr möglich sein, ihrer Guerrilla-Einheit im Osten Kolumbiens zu entkommen, könne sie mit einer Amnestie rechnen, sagte Araújo.
Finanzquelle Drogenhandel
Der Außenminister bezeichnet die Farc als eine vom Drogenhandel finanzierte Terrorgruppe, die eine Doppelstrategie verfolge. Auf der einen Seite pflege sie einen demagogischen Diskurs über soziale Gerechtigkeit, Frieden und Gleichheit. Andererseits vergreife sie sich mit Verbrechen wie Entführung und Erpressung an der Zivilgesellschaft. Den Farc sei daran gelegen, Verwirrung zu stiften. Deshalb sei die Regierung in Bogotá, wie Araújo in Spanien erläuterte, derzeit nicht willig, neben der Vermittlungsinitiative des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez weitere Schauplätze für Gespräche und Verhandlungen über einen möglichen Austausch von den Farc festgehaltener Geiseln gegen gefangene Guerrilleros zu eröffnen.
Über die angeblichen Friedensabsichten der Guerrilla gibt ein Computer Auskunft, der im gleichen Lager wie das Tagebuch von Eillen gefunden wurde. Der Laptop gehörte Carlos Antonio Lozada, einem Farc-Anführer, der als Militärstratege gilt und bei den Friedensgesprächen mit der Regierung Pastrana Unterhändler der Guerrilla war. Er hat das Camp bei dem Militärangriff fluchtartig verlassen und ist möglicherweise verletzt worden. Das Notebook enthält Informationen über die Herstellung von Sprengstoff, Anschlagsziele etwa im öffentlichen Nahverkehr von Bogotá oder Beobachtungen über die Sicherheitsvorkehrungen für hohe Regierungsbeamte und Industrielle. Und neben den Kriegsplänen, die bis ins Jahr 2012 reichen, finden sich auch Bilder von Eillen.
Text: F.A.Z., 19.09.2007, Nr. 218 / Seite 3
Bildmaterial: AFP, AP