Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
05. Januar 2006 Venezuelas Präsident Hugo Chávez konnte es gar nicht erwarten. Er zwang regelrecht seinen neuen Bundesgenossen, den gerade zum Präsidenten Boliviens gewählten Evo Morales, auf seinem Flug nach Europa eine Zwischenstation in Caracas einzulegen, obwohl das zunächst gar nicht geplant war. Chávez überhäufte seinen Gast mit Ehrenbezeigungen und Morgengaben.
Er empfing Morales wie einen Staatsbesucher, schenkte ihm 30 Millionen Dollar für Sozialvorhaben und versprach ihm die Lieferung von 150.000 Faß Diesel monatlich. Das ist genau jene Menge, die Bolivien überhaupt importieren muß. Ich will nicht, daß du mir auch nur einen Centavo dafür bezahlst, fügte Chávez mit der Geste des reichen Onkels noch hinzu, das kannst du mit Agrarprodukten begleichen.
Zweite Befreiung Lateinamerikas
Doch das war alles nur ein Vorspiel. Am 23. Januar, gleich nach seinem Amtsantritt, werden Morales und Chávez die entsprechenden Dokumente und eine Reihe anderer Vereinbarungen unterzeichnen. Dann beginnt das Zusammenleben mit einem soliden und tiefgreifenden Mechanismus der Integration und Kooperation, wie Chávez es ausdrückte, erst richtig. Die Begegnung in Caracas wirkte so, als habe Chávez seinem Schützling Morales vor dessen erster Weltreise noch einmal einbleuen wollen, daß Bolivien seine Politik künftig zuallererst an der revolutionären Achse Venezuela-Kuba ausrichten müsse.
Als gelehriger Schüler weiß Morales, was er den neuen Bündnispartnern schuldig ist. Dem Altvater der Revolution, dem kubanischen Staatschef Fidel Castro, hatte er zuvor schon mit seiner allerersten Auslandsreise Tribut gezollt. Und in Venezuela sagte er seinen Spruch auf, daß er sich dem antineoliberalen und antiimperialistischen Kampf anschließen werde. Das Ziel sei kein geringeres, als die zweite Befreiung Lateinamerikas zu erreichen.
Front gegen das Imperium
Chávez ist daran interessiert, Bolivien so rasch wie möglich in seine Front gegen das Imperium voll einzugliedern, wie er die Vereinigten Staaten nur noch nennt. Die Hast, mit der er dieses Ziel verfolgt, wirkt etwas übertrieben, weil der Sozialist Morales auch in dieser Hinsicht schon seine Pflicht erfüllt und Washington immer wieder heftig angegriffen hat, bis hin zu der Bemerkung, der amerikanische Präsident Bush sei der einzige Terrorist der Welt.
Andererseits hat Morales gegenüber den Vereinigten Staaten auch schon versöhnliche Töne angeschlagen. Völlig überraschend traf er Anfang der Woche den amerikanischen Botschafter in La Paz. Beide hätten bei ihrer Begegnung die Bedeutung des frontalen Kampfs gegen den illegalen Rauschgifthandel und für den Respekt gegenüber der Demokratie in der Region betont, hieß es hinterher in einer gemeinsamen Verlautbarung über das Treffen.
Auf amerikanische Wirtschaftshilfe verzichten
Bisher hat der Kokabauernführer Morales noch nicht den Widerspruch aufzulösen vermocht, wie er eine Legalisierung des Kokaanbaus und die industrielle Verarbeitung der Pflanze mit der Bekämpfung des illegalen Drogenhandels vereinbaren will. Chávez' Großzügigkeit sichert Morales' Ankündigung ab, Bolivien werde auf die amerikanische Wirtschaftshilfe verzichten, wenn diese weiterhin an die Vernichtung von Kokafeldern gebunden sei.
Venezuela will Bolivien überdies bei der Ausbeutung seiner Bodenschätze, vor allem der großen Gasvorräte, beraten und unterstützen. Auch dieses Angebot unterbreitete Chávez nicht ohne Hintergedanken. Zu den wichtigsten Wahlversprechen Morales' gehören die Rückverstaatlichung des Energiesektors und eine Neuverhandlung der Verträge mit den internationalen Firmen.
Antrittsbesuch bei der EU
Diesem Thema wird er sich vermutlich während der ersten beiden Stationen seiner Europa-Tournee in Spanien und Frankreich zu widmen haben. Immer wieder hatten Morales und seine Berater hervorgehoben, daß sie die privaten Unternehmen nicht gänzlich aus Bolivien verdrängen, sondern ihnen lediglich höhere Abgaben abverlangen wollen.
In Spanien wurde Morales von Ministerpräsident Zapatero und selbst vom König empfangen. In Frankreich wird er Gast von Staatspräsident Chirac sein, doch vorher wird Morales am Donnerstag der Europäischen Union in Brüssel noch einen Antrittsbesuch abstatten.
Einsatz für die Indiobevölkerung
Des weiteren wird Morales in China und Südafrika Station machen. Während es in China gleichfalls vorrangig um wirtschaftliche Fragen gehen dürfte, hat der Besuch bei dem früheren südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela, der Morales einlud, eher einen politischen Hintergrund. Der Schwarzenführer wird Morales über seine Erfahrungen bei seiner erfolgreichen Aussöhnungspolitik mit der weißen Minderheit und der Beteiligung der schwarzen Volksgruppen an der Regierung berichten.
Die Indiobevölkerung, der Morales entstammt, blieb bislang vom politischen Leben weitgehend ausgeschlossen. Das zu ändern hat der neue Präsident vor allem versprochen. Er hat Mandela als einen der ersten zu seiner Amtsübernahme am 22. Januar eingeladen.
Text: F.A.Z., 05.01.2006, Nr. 4 / Seite 5
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS
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