Einsatz in Afghanistan

„Hier läuft etwas schief - der will uns“

Von Marco Seliger, Murnau

04. Februar 2008 In der Nacht hat es geschneit. Nun klatschen dicke Regentropfen gegen die Fensterscheiben, der Wind weht feuchtes Laub aus dem nahen Wald herüber. Kein Wetter für ein gutes Freilufttraining. Tino Käßner hat das Rennrad deshalb in den Keller seines Hauses in Murnau geschafft, das Vorderrad in einer Haltevorrichtung verankert, das Hinterrad steht in einem Rollentrainer. Der 33 Jahre alte Mann sieht aus wie einer dieser Fahrer aus den Profirennställen: der Oberkörper kräftig, Arme und Oberschenkel muskulös. Er besteigt das Rennrad. Dort, wo am rechten Bein der Unterschenkel wäre, sitzt vom Knie an abwärts eine Hightech-Prothese, schwarzrotgolden lackiert. Käßner befestigt sie an der rechten Pedale, auf der linken Seite rastet der Rennfahrerschuh mit einem Klicken hörbar ein. „Olympia ruft“, sagt er.

Am 14. November vor nunmehr gut zwei Jahren beginnt im „Camp Warehouse“ in Kabul eine neue Woche. In einem gut geschützten Gebäude hält der Bundeswehr-Kommandeur die Morgenlage ab. Die Sicherheitsleute berichten von Anschlägen auf die internationalen Truppen und warnen vor Terroristen mit Autobomben - das Übliche im Kabul dieser Tage. Seitdem sie hier vor vier Wochen eingetroffen sind, hat Tino Käßner zusammen mit seinem Kameraden und Freund Stefan Deuschl, einem Hauptfeldwebel, täglich mit dieser Bedrohung zu tun. Nach dem Mittag treffen beide den Besucherbetreuer des deutschen Kontingents, Oberstleutnant Armin Franz, einen Reservisten. Er bereitet die Visite einer Delegation aus Deutschland in Kabul am Wochenende vor. In der Stadt sind dazu Absprachen mit der örtlichen Polizei nötig. Franz und die beiden Feldjäger kennen sich von mehreren gemeinsamen Fahrten. Jeder weiß, was er zu tun hat, wenn sie in Kabul unterwegs sind. Die Lebensgefahr ist ihr ständiger Begleiter.

Ohne Begleitung unterwegs

Tino Käßner steuert den gepanzerten „Wolf“-Geländewagen um 14.15 Uhr aus der schwer gesicherten Feldlagereinfahrt am Rande Kabuls heraus und biegt auf die dicht befahrene Straße Richtung Stadtmitte. Stefan Deuschl sitzt auf der Beifahrerseite, Armin Franz rechts auf der Rückbank. Trotz der angespannten Sicherheitslage sind sie ohne Begleitung unterwegs. Käßner fährt wie immer zügig und konzentriert. Nur kein langsames Ziel abgeben. Die drei Soldaten sprechen kaum und beobachten die Umgebung. Nach zehn Minuten erreichen sie den Stadtrand, hier trennen in einigen Metern Abstand voneinander aufgestellte Betonpfeiler die beiden Fahrspuren. Von der gegenüberliegenden Fahrbahn zieht plötzlich mit hohem Tempo ein weißer Toyota herüber, nimmt eine Lücke zwischen zwei Betonpfeilern und kracht frontal in die Seite des „Wolf“. Tino Käßner bremst, der Wagen reagiert, dreht sich, prallt gegen einen Betonpfeiler und bleibt in Fahrtrichtung stehen. Die Airbags werden ausgelöst, die Gurte halten - die drei Soldaten sind unversehrt.

Käßners Puls rast. Er blickt zu seinen Kameraden und sieht in verunsicherte Gesichter. Sie schnallen sich ab, öffnen die Wagentüren und steigen aus. Armin Franz tritt aus der Tür, Stefan Deuschl steht auf der rechten Fahrzeugseite zwischen Beifahrertür und hinterer Tür. Tino Käßner nimmt sein Gewehr aus dem Wagen. Er blickt auf und sieht, wie der Toyota in wenigen Metern Entfernung hastig wendet. Während der Wagen kurz darauf mit kreischendem Motorgeräusch auf sie zurast, bemerkt Käßner einen Mann mit einer Paschtunenmütze auf dem Kopf hinter dem Lenkrad. Dann sieht er, wie ein Lächeln über das bärtige Gesicht hinter der zersplitterten Windschutzscheibe huscht. Käßner ist wie gelähmt, zu keiner Handlung fähig. „Hier läuft etwas schief“, denkt er nur. Dann weiß er: „Der will uns.“

Zwölf Kilogramm Sprengstoff

Ehe die drei Bundeswehrsoldaten zu einer Reaktion in der Lage sind, ist der Toyota herangerast. In seinem Fußraum detonieren zwölf Kilogramm Sprengstoff. Die gewaltige Explosion zerreißt den Wagen - und Armin Franz. Dann ist es still. Tino Käßner hört, wie Staub und Dreck niederregnen. Er ist bei vollem Bewusstsein, öffnet die Augen und sieht sich im Schmutz der Straße liegen. Die Beine schmerzen höllisch, er hebt den Kopf, schaut an seinem Körper hinab und erblickt den rechten Fuß in abnormaler Stellung. Er versucht aufzustehen, will sehen, was mit den Kameraden auf der anderen Seite des Wagens passiert ist. Es gelingt ihm nicht. Afghanen kommen gelaufen, umringen ihn. Einer nimmt seinen Kopf, hält ihn fest, redet auf ihn ein. Käßner versteht kein Wort. Sie wickeln ihn in eine Decke, tragen ihn zu einem Auto, heben ihn auf die Rückbank. Seine Gedanken rasen: „Was haben sie mit mir vor? Nur nicht in ein afghanisches Krankenhaus.“

Britische Soldaten gelangen an den Anschlagsort und verschaffen sich Platz in der aufgeregten Menge. Sie holen Käßner wieder aus dem Wagen, legen ihn auf eine Trage, geben ihm eine Morphiumspritze und binden seinen rechten Unterschenkel ab. Er sagt: „Bringt mich ins Camp Warehouse.“ Doch die Briten verstauen ihn in ihrem Militärjeep und rasen in das nahe gelegene Camp Phoenix der amerikanischen Truppen. Käßner wird sofort auf den Operationstisch gelegt. Es muss schnell gehen, er verliert viel Blut. Nach einiger Zeit sieht Käßner einen Bundeswehrarzt in das Zelt treten, der sich kurz mit den amerikanischen Kollegen unterhält. Ein deutscher Oberfeldwebel tritt hinzu, Käßner kennt ihn aus dem Feldlazarett. Er legt ihm die Hand auf die Schulter und sagt: „Tino, es wird alles gut.“ Käßner verliert das Bewusstsein (siehe auch: Deutscher Soldat bei Anschlag in Kabul getötet).

Grandiose Blitzkarriere

„Ich gratuliere zur WM-Nominierung!“ Es ist Juni 2007, und Tino Käßner ist ratlos. Was soll er von der E-Mail halten? Ein Fotograf des lokalen Tageblatts schickt sie, beide kennen sich. Käßner war mehrfach in der Zeitung abgebildet. Jeder in Murnau weiß von der grandiosen Blitzkarriere des unterschenkelamputierten ehemaligen Soldaten, die mit mehreren zweiten und dritten Plätzen bei den Deutschen Meisterschaften 2007 der Behindertenradsportler verheißungsvoll begonnen hat. Aber dass es gleich im ersten Leistungssportjahr zur WM-Teilnahme reichen soll, daran will selbst Tino Käßner in diesem Moment nicht glauben. Am Mittag bringt der Briefträger das offizielle Schreiben vom Deutschen Behindertensportverband. Er sei für die Radsport-Weltmeisterschaften Mitte August in Bordeaux nominiert worden, heißt es darin. Einige Wochen später erkämpft sich Käßner einen elften Platz im Bahnsprint und den 13. Rang im Einzelzeitfahren auf der Straße. Ein sensationelles Ergebnis für einen Anfänger. Er fasst einen Entschluss: „Mein Ziel sind die Paralympics in London 2012.“

Das neue Leben von Tino Käßner hat am Morgen des 19. November 2005, einem trüben Samstag, auf der Intensivstation des Bundeswehrkrankenhauses in Koblenz begonnen. Als er aus dem Koma erwacht, stehen drei Personen am Bettrand. Käßner, in fünf Tagen Bewusstlosigkeit „abgemagert bis auf die Knochen“, erkennt seine Freundin Antje, seine Mutter und seine Schwester. Sie haben hier gewacht, seitdem er am 15. November, einen Tag nach dem Anschlag, in Deutschland eingetroffen ist. Sie sagen ihm, dass der rechte Unterschenkel amputiert werden musste. Käßner reagiert gefasst. „Dass der nicht gut aussieht, wusste ich schon, als ich in Kabul auf der Straße lag“, sagt er lapidar.

Beide Beine weggerissen

Am Bett nebenan steht Violetta, die Frau von Stefan Deuschl. Sie schaut bestürzt auf ihren Mann, für dessen Lebenserhalt Maschinen sorgen. Dort, wo sich im Bett gegenüber normalerweise die Beine hervorwölben müssten, liegt die Bettdecke glatt auf der Matratze. Tino Käßner schaut die Ärzte fragend an. Die Explosion, erfährt er, hat seinem Kameraden und Freund beide Beine weggerissen. Er lebt überhaupt nur deswegen noch, weil er im Schatten der hinteren Wagentür stand, die seinen Oberkörper vor der Explosionswelle schützte. Armin Franz indes hatte keine Überlebenschance. Käßner derweil stand im Explosionsschatten des „Wolf“. Die Detonationswelle bahnte sich unter dem Wagen ihren Weg und zerfetzte „nur“ seinen rechten Fuß und Unterschenkel. Die Psychologen sagen, dass es gut für ihn sei, nach der Explosion nicht auf die andere Seite des Wagens gelangt zu sein. Er hätte dort die möglicherweise lebenslang traumatisierenden Bilder der zerfetzten Leiber seiner Kameraden gesehen.

Noch in Koblenz entschließt sich Tino Käßner, die Bundeswehr zu verlassen. Er ist Berufssoldat, er liebt diesen Beruf und müsste nicht gehen. So ist es im neuen Einsatzweiterverwendungsgesetz für versehrte Soldaten geregelt. Er könnte in der Kaserne einen Bürojob machen, aber das kommt für ihn nicht in Frage. „So, wie ich jetzt bin, hat das nichts mehr mit Soldatsein zu tun“, sagt er. Käßner will einen Schlussstrich ziehen unter sein bisheriges Leben. In den täglichen Gesprächen von Krankenbett zu Krankenbett tauscht er sich darüber mit Stefan Deuschl aus, der drei Tage nach ihm aus dem Koma erwacht. Auch Deuschl will die Armee verlassen.

Ein neues Leben

Beide sind durch Pension und Versicherungspolicen finanziell abgesichert. „Meine Beine und die Bundeswehr“, sagt Stefan Deuschl, „gehörten zu meinem alten Leben. Am 14. November 2005 hat ein neues begonnen.“ Lange war er sich nicht sicher, ob dieses Leben in seinem Zustand überhaupt noch lebenswert ist. Doch die Familie gibt ihm Halt. Im Kunstunterricht sollte sein Sohn Henry vor kurzem ein Bild zum Thema „Wo Engel wohl helfen“ malen. Er wählte eine Szene des Anschlags in Kabul und ergänzte die Worte, es müssten wohl viele Engel gewesen sein, die den Papa dort beschützt hätten. „Ja, das Leben ist auch ohne Beine lebenswert“, sagt Stefan Deuschl.

Vor sieben Jahren gab es in Chemnitz keine Arbeit für den Gas- und Wasserinstallateur Tino Käßner. Die Armee war seine einzige Berufschance. Am 1. Juli 2000 trat er seinen Dienst in der 5. Kompanie des 451. Feldjäger-Bataillons in Murnau an. Er wurde der Schicht von Stefan Deuschl zugeteilt. Der Hauptfeldwebel verstand sich als Mentor des sieben Jahre jüngeren Kameraden, er bildete ihn aus und empfahl ihn als Personenschützer. Sie freundeten sich an, nach Dienstschluss gingen sie gemeinsam ins Kino, oder sie fuhren Rad. Im Dezember 2004 kam Käßner von einem viermonatigen Einsatz aus Kundus zurück, er hätte ein Jahr Einsatzpause gehabt. Doch sechs Monate später zog ihn der Freund zur Seite. „Begleite mich im Herbst nach Kabul“, bat Stefan Deuschl. Er hatte den Auftrag, ein sechsköpfiges Personenschutzkommando aufzustellen. Käßner sagte zu. Es sollte ihr erster gemeinsamer Einsatz werden. Und ihr letzter.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.02.2008, Nr. 5 / Seite 6
Bildmaterial: AP, Matthias Schrader

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