Von Andreas Ross
21. August 2007 Ehsan Jami könnte einflussreicher werden als Ayaan Hirsi Ali, sagt Afshin Ellian. Die Prophezeiung des Rechtsphilosophen und Publizisten, der sich 1989 vor der iranischen Chomeini-Revolution in die Niederlande rettete und als populärer Islam-Kritiker vielen muslimischen Extremisten so verhasst ist, dass er dort bei seinen Universitätsvorlesungen stets von zwei Polizisten flankiert ist, gilt einem 22 Jahre alten sozialdemokratischen Lokalpolitiker. Der war als Neunjähriger mit seinen Eltern ebenfalls aus Iran gekommen, nennt sich seit dem 11. September 2001 nicht mehr Muslim und wurde im vorigen Jahr in den Rat der südholländischen Gemeinde Voorburg gewählt. Seit Anfang August lebt er unter Polizeischutz an einem geheimen Ort. Denn er hat angekündigt, ein niederländisches Komitee für Ex-Muslime zu gründen - und wurde deshalb vor seiner Wohnung zusammengeschlagen.
Vereine von und für Menschen, die sich vom Islam abgewandt haben, sind unlängst auch in Deutschland und Großbritannien gegründet worden. Doch erregt das Vorhaben in den Niederlanden im beginnenden Jahr Zwei nach Ayaan Hirsi Ali einiges mehr an Aufsehen. Ein gutes Jahr ist es her, dass die im ganzen Land berühmte Kämpferin gegen den traditionellen Islam und die Unterdrückung muslimischer Frauen die Niederlande verlassen hat. Die gebürtige Somalierin, die in Europa dem Islam abschwor und auch als Abgeordnete der Rechtsliberalen ihren Kampf mehr außerhalb als innerhalb des Haager Parlaments focht, verließ vorigen Sommer geradezu fluchtartig Europa.
Nicht die längst alltäglich gewordenen Morddrohungen, sondern ein Wahlkampfmanöver der Parteifreundin und damaligen Ausländerministerin Verdonk, die ihr kurzerhand die Staatsangehörigkeit aberkennen wollte, bewog sie damals zur sofortigen Ausreise. Allerdings hatte Frau Hirsi Ali ohnehin nicht mehr für das Parlament kandidieren wollen: Ihr Leben in den Niederlanden war wegen der Dauerbedrohung zur Qual geworden. Und die Debatten über Islam, Unterdrückung und gescheiterte Integration, die sie befeuert hatte und für die ihr Freund Theo van Gogh 2004 auf offener Straße ermordet worden war, drehten sich längst im Kreis.
Den Koran verbieten?
Anfangs schien es noch so, als würden diese Kreise immer kleiner, nachdem sich Frau Hirsi Ali zum Bücherschreiben in die Washingtoner Forschungseinrichtung American Enterprise Institute zurückgezogen hatte. Auch das kümmerliche Schauspiel, das die letzten Parteimitglieder der Liste Pim Fortuyn bei der Selbstzerfleischung boten, schien in diese Richtung zu deuten. Am vergangenen Wochenende, gut fünf Jahre nach der Ermordung ihres Sinn- und Namensstifters und nach ihrem zunächst triumphalen Einzug ins Parlament, beschlossen die verfeindeten Mitglieder die Auflösung der Partei. Liberalität und Rechtspopulismus, die Pim Fortuyn in seinem Programm miteinander verschmolz, vermochte die Partei nie in Einklang zu bringen.
Doch zeigte schon die vorgezogene Parlamentswahl im vorigen November, dass zwar der Name Fortuyn bei den Wählern nicht mehr viel Klang hat, Themen wie Islam und Integration aber doch noch viele Leute umtreiben. Geert Wilders, den Rechtspopulisten und Vertrauten Ayaan Hirsi Alis, schickten die Niederländer mit immerhin acht Gefolgsleuten ins Parlament. Als Wilders nun ins Sommerloch blökte, man müsse den Koran als eine Art islamisches Mein Kampf verbieten - und zwar auch seinen Gebrauch in Moscheen -, war dieser Vorstoß dem renommierten Umfrageinstitut Maurice de Hond nicht grotesk genug, um ihm nicht gleich eine repräsentative Umfrage zu widmen. Nur 19 Prozent der Niederländer, weiß man seit dieser Studie, unterstützen die Verbotsidee.
Ehsan Jami will ins Parlament
Ehsan Jami sagt, die sozialdemokratische Arbeitspartei bleibe seine politische Heimat. Aber die Anrufe von Wilders, der sich nach seinem Befinden erkundigte, habe er doch sehr zu schätzen gewusst. Viele Beobachter fühlen sich an Frau Hirsi Ali erinnert, die noch bei einer sozialdemokratischen Stiftung beschäftigt war, als ihr die Rechtsliberalen 2002 plötzlich einen sicheren Listenplatz für die Parlamentswahl anboten. Und Afshin Ellian ist längst nicht der einzige aus dem politischen Freundeskreis Ayaan Hirsi Alis, der sich nun an der Seite des jungen Kommunalpolitikers zeigt. Etliche Intellektuelle und Politiker, die in den Niederlanden bekannt sind, haben sich in einem Unterstützungskomitee zusammengefunden, das mit dem Komitee der Ex-Muslime nicht verwechselt werden möchte, aber doch mit diesem synchronisiert sei, wie ein Mitglied erklärt. Selbst der Bruder des früheren belgischen Ministerpräsidenten, Dirk Verhofstadt, zählt zu den Mitgliedern.
Ehsan Jami hat die sommerliche Aufregung über sein Komitee genutzt, um der nationalen Presse auch gleich seinen Wunsch anzuvertrauen, einmal ins niederländische Parlament zu gelangen. Die Oberen der Arbeitspartei rätseln noch, wie sie mit dem Fall Ehsan Jami umgehen sollen. Seine zunehmende Popularität ist zweischneidig für die Partei, die mit den groß gewordenen Linkspopulisten der Sozialistischen Partei und den Grünen darum konkurriert, politische Heimstatt der Einwanderer zu sein. Bei der Kommunalwahl des vorigen Jahres hatte die Arbeitspartei nicht zuletzt dadurch große Erfolge erzielt, dass sie Kandidaten ausländischer Herkunft aufstellte und auf diese Weise viele Einwanderer bewegte, erstmals an der Wahl teilzunehmen.
Ich bin nicht die neue Ayaan
Religion ist für die Arbeitspartei traditionell ein Tabuthema. Jami aber hat den Koran und den Islam in der Diktion Pim Fortuyns rückständig genannt, den Propheten Mohammed als Verbrecher beschimpft, den man, würde er heute leben, mit Usama Bin Ladin oder Saddam Hussein vergleichen könnte, und von Allah als unterdrückendem, tyrannischen Gott gesprochen. Dagegen regte sich rasch Widerstand unter den Genossen, doch Parteiführer Wouter Bos wollte sich angesichts des jugendlichen Nachwuchstalents nicht zu streng geben. Dem Wunsch der Parteiführung, ähnliche Äußerungen künftig zu unterlassen, will sich Jami erklärtermaßen nicht fügen.
Vielmehr lädt er ausgewählte Reporter zu konspirativen Treffen an geheimen Orten, wo die drei Gründungsmitglieder ihr Komitee für Ex-Muslime weiterplanen. Im September soll es offiziell begründet werden. Jami, der Verwaltungswissenschaft studiert und ein Politikstudium anschließen will, verfolgt überdies ein Filmprojekt. Auch das erinnert an Ayaan Hirsi Ali, nach deren Drehbuch Theo van Gogh den Film Submission produzierte, weshalb er grausam ermordet wurde. Ich bin nicht die neue Ayaan, ich bin ich, beteuert Jami. Aber sie unterstützt mich.
Text: F.A.Z., 21.08.2007, Nr. 193 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z./Julia Zimmermann
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