Irak-Krieg

Ein Jahr danach: Waffen ersetzen nicht das Denken

Von Horst Bacia

Amerikanische Truppen im Sandsturm Ende März 2003

Amerikanische Truppen im Sandsturm Ende März 2003

19. März 2004 Wäre die Information zutreffend gewesen, mit der Geheimdienstchef George Tenet vor einem Jahr ins Weiße Haus kam, hätte der Krieg zu Ende sein können, noch ehe er richtig begann. Bei der CIA gab es nämlich einen heißen Tip, wo Saddam Hussein angeblich ebendiese Nacht verbringe. Nach längeren Beratungen erteilte Präsident Bush seine Zustimmung für einen "Enthauptungsschlag". So begann der Krieg gegen das Regime im Irak etwas früher und etwas anders als geplant. In Washington war es spät am Abend. In Bagdad brach schon ein neuer Tag an. Es war 5.34 Uhr, der 20. März 2003.

Zwei auf Radarschirmen unsichtbare Jagdbomber laden in der Nähe des Ziels ihre mit Hilfe des Satelliten-Navigationssystems GPS ferngesteuerten Präzisionsbomben ab. Saddam Hussein ist, wie sich später herausstellt, allerdings nicht dort. Auch der zweite Versuch, ihn durch einen Luftangriff auszuschalten, scheitert wenige Tage vor dem Fall Bagdads. Erst Monate nachdem wütende Iraker das Standbild des Despoten vom Sockel gestoßen haben, kann der Chef der amerikanischen Übergangsverwaltung triumphierend verkünden: „Wir haben ihn!"

Unzuverlässige Geheimdienstinformationen

Schon die erste militärische Aktion gegen Saddam Hussein läßt klar eine neue, die gesamte Operation prägende Art amerikanischer Kriegführung erkennen. Eine zeitlich so enge Abfolge zwischen der Gewinnung aktueller Erkenntnisse über den Gegner, einer Entscheidung und deren Ausführung mit Waffen von hoher Genauigkeit erlaubt nur die konsequente militärische Anwendung der Informations- und Kommunikationstechnik. Die mißlungenen Versuche, den Krieg durch eine gezielte Tötung des Diktators früh zu beenden, zeigen aber auch, was später die ergebnislose Suche nach irakischen Massenvernichtungswaffen bestätigen sollte: Geheimdienstinformationen sind nicht immer zuverlässig.

Das Zusammenspiel verschiedenster Akteure auf dem Gefechtsfeld ist in Afghanistan beim Feldzug gegen die Taliban und Al Qaida zum ersten Mal erfolgreich erprobt worden. In einem Artikel in der Zeitschrift "Foreign Affairs" beschrieb Verteidigungsminister Rumsfeld diese Form der Kriegführung als Musterbeispiel für die "Revolution in militärischen Angelegenheiten", die er in den amerikanischen Streitkräften vorangetrieben habe. Dabei gehe es nicht nur um die Ausrüstung mit Hochtechnologie-Waffen, sondern auch um "neue Wege des Denkens und neue Wege des Kämpfens".

Die Planung des Irak-Krieges trägt bis ins Detail Rumsfelds Handschrift. Gegen die Bedenken vieler militärischer Führer, vor allem bei den Landstreitkräften, drang er darauf, die Zahl der zum Einsatz kommenden Truppen auf das absolut Notwendige zu beschränken. Unablässig verlangte er von den Generalen mehr Kreativität und größere Risikobereitschaft. Von den Präzisionswaffen einmal abgesehen, die schon 1991 begrenzt zum Einsatz kamen, wurde im zweiten Irak-Krieg fast alles anders gemacht als im ersten.

Weniger Bodentruppen - weniger Versorgungsaufwand

Damals hatte die von den Vereinigten Staaten geführte Koalition eine halbe Million Soldaten zusammengezogen, um den Rückzug der im Wüstensand Kuweits eingegrabenen irakischen Divisionen zu erzwingen. Diesmal sollte für einen Einmarsch im Irak und den Regimewechsel weniger als die Hälfte genügen. Die früher überwältigende militärische Macht, mit der amerikanische Truppenführer zu operieren gewohnt waren, argumentierten Rumsfeld und seine zivilen Mitarbeiter, werde durch die hohe Schlagkraft eng miteinander verzahnter Land-, Luft- und Seestreitkräfte, die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten und moderne Waffensysteme mehr als ausgleichen. Weniger Bodentruppen hieß eben auch: weniger Versorgungsaufwand, eine geringere Verwundbarkeit bei der nicht auszuschließenden Anwendung irakischer Massenvernichtungswaffen, mehr Flexibilität und vor allem größere Schnelligkeit.

Die Landoffensive begann einen Tag nach dem ersten Luftangriff. Auch darin unterschied sich der zweite Irak-Krieg vom ersten. Ein schneller Vorstoß über die Grenze sollte verhindern, daß die irakische Führung noch einmal die Ölfelder in Brand steckt oder andere Sabotageakte anordnet. Tatsächlich trafen die Truppen zunächst kaum auf Widerstand. Die 3. Infanteriedivision mit etwa 17 000 Mann marschierte westlich des Euphrats auf Bagdad. Die 1. Expeditionsstreitmacht der Marines, eine verstärkte Division mit eigener Luftunterstützung, drang in der gewässerreichen Ebene zwischen Euphrat und Tigris nach Norden vor. Mit dieser Zangenbewegung sollte Bagdad von Westen und von Osten her angegriffen werden. Alles zielte auf die Hauptstadt. Der britische Koalitionspartner übernahm die Sonderaufgabe, Basra zu erobern und zu stabilisieren.

Erbitterte Gegenwehr

Am dritten Tag befand sich die Speerspitze der 3. Division schon auf halbem Weg nach Bagdad. Dann kamen die Rückschläge. Die Marines wurden in Nassirija beim Überschreiten des Euphrats in schwere Kämpfe verwickelt. Unerwartet schwere Kämpfe in Nadschaf bremsten auch den Vormarsch der 3. Division. Ein drei Tage dauernder Sandsturm, bei dem man kaum einen halben Meter weit sehen kann, brachte schließlich die Offensive vollständig zum Erliegen. An der Heimatfront meldeten sich die Kritiker zu Wort.

Nach der erzwungenen Verschnaufpause ging es aber schnell weiter. Am 3. April besetzten amerikanische Truppen den Flughafen von Bagdad. Die Verteidiger, nicht ahnend, daß der Gegner so nahe war, wurden überrumpelt. Zwei Tage später unternahm Oberst David Perkins, Kommandeur einer Brigade der 3. Division, mit seinen Panzern, Schützenpanzern und etwa 800 Soldaten einen Vorstoß in einen Teil Bagdads, um die Verteidigung der Hauptstadt zu testen. Trotz zum Teil erbitterter Gegenwehr - von 1000 bis 3000 Toten auf irakischer Seite ist die Rede - war die militärische Führung danach so sehr von der eigenen Überlegenheit überzeugt, daß sie Perkins am 7. April einen zweiten Versuch gestattete. Seine Soldaten besetzten einen der pompösen Paläste Saddams und blieben im Stadtzentrum.

Brillanter militärischer Erfolg

Iraker ergeben sich einem britischen Marinesoldaten im Süden des Irak

Iraker ergeben sich einem britischen Marinesoldaten im Süden des Irak

Am 9. April, zweiundzwanzig Tage nach Beginn der Offensive, wurde eine große Statue Saddams niedergerissen. Das Regime war unerwartet schnell und ohne organisierte militärische Gegenwehr zusammengebrochen. Mossul, im Norden, fiel praktisch kampflos in die Hände kurdischer Kämpfer. Daß die 4. Division nicht, wie geplant, aus der Türkei vorrücken konnte und die nördliche Front provisorisch durch eine Luftlandebrigade gestellt werden mußte, blieb fast ohne Bedeutung. Am sechsundzwanzigsten Tag eroberten Marines auch Saddams Heimatstadt Takrit, die letzte Bastion des Widerstands. General Franks, der Befehlshaber der Operation "Iraqi Freedom", erklärte die Hauptkampfhandlungen für beendet.

Es war ein brillanter militärischer Erfolg. Und doch sehen Kritiker in Rumsfelds Konzept einer schnellen, kleinen, schlagkräftigen Interventionsstreitmacht eine der Ursachen dafür, daß im Irak auch ein Jahr nach dem Krieg keine Stabilität herrscht, von Frieden ganz zu schweigen. Das Hauptargument lautet, die amerikanischen Streitkräfte hätten beim Zusammenbruch des Regimes nicht einmal in Bagdad genügend Truppen zur Verfügung gehabt, um das plötzlich entstandene Machtvakuum auch nur halbwegs auszufüllen und sich um die Aufrechterhaltung der Ordnung kümmern zu können. Durch die Plünderungen sei bei der Bevölkerung das Vertrauen in die Besatzungsmacht untergraben worden und von der Infrastruktur im Gesundheitswesen und in der Verwaltung mehr zerstört worden als durch die bewußt auf eine Minimierung der Schäden angelegten Luftangriffe.

Gefahr, das politische Ziel zu verfehlen

Unverständlich erscheint vielen, warum das Pentagon so wenig für die Zeit nach dem Ende der Kampfhandlungen geplant habe. Schon vor dem Krieg war es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem damals längst kaltgestellten Chef der Landstreitkräfte, General Shinseki, und Rumsfelds Stellvertreter Wolfowitz gekommen. Shinseki, der Kommandeur der Sfor-Truppen in Bosnien gewesen war, hatte vor einem Senatsausschuß auf dringliche Fragen geantwortet, er halte wegen der notwendigen Kontrolle nach dem Ende der Feindseligkeiten "mehrere hunderttausend Soldaten" für erforderlich. Daraufhin wurde er von Wolfowitz mit der Bemerkung desavouiert, mit dieser Schätzung liege der General "weit daneben". Zum einen sei er, Wolfowitz, sicher, daß die amerikanischen Truppen im Irak als Befreier begrüßt würden; zum anderen könne er sich nicht vorstellen, "daß es schwerer sein wird, den Irak zu besetzen, als ihn zu erobern".

Mehr ins Grundsätzliche dreht Frederick W. Kagan, ein Historiker an der Militärakademie West Point, die Kritik. Er hält Rumsfeld und seinen Gefolgsleuten vor, eine so komplizierte Angelegenheit wie den Krieg durch den neuen Ansatz zu einer technischen und taktischen "Schießübung" degradiert zu haben, bei der es nur darauf ankomme, möglichst oft und genau zu treffen, um den Gegner zur Kapitulation zu zwingen. Mit dieser Methode könnten zwar schmissige Siege errungen werden. Doch ohne militärische Stabilisierungsmissionen und Nationenbildung bestehe die Gefahr, das politische Ziel, für das der Krieg geführt wurde, zu verfehlen.

„Eine Revolution in militärischen Angelegenheiten, bei der es um neue Wege des Denkens und neue Wege des Kämpfens geht.“ (Donald Rumsfeld)

„Ich kann mir nicht vorstellen, daß es schwerer sein wird, den Irak zu besetzen, als ihn zu erobern.“ ((Paul Wolfowitz)



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2004, Nr. 67 / Seite 6
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie suchen eine günstige Unterkunft für den nächsten Urlaub? Jetzt Ferienwohnungen und Ferienhäuser finden bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche