Weltpolitik

Der chinesische Traum

Von Petra Kolonko

Präsident Hu Jintao in Amerika

Präsident Hu Jintao in Amerika

19. April 2006 Wenn Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao in dieser Woche das erste Mal mit dem amerikanischen Präsidenten Bush im Weißen Haus zusammentrifft, wird er dem „amerikanischen Traum“ einen chinesischen gegenüberstellen. Dieser Traum verheißt, daß China sich friedlich entwickelt und dabei im Innern eine harmonische Gesellschaft und nach außen eine harmonische Weltordnung anstreben wird.

Die traumhafte Überhöhung des chinesischen Entwicklungskonzeptes ist der neueste Versuch chinesischer Vordenker, den Warnungen vor einer „chinesischen Bedrohung“ zu begegnen. Chinas Aufstieg sei friedlich, wird Hu Jintao bei seiner ersten Amerika-Reise als Staatspräsident beteuern, die chinesische Wirtschaftsmacht biete Chancen, von denen alle profitieren könnten, und China wolle bei all seinem Machtzuwachs nicht eine hegemoniale oder koloniale Macht werden, sondern ein freundlicher Nachbar und Partner.

Alles andere als harmonisch

Chinas Ölbedarf wächst - und bestimmt die Außenpolitik

Chinas Ölbedarf wächst - und bestimmt die Außenpolitik

Der Traum wird niemandem in Washington den Blick auf die Realitäten verstellen. Chinas Gesellschaft, die unter der unumstrittenen Herrschaft der Kommunistischen Partei die Transformation zur Marktwirtschaft durchläuft, ist alles andere als harmonisch. Der Aufstieg der Volksrepublik von der Wirtschaftsmacht zur Regionalmacht könnte durchaus unfriedlich verlaufen, und das chinesische Konzept einer „harmonischen Weltordnung“ könnte letztlich auf eine Herausforderung der amerikanischen Vormacht hinauslaufen - wenn nicht jetzt, dann in der Zukunft.

Für die Supermacht ist es schwieriger denn je, eine Antwort auf chinesische Herausforderungen und Träume zu finden. Noch nie waren die Vereinigten Staaten wirtschaftlich so eng mit einem Land verbunden, das sie nicht als „Freund“ betrachten. China ist der drittgrößte Handelspartner und der viertgrößte Exportmarkt für die Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten sind Chinas größter Exportmarkt. Viele amerikanische Unternehmen investieren und produzieren in der Volksrepublik.

Unerfüllte Hoffnung

Die Hoffnung, China werde sich unter der Führung von Hu Jintao bald demokratisieren, hat sich nicht erfüllt, und es besteht derzeit wenig Aussicht, daß sich die politischen Verhältnisse in der Volksrepublik schnell ändern. Die amerikanische Regierung muß ein Auskommen mit der kommunistischen Führung finden, ohne bei den wirtschaftlichen Interessen, bei Fragen der Werte oder der Einflußsphären zu viel aufzugeben.

Chinas Militärmacht wächst, und sein Ausgreifen auf die amerikanische Einflußsphäre wird stärker. Als neuer Konkurrent um knappe Ressourcen hat China sich schon bemerkbar gemacht. In Zentralasien bietet sich die Volksrepublik als alternativer Verbündeter gegen ungeliebten amerikanischen Einfluß an. Südostasien hängt zwar noch an der Pax Americana, orientiert sich aber gleichfalls mehr nach China, das mit großen wirtschaftlichen Vorteilen lockt. Zugleich rückt die Volksrepublik näher an Rußland heran und scheut nicht davor zurück, in dieser Partnerschaft antiamerikanische Töne anzuschlagen. China zieht Nordkorea auf seine Seite und wird es wirtschaftlich an sich binden. Südkorea ist schon jetzt mit der Volksrepublik wirtschaftlich eng verflochten.

Die Mongolei als Pufferstaat

Amerika reagiert auf die Ausdehnung des chinesischen Einflusses in Asien seinerseits mit der Verstärkung neuer und alter Bündnisse. Ein wichtiger Pfeiler ist dabei Indien, das als eine Macht mit gleichem Wertesystem volle Anerkennung und die Aussicht auf enge Zusammenarbeit mit Washington bekommt. Die Vereinigten Staaten haben ihren Willen zur Verteidigung Taiwans bekräftigt und eine noch engere Allianz mit Japan geschmiedet, dessen Verhältnis zu Peking derzeit gespannt ist. Australien wird aufgefordert, trotz wirtschaftlicher Verlockungen aus Peking ein verläßlicher Bündnispartner zu bleiben. Und als prowestlicher Pufferstaat wird Chinas nördlicher Nachbar, die Mongolei, gefördert.

In weiten Teilen ist China noch wenig entwickelt

In weiten Teilen ist China noch wenig entwickelt

Aus chinesischer Sicht dienen alle diese amerikanischen Bemühungen dazu, China einzudämmen und seinen Aufstieg zu bremsen. Dieses Ressentiment ist nicht nur in der politischen Elite, sondern auch in der Bevölkerung weit verbreitet. Ebenso wird amerikanische Kritik an Menschenrechtsverletzungen und die Forderung nach mehr bürgerlichen Freiheitsrechten in der Volksrepublik von den meisten chinesischen Vordenkern nur als Mittel abgetan, China unter Druck zu halten. In der chinesischen Regierung bleibt man denn auch weiterhin auf der Hut: Die Politik des „Regime Change“ könnte eines Tages auch für China gelten.

Tonart nach Bedarf

Die amerikanische Regierung, die im Umgang mit China je nach Bedarf die Tonarten wechselt, hat der chinesischen Führung aber auch ein aus chinesischer Sicht positives Angebot gemacht. Im letzten Jahr hat sie die neue Formel ausgegeben, nach der China als ein „verantwortlicher Teilhaber“ in der internationalen Politik betrachtet werden kann.

Diese Formel ist in Peking auf freundliche Aufnahme gestoßen, zeigt sie doch, daß die Supermacht den Aufstieg Chinas anerkennt, und diese Anerkennung ist für die chinesische Regierung nicht zuletzt auch zur Legitimation gegenüber der eigenen Bevölkerung von größter Wichtigkeit.

Doch auch das nach Anerkennung durch Amerika heischende China pflegt noch immer das antiamerikanische Ressentiment. Was, wenn es seiner Verantwortung als internationaler Mitspieler nicht gerecht wird? Ein Nationalismus mit antiamerikanischen Zügen kann schnell an Schärfe gewinnen, sollte der chinesische Traum zerplatzen. Darin wird sich dann der große Unterschied zum „amerikanischen Traum“ zeigen: den träumen Individuen; der chinesische ist der Traum einer Regierung.

Text: F.A.Z., 19.04.2006, Nr. 91 / Seite 1
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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