01. September 2003 Chader Dschaabari gräbt wie ein Archäologe den Fußboden aus dem Schutt heraus. Es ist roter Marmor mit eingelegten Blumenmustern. "Dies war unser Wohnzimmer", sagt stolz der 27 Jahre alte Vater dreier kleiner Kinder. Am 18. August wurde Dschaabaris Haus im nördlichen Ostjerusalemer Stadtteil Beit Hanina von einem Bulldozer zerstört.
Die Großfamilie - der Bruder und die geschiedene Schwester mit vier Kindern sowie die zuckerkranke Großmutter - schläft nun meist in einem Zelt des Roten Kreuzes. Nachbarn helfen aus. Chader hat auf dem alten Fundament schon wieder ein paar Mauern hochgezogen. Fenster aus dem alten Haus liegen bereit. "Natürlich werden wir hier bleiben. Die Juden wollen unser Land ohne Menschen. Viele Häuser in Jerusalem sind illegal. Warum zerstören sie gerade meins? Weil ich Araber bin."
Immer weniger legales Bauland
Nach der Eroberung im Juni 1967 stellte Israel gut 70 Quadratkilometer des damaligen Ostjerusalem unter israelisches Recht. Seither wurden mehr als 35 Prozent dieses Landes (24,8 Quadratkilometer) von - in der Regel privaten - Eigentümern enteignet, um Häuser für Israelis zu bauen. Für 62 Prozent des verbliebenen, nicht enteigneten Geländes - etwa 45,7 Quadratkilometer - gibt es keine gültigen Bebauungspläne. Nur 5,2 Quadratkilometer sind für den Wohnungsbau ausgewiesen. Nach den statistischen Angaben von 1991 sollten der arabischen Bevölkerung höchstens 12.000 Baugenehmigungen erteilt werden. Mit jedem Jahr gibt es weniger legales Bauland; aber der Bedarf wächst.
Im Gefolge von Terror und Gegengewalt werden wieder mehr arabische Häuser im Osten Jerusalems zerstört als in den vergangenen Monaten. Von einem "halben Dutzend" ist die Rede. Es sind illegal gebaute Häuser von meist armen Leuten, die sich mit dem Rechtsweg kaum auskennen, die Meßingenieure und Planer genausowenig bezahlen können wie die vielleicht rettende Bestechung und "im Dschungel des Bösen untergehen", wie Viktoria Buch sagt, eine israelische Chemikerin, die die betroffenen Familien besucht.
Dschaabaris Ruine in Beit Hanina liegt an einem offenen Abflußkanal, der stinkt und Krankheiten verbreitet. Ein israelischer Plan weist das Areal dennoch als Bauland aus. Aber Dschaabari und fast alle Nachbarn an der Kloake konnten bisher keine Baugenehmigung für ihr Grundstück erhalten. "Das ist politisch bedingt", sagt Rechtsanwalt Daniel Seideman. "Die jüdische Mehrheit will die arabische Minderheit nicht über 26 Prozent der Bevölkerung in der Stadt wachsen lassen." Er spricht von derzeit nur noch etwa 3.000 Bauplätzen, für die nach den jetzigen Bestimmungen in Ostjerusalem eine Genehmigung zu erhalten ist.
Mangel an Wohnraum
Nach dem Statistischen Jahrbuch von 1996 konnte das arabische Ostjerusalem zwischen 1967 und 1996 zu den schon bestehenden 12.600 Wohneinheiten knapp 10.500 hinzugewinnen. Im jüdischen Westen der Stadt nahm dagegen der Bestand von 57.500 auf knapp 70.700 zu. Derweilen wuchs die Bevölkerung im Osten von knapp 70.000 auf 171.000 und im Westen von knapp 200.000 auf 409.000. So wurde etwa für je drei Israelis eine Baugenehmigung erteilt, im arabischen Sektor aber nur für je neun Bürger. Der Mangel an Wohnraum könnte durch die Zulassung von Mehrfamilienhäusern und Mietwohnungen verbessert werden. Doch davon gibt es nur wenige.
Gleichwohl gelingt es Israel nicht, seinen demographischen Plan für Jerusalem einzuhalten. Weit mehr als 30 Prozent der Jerusalemer Bürger sind mittlerweile Araber. Die arabische Bevölkerung wächst schneller als die israelische. Viele Israelis ziehen wegen der hohen Bau- und Immobilienpreise ab. Araber drängen hingegen in die Stadt, um die Vorteile der freien Bewegung, besserer Arbeitsbedingungen und der Sozialversicherung zu erhalten. Israel bemüht sich aber auch nur noch halbherzig um die Demographie. Jedes Jahr annektiert Israel weiter Land. In der Regel werden damit auch wieder mehr Palästinenser zu Jerusalem und Israel geschlagen. Israel gefährdet mithin selbst seine israelische Mehrheit.
Provisorische Häuser
Die Araber können freilich aus der Annexion keinen Nutzen mehr ziehen. In den Bergen südwestlich von Jerusalem liegt Waladscha. Seine Olivenhaine erstreckten sich einst bis zum heutigen - nach 1967 annektierten - Jerusalemer Viertel Gilo. Die alte Siedlung Waladscha lag vor dem Unabhängigkeitskrieg 1948 auf einem Hügel westlich einer Straße und der Jerusalem-Jaffa-Bahn. Im Oktober 1948 eroberte die Etzioni-Brigade das reiche Dorf des Darwisch-Clans, mußte aber wieder abziehen. 1949 wurde der Ortskern bei Verhandlungen Israel übergeben; das Land im Süden und Osten blieb "jordanisch".
Reich an Wasser und Quellen, zogen die Bewohner auf die "jordanische" Seite des Tals und bauten sich zunächst provisorische Häuser in den Olivenhainen. Man wollte ja zurück. Später wurde ein Teil der neuen Häuser ausgebaut und vom jordanischen Gouverneur Bethlehems genehmigt. 1967 eroberte Israel auch das neue Waladscha. Aber es akzeptierte nur einen Bruchteil der wachsenden und verstreuten Siedlung als rechtmäßig bebaubares Land. Auch Häuser, die der jordanische Gouverneur einst genehmigte, sind heute im israelisch besetzten Westjordanland nicht vor dem Abriß sicher. Neue Baugenehmigungen gibt es nicht.
Das Heim der Familie von Mohammed Abu Zbeid wurde kürzlich zum Teil zerstört. Es gehört zu dem einseitig zu Jerusalem geschlagenen Teil von Waladscha. "Wir bezahlen Grundsteuer an die Stadt, aber erhalten weder die Müllabfuhr noch Strom und Wasser aus Jerusalem. Wir haben auch keine Jerusalem-Papiere, mit denen wir uns frei bewegen könnten. Wir sind Bürger einer Stadt, in die wir nur mit Sondergenehmigung hinein dürfen", stellt Adnan aus dem Gemeinderat von Waladscha fest, dessen Haus 1987 als erstes zerstört wurde. Er führt die Besucher zum Haus seines Neffen Mohammed Abu Zbeid: "Der einzige Dienst der Stadt sind ihre Bulldozer." Seit 1998 kämpfte Mohammed Abu Zbeid gegen den Abriß eines Anbaus und eines damals fertiggestellten zweiten Stockwerkes.
Neues Verfahren
Mohammeds Resthaus steht in einem großen Garten mit Oliven- und Apfelbäumen. "Natürlich bauen wir neu", sagt Mohammed, und Familienmitglieder wie Adnan aus dem Ortsrat helfen dabei. Er erzählt seine Geschichte: Zwei Jahre nach dem ersten Abrißbescheid 1998 kam Mohammeds Fall im Jahr 2000 vor Gericht. Er erhielt einen Zerstörungsbefehl und wurde zur Zahlung von 49.000 Schekel verurteilt.
Seither zahlt der Arbeiter jeden Monat 700 Schekel ab. Der Zerstörungsbefehl wurde aber nicht vollzogen. Mohammed bewahrt Urteil und Schriftwechsel in einer blauen Plastiktüte auf. Anfang 2003 begann ein neues Verfahren. Bauinspektoren kamen zum Haus, erzählen der Onkel und sein Neffe Mohammed weiter. Sie schossen neue Fotos von dem weiterwachsenden Gebäude, in dem mittlerweile 18 Menschen wohnten. Sie drohten ihm, er dürfe nicht mehr im Haus leben.
Gemeinhin strengt entweder Stadt oder Innenministerium die Abrisse an, erklärt Anwalt Seidemann. Es gebe den reinen Verwaltungsweg, mit etwas Glück aber auch den Gerichtsweg. "Doch die Richter leben in der Regel nur in ihren Vorschriften und Gesetzen und haben kein Bild von der Wirklichkeit. Diese Gesetze aber dienen nicht der Gerechtigkeit; denn sie wurden für eine demographische Forderung entworfen", sagt der Anwalt.
Abrißbefehle gegen Araber
Nach Angaben aus der Stadtverwaltung gibt es im jüdischen Westen der Stadt einen viel härteren Rechtsbruch. Zwischen 1992 und 1996 fanden nur 12 Prozent der insgesamt damals 2.600 illegalen Baumaßnahmen im Osten statt. Stadt oder Innenministerium gingen aber im Westen nur gegen die Hälfte der illegalen Bauten vor, während sie im Osten gegen 86 Prozent aktiv wurden. Nur 30 Prozent der Abrißbefehle ergingen an jüdische Bauherren. Die Mehrheit wurde gegen arabische Bürger ausgestellt.
Am 13. August fuhren um 7 Uhr die Bulldozer in Dschabara ein. Das Militär verhängte eine Ausgangssperre. Mohammed war außer Haus bei der Arbeit. Dann rückten die Polizeieinheiten auf Mohammeds Haus vor. Die Familie wurde in einem Raum zusammengepfercht. Sie alarmierte den Anwalt. Der versuchte in Jerusalem vor Gericht eine einstweilige Anordnung gegen die Zerstörung zu erwirken und hatte Erfolg. Doch das Fax mit diesem Bescheid kam bei Onkel Adnan in einem anderen Teil des Ortes an. Adnan lief trotz Ausgangssperre bis zu einem Polizei-Ring um Mohammeds Haus. Ein Offizier der Grenzpolizei hielt ihn auf. Der Bulldozer näherte sich dem Haus. Adnan sah, wie ein Kühlschrank aus dem Fenster geworfen wurde.
Der Grenzoffizier studierte das Fax und meinte: "Vielleicht ist es ein Betrug?" Der Mann hielt Adnan etwa 15 Minuten hin. Die einstweilige Anordnung hätte eine Frist bis zum 18. August erwirken können. Doch die Zerstörung begann. Ein Bulldozer reichte, um den Anbau zum Einsturz zu bringen. Mohammed kam nach der Arbeit an einen Ort der Zerstörung zurück. Er zahlt weiter seine Strafe ab. 30 000 Schekel erhielt der israelische Staat schon. Der Ort Waladscha hat kein Geld, um einen eigenen Bebauungsplan für den gesamten Ort zu erstellen. Er würde auch nicht genehmigt werden. Israel will eine neue Sicherheitsstraße durch den Ort ziehen.
Isawijah ist ein Ort in den Grenzen Großjerusalems. Die Straße zur Siedlung Maale Adumim und Jericho begrenzt im Norden und Osten den Ausbau des Vorstädtchens. Sie verlangt eine "Sicherheitszone" bis zu den ersten Häusern, 150 Meter bis zur Fahrbahnmitte. Nach den Bebauungsplänen soll Isawijah nicht mehr als 1.400 Wohneinheiten ausweisen. Die Ränder der Stadt sind als Grünland von jeder Bebauung ausgeschlossen. Längst ist die Planzahl überschritten. Die Stadt ist voller illegaler Häuser.
Komitee gegen Hauszerstörungen
Chader Machmoud hatte auf dem kostenlosen Land seiner Eltern am Rande des Ortes zwischen Ölbäumen in unerschlossener Lage ein einstöckiges Haus gebaut, um mit seiner Frau und drei Kindern ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben. Kurz nach der Fertigstellung rückten die Bulldozer an. Sofort danach baute er neben dem Schutthaufen ein zweites Mal: zwei Räume, Küche, Bad. 18 Monate konnte er die zweite Zerstörung aufhalten. Dann kam die Aufforderung, innerhalb der nächsten 30 Tage das Haus zu räumen. Am 17. Tag kam der Bulldozer, berichtet der knapp dreißig Jahre alte Chader. Rumänische Gastarbeiter trugen die Möbel aus dem Haus.
Chader Dschaabaris Haus in Beit Hanina ist Bauland. Aber eine Baugenehmigung gab es bisher trotzdem nicht. "Sieben Jahre habe ich an dem Haus gebaut; in wenigen Minuten war alles zerstört." Die Fotos von den Momenten, in denen israelische Menschenrechtler vom "Komitee gegen Hauszerstörungen" gemeinsam versuchten, die Polizei und die Bulldozer zu stoppen, gehen von Hand zu Hand: wie Chader auf dem Dach steht und bei jedem Meter, den der Bulldozer näher kommt, sich mit einem Messer neue lange Fleischwunden an den Oberarmen zufügt: "Wer mein Haus zerstört, der zerstört mich." Ein anderes Foto zeigt, wie ein Rabbi verhaftet und weggetragen wird. Der Richter wird zitiert, der den Abriß bestätigte: "Es ist dem Recht nicht zuzumuten, so lange mit der Zerstörung zu warten, bis es vielleicht doch eine Genehmigung gibt."
Chader erinnert sich an die Polizisten, die sich zuraunten, dieser Abriß besudele ihren Beruf: "Es gibt ganze illegale Siedlungen der Israelis da draußen und illegale Häuser der Israelis in der Stadt. Wann geschieht denen dasselbe?" Im Jahr 1990 hatte der frühere Bürgermeister Teddy Kollek geäußert: "Wir haben wieder und wieder gesagt, wir würden den Arabern dieselben Rechte geben wie den Juden in der Stadt. Das war ein leeres Versprechen."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2003, Nr. 203 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb