Von Michael Borgstede, Tel Aviv
08. Mai 2008 Großvater, Tochter und Enkeltochter sitzen zusammen - drei Generationen einer israelischen Familie, ein Volk in der Nussschale. Drei Menschen, die viel verbindet und einiges trennt. Wir sind alle drei in Israel geboren, sogar ich, beginnt der Älteste. Das ist in meiner Generation keine Selbstverständlichkeit. Mosche Scheinfeld hat sein neunzigstes Jahr schon überschritten, mehr will er zu dem Thema nicht sagen.
In meinem Alter kommt es auf ein Jahr mehr oder weniger nicht mehr an, scherzt er. Ich fühle mich sowieso wie achtzig! Ach Papa, seufzt Gila, seine ebenfalls schon halb ergraute Tochter, als müsse sie täglich unter der Alterseitelkeit ihres Vaters leiden. Das hätte sie nicht sagen sollen. Ruhe, bittet sich der Patriarch aus und sein Ton ist hart. Wir haben dieses Land aufgebaut, ohne uns und unsere Eltern würde es dieses Israel doch gar nicht geben. Dann tritt ihm der Schmerz in die Augen: Und die junge Generation glaubt, dies Land, das wir mit unserer Hände Arbeit geschaffen haben, einfach so ruinieren zu können.
Opa, das ist doch Quatsch
Nicht die verschüchtert dasitzende Tochter, die diesem Anflug von Bitterkeit widerspricht. Meiraw, die 28 Jahre alte Enkeltochter, wirft sich das dunkle Haar in den Nacken und fällt ihrem Großvater geradezu ins Wort: Opa, das ist doch Quatsch. Niemand ruiniert hier dein Land. Israel ist in einem hervorragenden Zustand, die Armee ist so stark wie noch nie, die Sperranlage verhindert Terroranschläge, wir sind führend im High-Tech-Bereich. Ich verstehe gar nicht was du immer willst.
Meiraw weiß, dass sie sich als Enkelin solch harte Worte erlauben kann. Liebevoll mustert der Alte die junge Frau und in seinem Blick scheint auch so etwas wie Zufriedenheit zu liegen. Es ist schön, dass du unseren Staat ausgerechnet gegen meinen Pessimismus verteidigst, sagt er. Aber der Traum seiner Generation habe anders ausgesehen. Wir wollten eine gerechte Gesellschaft, ein Volk, das den Frieden mit seinen Nachbarn sucht und findet. Und heute? Selbst in den Kibbuzim wird heute jeder Quadratmeter an Immobilienhaie verscherbelt. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.
Wir hatten doch nur diesen Traum: einen Judenstaat in Palästina
Dann sagt Mosche Scheinfeld einen Satz, der die Prioritäten seiner Generation in aller Deutlichkeit offen legt: Wir hatten doch nur diesen Traum: einen Judenstaat in Palästina. Und als wir ihn dann bekommen hatten, unseren Staat, da war er uns wie ein kleines Kind. Wir nährten und pflegten ihn und passten auf ihn auf, dass ihm auch ja nichts zustieße. Er schweigt. In seinen Worten schwingt neben der Trauer immer auch eine gehörige Portion Stolz mit. Und weil ihr so beschäftigt wart mit eurem Lieblingskind, dem Staat, darum habt ihr eure leiblichen Kinder auch mal einfach so vergessen!
Man hätte der schüchternen Gila einen solchen Ausbruch gar nicht zugetraut. Zum Zeitpunkt der Staatsgründung im Mai vor sechzig Jahren war sie zwei Jahre alt. Ob sie sich an die Ereignisse selbst oder nur an die Erzählungen darüber erinnert, weiß sie nicht. Sie erinnert sich aber ganz genau, dass ihr Vater zu dieser Zeit kaum zu Hause war. Zunächst habe er in der Hagana gekämpft. Später sei er dann als Architekt mit dem Bau von Speisesälen und Sporthallen in allerlei Kibbuzim beschäftigt gewesen. Nur ich und meine Brüder, wir waren nie so wichtig wie die Speisesäle. Gegen euren Staat konnten wir nicht konkurrieren!
Pathologische Identifikation mit dem Staat
Sie sieht ihrem Vater nicht in die Augen, während sie spricht, auch er schaut zur Seite; die Zeit hat die Wunde nicht geheilt. Dafür hat der Gang der Geschichte der jungen Meiraw die draufgängerische Unbekümmertheit jener jungen Generation Israelis verschafft, die mit der Selbstverständlichkeit des Geburtsrechtes ein normales Leben in einem normalen Staat führen wollen. Also Mama, selbst wenn Opa den Staat als Kind adoptiert hat, dafür dass du diesen Bruder eigentlich nie wolltest, hat deine Identifikation mit dem Staat schon etwas Pathologisches. Erklärend fügt die aufbrausende junge Frau hinzu: Sie müssen nämlich wissen, dass meine Mutter täglich gleich mehrere Nachrichtensendungen im Fernsehen schaut. Die ist da wie besessen. In diesem Land klettert jedenfalls keine Katze auf den Baum, ohne das meine Mutter nicht schon davon gehört hätte.
Gila widerspricht nicht: Ja ja, das ist schon irgendwie richtig. Vielleicht weil wir mit dem Staat groß geworden sind, ist unsere Anteilnahme auch besonders groß. Sie habe viele Freunde im gleichen Alter, die sich ebenfalls von ihren Eltern vernachlässigt fühlten. Sie hätten aber oft auch Schuldgefühle. Die Generationen vor uns hatten dieses Land geschaffen, sie waren Helden. Wie sollten wir da jemals mithalten können? Die historische Großtat war getan, wir standen im übergroßen Schatten der Gründergeneration. Trotzdem, hakt Meiraw nach. Findest du es nicht seltsam, wie ihr immer in der ersten Person Plural von eurem Staat sprecht? ,Wir haben wieder zwei Terroristen getötet', ,Wir stehen mit 20 Panzern gegen die halbe syrische Armee auf dem Golan', ,Wir haben ihnen in Camp David ja alles angeboten' - als ob du mit Opa persönlich in Camp David dabei gewesen wärst und die Raketen selbst abfeuerst.
Heute aber bestehe Israel nur noch aus Einzelkämpfern
Kind, das ist doch wunderbar, wirft der alte Mosche ein. Wenn es nur noch mehr dieser Solidarität gäbe, wären wir das wunderbarste Volk der Welt. Doch Meiraw kann das nicht verstehen. Das sei doch die Ideologie von vorgestern, klagt sie. Es sei doch albern, wenn ihr Großvater jedes Mal den Fernseher anbrülle, nur weil ein Politiker etwas sage, was ihm nicht passt. Die Zeiten, als du Ben Gurion bei seinem Morgenspaziergang am Strand treffen konntest und der nett grüßte sind vorbei, Opa. Das interessiert heute keinen Menschen mehr, was du denkst.
Und genau das ist mein größtes Problem mit diesem Land, antwortet der Alte. Die Intimität sei dahin, das gegenseitige Vertrauen sei verschwunden. Früher konnten wir noch daran glauben, dass alle am selben Strang zogen. Heute aber bestehe Israel nur noch aus Einzelkämpfern. Damals, da gab es unter uns keinen, der daran zweifelte, dass es gut sei, für dieses Land sein Leben zu riskieren. Und heute? Meiraw schüttelt vehement den Kopf. Das willst du mir doch nicht ernsthaft als Ideal verkaufen. Meine Generation kann endlich ein wenig normal sein. Mama sagt immer, wir in Tel Aviv lebten doch in einer Blase und hätten vom wahren Israel keine Ahnung. Ich sage, es ist genau umgekehrt: Wir leben Normalität. Aber ihr, ihr lebt noch immer im Ausnahmezustand und seid auch noch stolz darauf.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP
Glos erschüttert finanzpolitische Glaubwürdigkeit der ![]()
Contergan: Nur eine einzige Tablette im Bus
Labour-Krise: Memoiren gegen Brown
Ist ein Boykott der Olympischen Spiele richtig?
