25. Mai 2006 Der Gründer der berüchtigten Siedlung Colonia Dignidad, Paul Schäfer, ist in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Der gebürtige Deutsche sei des Mißbrauchs von 25 Kindern schuldig, begründete das zuständige chilenische Gericht das Strafmaß. Außerdem muß der frühere Jugendpfleger den Opfern Schadensersatz in Höhe von insgesamt 1,25 Millionen Euro zahlen, berichteten chilenische Medien am Mittwoch unter Berufung auf den Richter Hernán González.
Der aus Deutschland geflohene frühere Wehrmachtsgefreite hatte Anfang der 60er Jahre die sektenartig organisierte Colonia Dignidad mit rund 300 deutschen Auswanderern gegründet. Während er den Siedlern eine rigide Moral predigte, verging er sich in einem eigens gebauten Baderaum an Kindern und Jugendlichen.
Systematischer Mißbrauch in der Kolonie
Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Schäfer war im März 2005 nach achtjähriger Flucht in Argentinien festgenommen und nach Chile ausgeliefert worden. Er war im Jahr 1996 untergetaucht, nachdem die Eltern der mißbrauchten Kinder, fast alle Bauern aus der Umgebung der Deutschen-Kolonie ihn angezeigt hatten. Der 84jährige Schäfer ist in Santiago de Chile inhaftiert.
Schäfer wurde von einem Gericht im Bezirk Letras de Parral verurteilt, der in der Bergregion rund 350 Kilometer südlich von Santiago de Chila liegt, wo sich auch die Deutschen-Siedlung befindet. Schon im November 2004 war Schäfer gemeinsam mit 22 Bewohnern der Colonia Dignidad in Abwesenheit wegen Kindesmißbrauchs schuldig gesprochen worden. Ehemalige Bewohner hatten von systematischem Kindesmißbrauch in der völlig von der Außenwelt abgeschotteten und mit Stacheldraht umzäunten Kolonie berichtet. Kinder sollen ihren Eltern teils bereits direkt nach der Geburt weggenommen worden sein. In der Siedlung, die sich mittlerweile Villa Baviera nennt, leben noch etwa 300 Menschen.
Rolle Pinochets muß noch geklärt werden
Nach Aussagen von Zeugen wurden während der Militärdiktatur Augusto Pinochets (1973-1990) auch politische Gefangene auf das weiträumige Gelände der Deutschen-Kolonie verschleppt und dort zu Tode gefoltert. Deshalb droht dem 84jährigen derzeit außerdem mindestens ein Prozeß wegen Verstoß gegen die Menschenrechte. Schäfer bestreitet die Vorwürfe der Folterungen und Tötungen während der Pinochet-Zeit. Seine ehemaligen Komplizen aus der Deutschen-Kolonie haben sich aber bereits zur Zusammenarbeit mit der Justiz bereit erklärt.
Die Siedlung hatte kurz nach dem Ende der Pinochet-Diktatur ihren juristischen Status und damit Steuerprivilegien verloren und nannte sich in Villa Baviera um. Die heutigen Bewohner haben sich von Schäfer losgesagt und die Opfer in einem offenen Brief vom vergangenen März um Vergebung gebeten.
Die heutigen Verantwortlichen der Colonia Dignidad sagten zudem aus, Pinochet selbst habe die Kolonie einst zusammen mit seinem Geheimpolizei-Chef Manuel Contreras besucht. Der 90jährige Pinochet muß sich seinerseits in zwei Prozessen wegen des Verschwindens von Oppositionellen und wegen geheimer Konten in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern vor Gericht verantworten.
Text: FAZ.NET mit Material von AFP
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