Sieben Tage in Lateinamerika. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich aufgemacht zu einer ungewöhnlich langen Reise, die sie von Brasilien über Peru nach Kolumbien und schließlich nach Mexiko führt. In der peruanischen Hauptstadt Lima wird die deutsche Regierungschefin am Gipfeltreffen der EU und der Staaten Lateinamerikas teilnehmen. Wer eine Reise nach Lateinamerika plane, treffe allein wegen der Entfernungen auf einen herausfordernden Kontinent hatte die Kanzlerin vor Ihrer Abreise gesagt. F.A.S.-Redakteur Eckart Lohse begleitet sie und schildert in einem Tagebuch seine Eindrücke.
Tagebuch - Teil 3: Sao Paulo
Hört das denn nie auf? Der Bus springt mehr über die von Schlaglöchern übersäten Straßen Sao Paulos, als dass er fährt. Das will der durchtrainierteste Rücken nicht aushalten. Vielleicht ist es gut, dass man die nächste Bodenwelle nicht im voraus sieht, weil die Straßenbeleuchtung fast vollständig fehlt. Die Journalisten fahren am Ende der Kolonne, an deren Beginn die Limousine der Kanzlerin vom Flughafen zum Gouverneurspalast mehr hoppelt als rollt. Sehr amüsant findet auch Angela Merkel diesen eineinhalb Stunden dauernden Teil ihrer Lateinamerikareise nicht. Es ist Donnerstag, früher Abend, und die Bundeskanzlerin fährt vom Flughafen in Sao Paulo, der zweiten Station ihrer Reise, in die Stadt.
Autos, Autos, Autos
Neben dem Flugzeug, das sie von Land zu Land bringt, steht das Auto im Mittelpunkt der Sieben-Tage-Reise. Und das nicht nur als Transportmittel, sondern auch als Gegenstand der politischen Gespräche. Meinungsverschiedenheiten mit den Brasilianern entzünden sich an der Herstellung von Biokraftstoffen, mit denen schon so viele Autos in Brasilien herumfahren. Außerdem kann Angela Merkel die konkretesten Erfolge in Brasilien bei deutschen Unternehmen beobachten, die sich in dem südamerikanischen Land engagieren - vor allem große Autohersteller. Das Auto als Symbol des Wohlstands, der Wirtschaftskraft, der funktionierenden bilateralen Zusammenarbeit.
Bevor die Kanzlerin am Donnerstag früh die Produktionsstätten von Volkswagen in Sao Paulo besichtigt, kommen allerdings die Motorräder auf den Plan. Dass die Fahrzeugkolonne diesmal mit einigermaßen erträglichem Tempo durch die Mega-Stadt kommt, liegt an den Polizisten auf ihren rot lackierten Harley-Davidson-Motorrädern, die immer wieder an Limousinen und Bussen vorbeirauschen und die Seitenstraßen absperren - mit erkennbarer Freude und hoher Risikobereitschaft. Als ein Kleinlaster mit Schwung von rechts kommt, tritt der Fahrer des Polizeimotorrades so heftig auf die Bremse, dass das Hinterrad ausbricht. Doch noch bevor die Harley zum Stehen kommt, nimmt der Fahrer die rechte Hand vom Lenker und bedeutet dem Lasterfahrer, er möge stehen bleiben.
Auf ihrem Weg zu VW kann die Bundeskanzlerin in den Straßen des erwachenden Sao Paulo immer wieder Fahrzeuge sehen, die in Deutschland schon als Oldtimer herumfahren: Käfer und ältere VW-Busse in großer Zahl. Volkswagen hat am 23. März 1953 mit zwölf Mitarbeitern angefangen, in Brasilien Autos zu bauen, zunächst den Käfer. Heute gibt es fünf Werke und 21.000 Mitarbeiter. VW ist damit eines der größten privatwirtschaftlichen Unternehmen in Brasilien.
Eine vage Ankündigung von Steuersenkungen
So inspiriert ist die Kanzlerin in der Werkshalle in Sao Paulo von der Wirtschaftskraft des Automobilbaus, dass sie sich auch noch zu einer Aussage zur Situation daheim hinreißen lässt, von wo auch erfreuliches Wachstum gemeldet wird. Das bedeute mehr Steuereinnahmen, sagt Angela Merkel, und weiter: Wir werden alles, was wir den Menschen zurückgeben können, natürlich auch zurückgeben - so schnell das möglich ist. Das wird unter uns Journalisten als eine, wenn auch noch etwas vage, Ankündigung von Steuersenkungen verstanden.
Doch alles kann das Auto eben nicht. Von Sao Paulo in die peruanische Hauptstadt Lima geht es am Donnerstag mit dem Flugzeug weiter. Über den Anden, da wo einst Angela Merkels spätere Widersacher in der CDU den Anden-Pakt schlossen und einander Unterstützung schworen, wird der Flug so holprig, dass man an die Fahrt durch Sao Paulo denken muss. Eben lassen wir Journalisten uns im fliegenden Besprechungszimmer erklären, was am nächsten Tag in Lima auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel passieren wird, als die Tür aufgeht und die Kanzlerin erscheint. Sie will nur darauf hinweisen, dass wir gerade über den Titicaca-See fliegen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, ddp, F.A.Z., Michael Kappeler/ddp
