Von Thomas Scheen
18. Juli 2008 Er war nur fünf Jahre Präsident des Landes, aber in den Herzen vieler Südafrikaner ist er nach wie vor der erste Mann im Staat. Und immer wenn es kritisch wird am Kap, ruft die Nation nach Madiba, wie Nelson Mandela bei seinem Clannamen gerufen wird. Das war so, als sich seine Partei African National Congress (ANC) bei der Wahl eines neuen Vorsitzenden im vergangenen Jahr beinahe zerfleischte, und das war wieder so, als ein blutrünstiger Mob vor zwei Monaten überall im Land Jagd auf Ausländer machte. Dass Mandela sich in beiden Fällen nur per Videoaufzeichnung an die Nation wandte, weil er kaum noch gehen kann und das Reisen meidet, änderte nichts an der Wucht seiner Botschaften. Wenn Madiba spricht, wird es mucksmäuschenstill in Südafrika. Er ist nach wie vor die höchste Autorität und gleichzeitig der moralische Kompass einer ansonsten tief gespaltenen Nation.
Als Häftling 466/64 war Mandela 27 Jahre lang eingekerkert, doch bei seiner Freilassung 1990 wollte er von dem sehr menschlichen Bedürfnis nach Rache nichts wissen. Das macht ihn beinahe übermenschlich. Der spätere Friedensnobelpreisträger ging auf seine ehemaligen Peiniger zu; er trank Tee mit der Witwe des Erfinders der Apartheid und ehemaligen Ministerpräsidenten, Hendrik Verwoerd; und er scherzte mit dem ehemaligen Staatsanwalt Percy Yutar, dessen Plädoyer ihm einst eine lebenslange Haftstrafe eingebracht hatte.
Wenig Glück im Privatleben
Endgültig überzeugen konnte Mandela die von den neuen schwarzen Machthabern zutiefst verunsicherten weißen Südafrikaner aber erst 1995, ein Jahr nach seiner Wahl zum Präsidenten. Damals gewann die ausschließlich weiße südafrikanische Rugbymannschaft Springboks das Weltmeisterschaftsfinale gegen Neuseeland. Das weiße Südafrika stand kopf. Da kam Mandela in einem Springbok-Hemd zur Siegerehrung und zeigte den Weißen so, dass das neue Südafrika auch ihre Heimat ist. Ohne ihn und sein notfalls autoritär vorgetragenes Bekenntnis zur Versöhnung wäre das Land im Bürgerkrieg versunken.
So geschickt Mandela auf der politischen Bühne agierte, so wenig Glück hatte er in seinem Privatleben. Die erste Ehe wurde früh geschieden, die zweite, mit der 16 Jahre jüngeren Winnie, scheiterte fast zwangsläufig an seiner Kerkerhaft. Die alleinerziehende und jahrelang von den Apartheid-Agenten schikanierte Winnie entwickelte in diesen schlimmen Jahren eine beträchtliche kriminelle Energie. Als sie 1991 wegen Mitwisserschaft an einem Mord, den ihre Leibwächter begangen hatten, verurteilt wurde, bezeichnete Mandela den Prozess als politisch motiviert. Dennoch beugte sich der kommende Präsident des Landes der Parteiräson und reichte die Scheidung ein. Ruhe in sein Privatleben kehrte erst an seinem 80. Geburtstag ein, als er Graca Machel, die Witwe des früheren Präsidenten von Moçambique, Samora Machel, heiratete. Das Paar lebt seither so zurückgezogen, wie die historische Rolle Madibas es erlaubt, in seiner Heimatregion, der Transkei. An diesem Freitag wird Nelson Mandela 90 Jahre alt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
