Spanien

Staatsakt für die Opfer von Madrid

23. März 2004 Zu einem Staatsakt für die Opfer der Terroranschläge vom 11. März werden an diesem Mittwoch in der spanischen Hauptstadt Madrid Politiker und andere Staatsgäste aus aller Welt erwartet. Zu ihnen zählen Bundeskanzler Schröder, der amerikanische Außenminister Powell, der gegenwärtige Präsident des EU-Ministerrats, der irische Ministerpräsident Ahern, Kommissionspräsident Prodi sowie die Staats- und Regierungschefs zahlreicher Mitgliedsländer der Europäischen Union.

König Juan Carlos I., der die Trauerfeier in der Almudena-Kathedrale leiten wird, erwartet ferner den Bruder des marokkanischen Königs Mohamed VI., Mulay, und den Sohn von Königin Elisabeth II., Prinz Charles.

Kontaktaufnahme mit Zapatero

Für die europäischen Besucher ist dies am Vortag des Brüsseler "Gipfels", auf dem die gemeinsame Terrorismusbekämpfung im Vordergrund stehen soll, auch eine erste Gelegenheit zu direkter Kontaktaufnahme mit dem gewählten nächsten spanischen Ministerpräsidenten Zapatero. Dieser hat schon signalisiert, daß er die geplante europäische Verfassung nicht länger blockieren wolle und einen Kompromiß über die strittige Frage der Stimmengewichtung im Ministerrat anstrebe. Der polnische Ministerpräsident Miller, der ebenfalls nach Madrid kommen will, wird dort auch Gelegenheit zu abstimmenden Sondierungen haben.

Zapatero, der fest entschlossen wirkt, die rund 1300 spanischen Soldaten bis Ende Juni aus dem Irak abzuziehen - es sei denn, es gäbe bis dahin ein Mandat der Vereinten Nationen für ihren Einsatz -, scheint zum Ausgleich zu erwägen, die spanische Präsenz in Afghanistan zu verstärken. Eine solche Geste nach deutschem Vorbild wäre aus der Sicht der Sozialistischen Partei (PSOE) eventuell geeignet, den solidarischen Kampf gegen den internationalen Terrorismus bei einem Einsatz unter der Ägide der Vereinten Nationen zu demonstrieren. Spanische Friedenstruppen sind gegenwärtig im Irak, in Bosnien-Hercegovina (900 Mann), im Kosovo (900), als Teil der Operation "Enduring Freedom" im Indischen Ozean (250) sowie in Afghanistan (125) stationiert.

Aznar: „Ehrlich und aufrichtig“

Der scheidende Ministerpräsident Aznar hat unterdessen in seinem ersten Interview seit der Wahlniederlage seiner konservativen Volkspartei (PP) am 14. März Zapateros Irak-Ankündigung als "schwerwiegenden Fehler" kritisiert. Die Terroristen, sagte er, "werden sich das gut merken". Er fügte hinzu: "Man besiegt den Terrorismus nicht, indem man Konzessionen macht. Die Terroristen wollen, daß wir das Handtuch werfen." Aznar nannte das Wahlergebnis legitim und achtbar, sagte jedoch, daß "die Attentate wohl etwas mit dem Resultat zu tun hatten". Er versicherte ferner, daß die Regierung mit ihrer Informationspolitik nach dem Attentat "ehrlich und aufrichtig" gehandelt und der Bevölkerung zu jedem Zeitpunkt "die Wahrheit gesagt" habe.

Der ehemalige spanische Bergarbeiter José Emilio Suárez Trashorras, der unter dem Verdacht festgenommen wurde, marokkanischen Terroristen den gestohlenen Sprengstoff verschafft zu haben, soll dafür siebentausend Euro und eine nicht näher spezifizierte Menge Haschisch als Gegenleistung erhalten haben. Das berichtete am Mittwoch die Zeitung "ABC". Der 27 Jahre alte Suárez ist unter anderem wegen Rauschgiftdelikten vorbestraft und war schon einmal wegen des Verdachts überprüft worden, mit Sprengstoff gehandelt zu haben.

Treffen der Geheimdienstchefs

Die Zahl der Verdächtigen im Zusammenhang mit den Anschlägen hat sich durch die Festnahme und Überprüfung von vier weiteren Personen, mutmaßlich Marokkanern, auf nunmehr vierzehn erhöht. Zu ihnen gehört auch ein einsitzender Marokkaner namens Khalid Ouled, der vor drei Jahren wegen Körperverletzung verurteilt worden war. Er ist ein Bruder des am vorigen Donnerstag verhafteten Farid Ouled und stammt wie dieser aus Tetuan.

In Madrid trafen unterdessen im Vorfeld der Brüsseler EU-Ministerratstagung die Geheimdienstchefs der fünf größten europäischen Länder - Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Frankreich - zu einer Analyse der jüngsten Attentate, einem Informationsaustausch und zur Koordination ihrer Terrorabwehrstrategien zusammen.



Text: wie., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004, Nr. 71 / Seite 6
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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