Unruhen in Tibet

Dalai Lama beklagt „kulturellen Genozid“

16. März 2008 Während China als Reaktion auf die Unruhen in Tibet einen „Volkskrieg gegen den Separatismus“ ausgerufen hat, beklagt der Dalai Lama einen „kulturellen Genozid“ in seiner von China besetzten Heimat. Die Unterdrückung der jahrhundertealten tibetischen Kultur und die Diskriminierung der tibetischen Bevölkerung hätten die jüngsten Unruhen ausgelöst, sagte das religiöse Oberhaupt der Tibeter am Sonntag in seinem Exil im nordindischen Dharamsala. Viele seiner Landsleute fühlten sich im eigenen Land als Bürger zweiter Klasse.

Dessen ungeachtet will China gegen die Aufständischen weiterhin vorgehen. Die Sicherheitsvorkehrungen in der Region müssten verschärft und die Unterstützung für den Dalai Lama untergraben werden, beschloss ein Treffen ranghoher chinesischer Regional- und Sicherheitsbeamter, wie die amtliche Zeitung „Tibet Daily“ am Sonntag berichtete. Um den Zugang zu Informationen westlicher Medien zu beschränken, blockierten die chinesischen Behörden am Sonntag zudem den Zugriff auf das Video-Internetportal youtube.com, auf dem zahlreiche Videos über die Ausschreitungen in Tibet zu sehen sind.

„Kriegszustand“ in der gesamten Provinz

Die Unruhen vom Freitag haben sich unterdessen längst über die Hauptstadt Lhasa und die autonome Region Tibet hinaus ausgeweitet. Das wurde der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung aus unterschiedlichen Quellen bestätigt. Am Sonntag demonstrierten einige Tausend Mönche und andere Tibeter unter anderem in Aba (Ngaba) in der chinesischen Provinz Sichuan. Der Repräsentant des Dalai Lama in Europa, Kelsang Gyaltsen, sprach von einem „Kriegszustand“ in Tibet. Die Klöster seien umstellt von chinesischen Sicherheitskräften, die Bewegungsfreiheit sei stark eingeschränkt. Überall in Lhasa führen Panzer umher.

Einwohner der Stadt berichteten am Sonntag, Sicherheitskräfte patrouillierten in den Straßen und kontrollierten die Häuser. Ein im Ausland lebender Tibeter sagte, ein Augenzeuge in Lhasa habe in einem einzigen Leichenschauhaus 67 Tote gesehen. Dabei handle es sich um Opfer der Zusammenstöße oder des anschließenden Vorgehens der Sicherheitskräfte. „Er hat sie mit seinen eigenen Augen gesehen“, sagte der Auslands-Tibeter. Eine Geschäftsfrau berichtete am Telefon: „Wir wagen uns unter keinen Umständen aus dem Haus. Es ist zu unruhig.“

International herrscht große Sorge angesichts der Ereignisse in Tibet. Gewalt - egal von welcher Seite - führe zu keiner Lösung, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie forderte einen „friedlichen und direkten Dialog“ zwischen der chinesischen Regierung und dem Dalai Lama. In den Vereinigten Staaten äußerte sich Außenministerin Condoleezza Rice ebenfalls besorgt über das Geschehen.

Dalai Lama fürchtet weiteres Blutvergießen

In einer Erklärung machten die chinesischen Stellen „reaktionäre separatistische Kräfte“ aus dem In- und Ausland für die Proteste verantwortlich. Diese seien sorgfältig geplant gewesen. Es gelte, das bösartige Vorgehen dieser Kräfte offenzulegen, zitierte die Zeitung „Tibet Daily“ aus den Beschlüssen. Der Zeitung zufolge will die Regierung in Peking auch mit Hilfe regimetreuer buddhistischer Mönche gegen die Proteste und gegen den im Exil lebenden Dalai Lama Stimmung machen. Dieser wurde von chinesischer Seite beschuldigt, hinter den Unruhen zu stehen, was er umgehend zurückwies. Tibet wolle sich nicht von China abspalten und keinen unabhängigen Staat errichten, aber Peking müsse dort Autonomie und Menschenrechte gewährleisten, sagte der Dalai Lama am Sonntag.

Gegenüber der britischen BBC äußerte er zudem die Befürchtung, es werde noch mehr Blutvergießen in seiner Heimat geben. Dennoch erklärte er in dem Interview seine Unterstützung für die Olympischen Spiele in Peking in diesem Sommer. Sie seien immer noch eine Gelegenheit für China, Unterstützung für die Freiheit der Menschen zu demonstrieren. (Siehe auch:Bach im Interview: „Olympia-Boykott wäre der falsche Weg“)

Schwankende Angaben über Todeszahlen

Die Angaben über die Zahl der Toten schwanken nach wie vor. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldet unverändert zehn Todesopfer. Dalai-Lama-Sprecher Gyaltsen, der in der Schweiz lebt, sagte, er habe Angaben, die von dreißig bis zu hundert Toten reichten. Die meisten Opfer seien durch Schüsse getötet worden. Weitere tibetische Quellen sprechen sogar von bis zu 300 Toten. Die Zahlen ließen sich jedoch nicht überprüfen, betonte der Dalai Lama am Sonntag. Die chinesische Regierung bestritt, dass auf Demonstranten geschossen wurde; es seien nur Warnschüsse in die Luft abgegeben worden.

Das exiltibetische Parlament forderte die Vereinten Nationen auf, einen Sondergesandten nach Tibet zu schicken, um zu intervenieren und die Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen. Eine Informantin berichtete der Deutschen Presse-Agentur, dass die Behörden der Bevölkerung jede medizinische Versorgung vorenthielten: „Warum hat die Regierung nichts getan, um uns zu helfen?“ Krankenhäuser seien geschlossen, und es gebe keine ärztlichen Notdienste, sagte die Frau. „Wenn die Leute schwer verletzt sind, können sie nur sterben oder müssen sich irgendwie selbst helfen.“

Angst vor vergiftetem Wasser

„Ich habe gesehen, wie viele Tibeter die Chinesen verprügelten“, berichtet die Augenzeugin von den Ausschreitungen am Freitag. Die Wut der Tibeter hatte sich plötzlich entladen, als die Polizei gegen einen Marsch von Mönchen in der Innenstadt vorgegangen war. Es herrschte Gewalt und Chaos. Die Chinesen hätten sich nicht gewehrt, berichtet die Frau. „Es tat mir so leid. Sie haben sich nicht getraut zurückzuschlagen.“

Viele chinesische Geschäfte, darunter auch solche, die Gold und Silber verkauften, seien geplündert und verwüstet worden. Polizeistationen seien in Brand gesetzt worden, insbesondere am Pilgerweg Barkor um den Jokhang-Tempel im Herzen von Lhasa.

Gerüchte über angebliches Gift im Trinkwasser machen die Runde. Viele Menschen trauen sich angeblich nicht, Wasser aus der Leitung zu benutzen. Die Behörden versichern am Samstag aber, das Wasser sei sicher.

Unterbrochen ist das Mobilfunknetz in der Hauptstadt - möglicherweise, um Versuche zur Organisation von Protesten zu verhindern. Eine dänische Touristin berichtete, Lhasa gleiche mittlerweile einer Geisterstadt. Der Ort sei abgeriegelt, und überall sei chinesisches Militär im Einsatz.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., REUTERS