Von Jörg Bremer, Jerusalem
11. Juni 2006 Der israelische Ministerpräsident Olmert hat am Sonntag den Tod von sieben palästinensischen Zivilisten am Strand von Beit Lahia bei Gaza am Freitag bedauert. Verteidigungsminister Peretz sagte, möglicherweise sei das Unglück nicht auf einen israelischen, sondern einen palästinensischen Granatenangriff zurückzuführen.
Trotz dieser Zuspitzung erließ der palästinensische Präsident Abbas gegen den Widerstand der Hamas-Regierung ein Dekret, das für den 26. Juli ein Referendum über den künftigen politischen Kurs vorsieht. Während in Gaza die Menschen um die Opfer des Anschlags trauerten, wurde im israelischen Sderot ein Zivilist durch eine palästinensische Kassem-Rakete lebensgefährlich verletzt. Die Armee setzte ihre Angriffe auf Gaza fort. Die Hamas beendete ihre Waffenruhe.
Olmert reist, Abbas bleibt
Während Abbas wegen der zugespitzten Lage eine Reise nach Fernost absagte, flog Olmert am Sonntag zu einem viertägigen Besuch nach London und Paris. Außenministerin Livni will an diesem Montag der EU in Luxemburg den politischen Kurs Israels erklären. Olmert sieht kaum Chancen für Erfolge bei den noch in diesem Monat bevorstehenden Gesprächen mit Abbas. Einem britischen Sender sagte Olmert, er habe zwar enormen Respekt vor Abbas, "aber das ist solange nicht genug, wie eine terroristische Organisation bei den Palästinensern an der Macht ist". Es seien möglicherweise einseitige politische Schritte Israels nötig, "weil die Bedingungen für Verhandlungen noch nicht gereift sind." In dem Gespräch, das vor dem Anschlag auf die Palästinenser aufgenommen worden war, sagte Olmert zudem: "Wir werden weiter mit aller Kraft gegen die Kassem-Raketen vorgehen und auch nicht von Operationen absehen, mit denen das Raketenfeuer verhindert werden kann."
Weiter auf Gaza gefeuert
So feuerte Israel trotz einer früheren Meldung weiter auf Gaza; am Sonntag tötete die Luftwaffe zwei Hamas-Terroristen, die gerade eine Rakete abfeuern wollten. Davor hatte es noch im Verteidigungsministerium geheißen, Peretz wolle den Granatenbeschuß zunächst überprüfen und dann vielleicht ganz einstellen. Abbas bezeichnete den Vorfall als "schreckliches, gefährliches und häßliches Massaker". Die Hamas schwor derweilen Vergeltung und das Ende der Waffenruhe. Der zionistische Feind solle das Feuer unter seinen Füßen spüren, hieß es in einem Hamas-Flugblatt. Gleichwohl bleibt Abbas bei seinem Plan, in einem Referendum über das "Dokument der Nationalen Versöhnung" zwischen dem PLO-Kurs des Dialogs und dem Weg der Hamas entscheiden zu lassen, die Israel und seine bisherigen Verträge mit der PLO nicht anerkennen will. Nach Umfragen vor dem Anschlag würde Abbas siegen.
Der Hamas-Vertreter, der das Dokument unterzeichnet hatte, zog mittlerweile seine Unterschrift zurück. Die Hamas spricht wegen des Referendums von einem stillen Staatsstreich. Auch noch nach einem Treffen von Abbas mit Ministerpräsident Hanija am Samstag abend sagte der Hamas-Politiker, Abbas habe kein Recht, eine Volksabstimmung anzusetzen. Die Hamas werde das Volksbegehren boykottieren. Hamas-Extremisten feuerten derweil mehr als zwei Dutzend Raketen undGranaten auf Israel ab. Wir haben beschlossen, aus Sderot eine Geisterstadt zu machen, drohte die Hamas.
Siebenjährige verliert ihre Familie
Die Hamas reagierte damit auf den Anschlag am Freitag auf die Zivilisten am Strand von Gaza. Dabei waren sieben Zivilisten getötet worden, darunter fünf Mitglieder einer Familie. Die Armee kündigte eine Untersuchung des Zwischenfalls an. Brigadegeneral Kochawi gab im Rundfunk zu, es sei möglich, daß eine Granate am Strand eingeschlagen sei. Möglicherweise hätten aber auch die Kinder mit einem Blindgänger gespielt, der dann explodierte. Bei der Beisetzung der getöteten Palästinenser kam es zu erschütternden Szenen. Die sieben Jahre alte Huda Ghalja, die bei der Detonation am Strand ihre Eltern und drei Geschwister verloren hatte, nahm weinend Abschied von ihrer Familie. Abbas und Hanija versprachen, das Mädchen symbolisch zu adoptieren und für seinen Lebensunterhalt und die Ausbildung aufzukommen.
Text: F.A.Z., 12.06.2006, Nr. 134 / Seite 1
Bildmaterial: AP