13. Februar 2006 Wegen des Karikaturenstreits hat die dänische Regierung die Mitarbeiter der Botschaften des Landes in Iran, Syrien und Indonesien zurückbeordert. Auch alle anderen dänischen Staatsbürger in Indonesien wurden aufgerufen, das Land zu verlassen.
Gegen die Botschafter in Indonesien und Iran habe es Drohungen gegeben, hieß es aus dem dänischen Außenministerium. Zur Situation in Syrien hieß es, die dortigen Behörden hätten die Sicherheit der dänischen Diplomaten nicht garantieren können. Das Personal wurde den Angaben zufolge schon am Freitag abgezogen. In Iran und Syrien hatte es gewaltsame Proteste gegen Dänemark gegeben, während die Proteste in Indonesien bisher weitgehend friedlich verlaufen waren. Das dänische Außenministerium sprach aber von "konkreten Informationen" über eine extremistische Gruppe, die gezielt nach dänischen Staatsbürgern suchen wolle.
Demonstrationen auch in Deutschland
Unterdessen gab es am Wochenende auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern Demonstrationen von Muslimen gegen die zuerst in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" erschienenen Karikaturen, auf denen der Prophet Mohammed abgebildet worden war. In Düsseldorf gingen nach Polizeiangaben rund 2200 Menschen auf die Straße, in Berlin zogen rund 1200 Demonstranten vor die dänische Botschaft.
In Paris demonstrierten am Samstag mehr als 7000 Menschen friedlich gegen die Zeichnungen.Proteste gab es ferner in Bilbao, Bern, Amsterdam. In Düsseldorf skandierten die Demonstranten unter anderem: "Hinter der Pressefreiheit verbirgt sich der Haß gegen Muslime." In Berlin war auf Plakaten zu lesen: "Hört auf mit Hohn und Spott auf den Propheten und auf Gott!"
Erdogan bietet sich als Vermittler an
Außenminister Steinmeier (SPD) und der türkische Außenminister Gül würdigten die Besonnenheit der muslimischen Gemeinden in Deutschland. Sie hätten sowohl die Respektlosigkeit gegenüber dem Propheten Mohammed abgelehnt als auch sich in aller Deutlichkeit gegen Gewalt ausgesprochen, schrieben sie in einem gemeinsamen Beitrag in den Samstagausgaben der Zeitungen "Bild" und "Hürriyet".
Der türkische Ministerpräsident Erdogan bot sich als Vermittler in dem Konflikt an. Er warnte vor wachsenden Gegensätzen zwischen der islamischen und der christlichen Welt. In einem Brief an alle Staaten, mit denen die Türkei diplomatische Beziehungen unterhalte, habe Erdogan erklärt, sein Land unterstütze alle Bemühungen um Versöhnung und Integration, berichtete "Bild am Sonntag".
Gaddafi: Haß von Ungläubigen
Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Musa, appellierte am Sonntag, einen Kulturkampf zwischen Ost und West zu vermeiden und den Streit beizulegen. Dies ist nicht die Zeit für einen Zusammenprall zwischen Ost und West, sagte Mussa im saudi-arabischen Dschiddah. Er rief die Muslime auf, die gute Beziehungen mit dem Westen wollten, dazu auf, mit unseren gleichgesinnten Brüdern in Europa und Amerika zusammenzuarbeiten.
Der libysche Revolutionsführer Gaddafi erhob schwere Vorwürfe gegen die Europäer. Haß werde nicht von Muslimen oder Arabern verbreitet, sondern von Ungläubigen, die die Karikaturen veröffentlicht haben und sich damit gegen Gottes Willen stellten, sagte er der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung. Dänemark bat Malysia, das Vorsitzender der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) ist, um Vermittlung.
'Suche' nach Selbstmordattentätern?
Die indonesische Regierung kritisierte den Abzug der dänischen Diplomaten als voreilig und überzogen. Möglicherweise decken sich diese Informationen mit einem Bericht, der am Samstag in der indonesischen Internetzeitung De Tik veröffentlicht wurde.
In dem Artikel, der allerdings von keinen anderen Medien aufgegriffen wurde, heißt es, daß eine Koranschule in Surabaya mit Bezug auf die Karikaturen um Freiwillige geworben habe, die für den Propheten Mohammed sterben wollen. Fünf weitere Pesantren - so heißen die Koranschulen in Indonesien - hätten sich dem Aufruf angeschlossen.
Ein Vertreter der Schule bestritt in dem Artikel, daß Selbstmordattentäter gesucht und ausgebildet würden. Die Freiwilligen würden aber nach dänischen Staatsbürgern suchen, um sie - auch mit Ohrfeigen - zu einer Entschuldigung und zur Ausreise aufzufordern.
Angeblich haben sich auf die Ausschreibung innerhalb von drei Tagen 175 Interessierte aus ganz Java gemeldet und registrieren lassen. Seit dem gescheiterten Eindringen in die dänische Botschaft in Jakarta sind in Indonesien keine Gewalttätigkeiten gegen Dänen mehr bekannt geworden.
Der norwegische Botschafter in Saudi-Arabien, Jan Bugge-Mahrt, erklärte nach einem Treffen mit dem Vorsitzenden des saudischen Schura-Rates, Saleh bin Humaid, seine Regierung und das norwegische Volk verurteilten die Veröffentlichung der Karikaturen. Der Schura-Rat ist eine Art Parlament mit Beratungsfunktion, dessen Mitglieder vom König ernannt werden. Auch eine norwegische Zeitung hatte die Karikaturen nachgedruckt.
Die iranische Regierung hat am Sonntag im Zusammenhang mit dem Karikaturenstreit wieder den Holocaust verharmlost. Das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser sei ein schlimmeres Verbrechen als die Vernichtung der Juden im Dritten Reich, sagte der Sprecher des Außenministeriums. Leider erpreßt das zionistische Regime die Europäer mit dem Holocaust. Präsident Ahmadineschad sagte zum Streit über die Mohammed-Karikaturen, derartige Darstellungen seien in Europa erlaubt, eine Diskussion über Details des Holocaust allerdings nicht.
In der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur kritisierte der frühere iranische Staatspräsident Chatami am Wochenende den Westen als selbstzentriert und dazu entschlossen, der Welt seine Werte zu oktroyieren. Einige Staaten förderten Islamfeindlichkeit im Sinne ihrer strategischen Interessen, sagte er. Die gewalttätigen Ausschreitungen in vielen islamischen Ländern erklärte Chatami mit dem Entwicklungsrückstand der Region und einem Gefühl der Demütigung. Würde der Westen der islamischen Welt versichern, daß solche Aktionen wie der Abdruck der Mohammed-Karikaturen nicht wiederholt werden, würde sich die Lage bald beruhigen, sagte er.
In Bosnien wurde am Wochenende eine Kundgebung untersagt, nachdem Demonstranten zuvor bei Protesten vor den Botschaften Dänemarks, Frankreichs und Norwegens Fahnen der drei Länder verbrannt hatten. Die bosnische Regierung verurteilte das Verhalten. Muslimische Geistliche riefen zur Besonnenheit und zu einem offenen Dialog zwischen den Religionen auf. In der Türkei protestierten am Sonntag zehntausende Menschen gegen die Karikaturen. In Diyarbakir im Südosten des Landes versammelten sich rund 50.000 Demonstranten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz