Frankreich

Integrationsmodell in Flammen

Von Michaela Wiegel, Paris

Welche Zukunft will Frankreich seinen jungen Einwanderern anbieten?

Welche Zukunft will Frankreich seinen jungen Einwanderern anbieten?

11. November 2005 Nicht die Republik, aber das republikanische Integrationsmodell, auf das Frankreich jahrzehntelang sein nationales Selbstverständnis gründete, steht in Flammen. Die Bilder der brennenden Autos und der nächtlichen Straßenschlachten aus den Pariser Vorstädten rütteln am Selbstbewußtsein einer Demokratie, die auf die wiederkehrende Gewalt bislang nur eine Antwort gefunden hat: Ratlosigkeit.

Charakteristisch für die von Medienemotionen getriebene Politik ist dabei der Zwist über mehr oder weniger Repression zwischen Premierminister de Villepin und Innenminister Sarkozy, der die Regierung lähmt. Der Streit lenkt vom Kern der Frage ab, die mit den Unruhen aufgeworfen wird. Welche Zukunft, welche Schicksalsgemeinschaft will die Republik der in Vorstadtghettos versammelten Einwandererjugend anbieten?

Verheerende Wohnungsbaupolitik

Das Scheitern der sozialen Besänftigungsstrategie seit den ersten Ausbrüchen von Gewalt im Pariser Vorortgürtel Anfang der achtziger Jahre kann nicht mehr geleugnet werden. Doch weigert sich die Regierung, sich dem Versagen der staatlichen Eingliederungsbemühungen zu stellen und daraus grundlegende Konsequenzen zu ziehen. Der Cour des comptes, der oberste Rechnungshof, hat kürzlich in einem 580 Seiten umfassenden Bericht das Scheitern der staatlichen Integrationspolitik dokumentiert. Akribisch wurde aufgelistet, wie der Staat bei der Herausforderung versagt hat, das republikanische Integrationsmodell dem Wandel der Einwandererströme und der sozioökonomischen Gesamtlage anzupassen.

Mit einer Nüchternheit, die beim Anblick der nächtlichen Gewaltszenen auf den Fernsehbildschirmen unterbleibt, werden zum Beispiel die verheerenden Folgen der Wohnungsbaupolitik der sechziger und siebziger Jahre beschrieben. Die Ghettobildung wurde architektonisch geradezu heraufbeschworen, mit dem Bau von Wohntürmen minderer Qualität „auf der grünen Wiese“ vor den Großstädten. Die sonst in Jahrzehnten gewachsenen städtischen Strukturen fehlten, als Ort des sozialen Austausches diente meist allein das Einkaufszentrum. Wer in diesen Sozialbausiedlungen unterkam, der konnte nicht woandershin. Damit wurde ein urbaner Segregationsprozeß in Gang gesetzt, dessen Ende nicht absehbar ist.

Der Herausforderung nicht gewachsen

Der Rechnungshof nennt Zahlen: 1982 wurden 22 sogenannten sensiblen Kommunen Förderungsprogramme zuteil, 1992 zählte der Minister für Städtebau schon 320 „schwierige Kommunen“. 2002 ist die Zahl auf 750 „sensible urbane Zonen“ gewachsen, 1500 Sozialbausiedlungen gelten als besonders „schwierig“.

Das Schulwesen zeigte sich der Herausforderung durch die Einwanderermassen aus den früheren Kolonien in Nord- und Schwarzafrika ebenfalls nicht gewachsen. Die Konzentration der Kinder aus Einwandererfamilien in bestimmten Wohngebieten verschlechterte die Ausgangschancen gerade für jene Schüler, die eine besondere Förderung nötig gehabt hätten. Mit der Schaffung von sogenannten „vorrangigen Erziehungszonen“ legte der Bildungsminister offen, an welchen Schulen Unterrichten weniger Wissensvermittlung denn Sozialarbeit bedeutete. Die Lehrer hatten diese Einstufung meist schon mit Versetzungswünschen und hohen Krankenständen vorweggenommen.

Der Antrieb der Politik und der Verwaltung, die Bildungschancen der meist mit französischer Staatsbürgerschaft versehenen Einwandererkinder zu verbessern, ging nie so weit, sich mit der Lehrerschaft anzulegen. So bleibt es dabei, daß in die schwierigsten Schulen als Lehrer jene jungen Studienabgänger geschickt werden, die noch gänzlich ohne Lehrerfahrung sind. Es muß daher nicht verwundern, daß sich - wie der Rechnungshof bemerkt - die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten von Einwandererkindern über eine gute Schulbildung im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert haben. Auch bei der Suche nach einer Lehrstelle oder nach einer Beschäftigung geraten sie ins Hintertreffen.

Muslimische „Brüder“ rufen zur Ruhe auf

Das Laizitätsgelübde der Republik hat zwar die formale Anpassung gerade junger Musliminnen an die Gepflogenheiten der westlichen Kleidungsordnung beschleunigt. Das Kopftuchverbot, welches religiöse Merkmale aus den Klassenräumen der öffentlichen Schulen verbannt, wird gemeinhin als Erfolg des Staates gegen eine „Islamisierung“ gewertet. Doch die Vorstadtunruhen haben offengelegt, daß in vielen Stadtteilen die muslimischen Vorbeter die einzige „Ordnungsmacht“ darstellen, die von einer in die Gesetz- und Regellosigkeit abgeglittenen Jugend anerkannt wird. Das zeigten eindrucksvoll die Bilder aus Clichy-sous-Bois, wo muslimische „Brüder“ in traditionellen weißen Gewändern zur Ruhe aufriefen und ihnen - anders als den Polizeikräften - nicht Steine, sondern Allah-ist-groß-Rufe aus den oberen Etagen der Sozialbautürme folgten.

Der Staat ist sich unsicher, wie er auf die Macht der muslimischen Vereinigungen reagieren soll, die in den trostlosesten Vierteln längst Aufgaben der öffentlichen Wohlfahrt übernommen haben, angefangen bei der Hausaufgabenhilfe über Krankenbesuche bis zur Unterstützung bei Behördengängen. Ein Teil der Staatselite bleibt in der Traditionspflege des Gesetzes von 1905 gefangen, das damals die Entfremdung von Staat und katholischer Kirche besiegelte. Nicolas Sarkozy zählt zu der Minderheit, die eine Lockerung des Gesetzes wünscht, um den Islam stärker in die Verantwortung für das Gemeinwesen einbinden zu können.

Die Debatte über die Rolle des Islams stellt dabei nur eine Facette der Identitätssuche dar, die durch die Krise des republikanischen Integrationsmodells ausgelöst wurde. Im besten Falle wird der Präsidentenwahlkampf 2007, nach dem Fiasko der Präsidentenwahl 2002, die Klärung vorantreiben. Mit ihrem Votum für den Rechtsextremen Le Pen haben die französischen Wähler damals die Identitätskrise an den Urnen offengelegt. Zu deren Überwindung braucht es jedoch einer Vision, die über die derzeitige Politik der Sofort- und Notprogramme Villepins hinausreicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa, Reuters

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie suchen eine günstige Unterkunft für den nächsten Urlaub? Jetzt Ferienwohnungen und Ferienhäuser finden bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Frankreich

Sarkozy bleibt stur: „Ein Bandit ist ein Bandit“

Während Frankreichs Präsident Chirac angesichts der Krawalle in seinem Land Konsequenzen für die Integrationspolitik fordert, verteidigt der Innenminister die umstrittenen „Gesindel“-Äußerungen. Die Gewalt flaut ab, doch am Feiertag wird mit weiteren Randalen gerechnet.

Frankreich

Unruhen flauen ab

In der 14. Nacht in Folge haben Jugendliche in Pariser Vororten und weiteren französischen Städten randaliert. Die Zahl der Brandanschläge ist allerdings zurückgegangen. Die Polizei sieht in der leichten Beruhigung „ein ermutigendes Zeichen“.

Frankreich

Notstand bremst Randalierer nicht

In der 13. Aufruhrnacht sind in Frankreich um 0 Uhr erste Ausgangssperren nach dem Notstandsrecht von 1955 in Kraft getreten. Die Intensität der Unruhen ließ merklich nach, aber von Ruhe keine Spur.

Gewalt in Frankreich

Hier fühlten sich alle gekränkt

Die Revolte der Jungen findet keine Toleranz, aber Verständnis

Einst sollte Evry eine Pariser Vorzeigevorstadt werden, heute spricht der Bürgermeister von unerträglichen Zuständen. Trotz religiöser Toleranz hat die Gewalt auch seinen Ort erfaßt. Jede Nacht brennen Autos.

Notstandsgesetz

Frankreich verhängt den Ausnahmezustand

Nach der zwölften Krawallnacht in Folge in den französischen Vorstädten hat die Regierung hat ein Notstandsgesetz aus der Zeit des Algerienkrieges aufgegriffen, um Ausgehverbote verhängen zu können.

Frankreich

Die Unternehmer in den Banlieues fürchten um ihren Ruf

Die Wirtschaft liegt in Trümmern

Die Armenviertel Frankreichs brennen doch nur ein bißchen, meinen die örtlichen Unternehmer, die sich um ihren Ruf sorgen. Förderzonen, die in den Vorstädten eingerichtet wurden, brachten kaum wirtschaftliche Erfolge.

Frankreich

Gas in der Moschee

Kampfszenen vor den Kameras

Verblüfft reagiert Frankreich auf die ausführlichen Berichte des Auslands über die Krawalle. Die einheimischen Stationen waren zurückhaltender. Die Jugendlichen selbst kommunizieren durchs Internet und über SMS.

Kommentar

Französische Verhältnisse

Chiracs sorgenvoller Blick: Machtlos gegenüber Gewalt und Unruhen

Der sonst so souverän auftretende Staatspräsident Chirac ist ratlos angesichts der andauernden Krawalle in Frankreich. Auch deutsche Politiker sollten sich vor derartigen Unruhen nicht zu sicher sein.

Kommentar

Recht und Ordnung

Ausgebranntes Restaurant südlich von Paris

Das Fortdauern der gewalttätigen Unruhen in den französischen „banlieues“ macht erschrecken. Doch über multikulturelle Fragen darf nicht nur in einer Richtung mahnend geredet werden. Die kulturellen Unterschiede sind zu thematisieren.

Gewalt in Frankreich

„Auch wir sind davor nicht gefeit“

Angesichts der gewalttätigen Exzesse in Frankreich äußern deutsche Politiker ihre Sorge vor ähnlichen Ausschreitungen in Deutschland. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) warnt, auch hier gebe es „bedenkliche Entwicklungen einer Parallelgesellschaft“.

Gastbeitrag

Sarkozy: Wir dulden keine „rechtlosen Zonen“ mehr

Sarkozy: Ich bin für eine „Polizei der Nähe”

Frankreich wird seit mehreren Tagen Zeuge eines Aufflammens von städtischer Gewalt. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung legt der französische Innenminister Nicolas Sarkozy dar, wie diese Gewalt zu bekämpfen ist.

Krawalle bei Paris

„Nein zur Gewalt, ja zum Dialog“

“Dialog statt Gewalt“

Nach der neunten Krawallnacht haben Hunderte Bewohner in Pariser Vororten für ein Ende der Unruhen demonstriert. In Deutschland kündigten SPD- und Unionspolitiker an, durch eine verbesserte Integrationspolitik solche Unruhen verhindern zu wollen.

Jugendkrawalle

Bislang schwerste Unruhen in Pariser Vorstädten

Eine weitere Nacht in Aulnay-sous-Bois im Norden von Paris

In der neunten Nacht in Folge knallte es in Frankreichs Vorstädten. Bilanz: Fast 900 ausgebrannte Autos, mehr als 250 Festnahmen. Brandenburgs Innenminister Schönbohm (CDU) warnt vor ähnlichen Krawallen in Deutschland.

Frankreich

„Ein bißchen wie Bagdad“

In den Pariser Vorstädten reißen alte Wunden auf

In den Banlieues hat die französische Arbeitsmarktpolitik versagt. Wer Arbeit und Einkommen hat, versucht, die heruntergekommenen Hochhaussiedlungen zu meiden. Zurück bleiben verarmte Immigranten, darunter viele alleinerziehende Mütter ohne Kontrolle über ihre Kinder.

Paris

In Pariser Vorstädten brennt es die achte Nacht in Folge

Brand in einem Teppichlager in Aulnay sous Bois bei Paris

Die nächtlichen Krawalle in den Vorstädten von Paris sind nach Einschätzung von Innenminister Sarkozy „perfekt organisiert“. Sie haben sich nun über die Hauptstadt hinaus ausgeweitet. Die Polizei veröffentlichte einen Bericht über den Tod zweier Jugendlicher.

Frankreich

Nächtliche Krawalle weiten sich aus

Die nächtlichen Ausschreitungen randalierender Jugendlicher haben sich in der Nacht zum Freitag über die Hauptstadt Paris hinaus auf die Provinz ausgeweitet.

Frankreich

Der Minister aus der Banlieue

Wieder eine Brandnacht im Pariser Vorort Aulnay sur Bois

Die Unruhen in neun Pariser Vororten halten nun schon die siebte Nacht in Folge an. Sie machen Azouz Begag, den „Minister für die Förderung von Chancengleichheit“, zu Sarkozys Gegenspieler. Er kritisiert die Tonart des durchgreifenden Innenministers.

Unruhen in Pariser Vorort

„Die soziale Behandlung der urbanen Probleme ist gescheitert“

“Ein Bürgerkrieg ist im Gange“

Nach neuerlichen Unruhen in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois hat Nicolas Sarkozy einen verstärkten Polizeieinsatz an sozialen Brennpunkten angekündigt. Die Ausschreitungen sind für den französischen Innenminister zu einer Bewährungsprobe geworden.

Frankreich

Krisensitzung nach weiteren Krawallen in Vorstädten

Nach weiteren Straßenschlachten bei Paris in der siebten Nacht in Folge wächst der Druck auf die französische Regierung, die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen. Innenminister Sarkozy beraumte eine Krisensitzung an.