Von Markus Bickel
10. Mai 2008 Nach einer Eskalation der Gewalt im Libanon in den vergangen Tagen herrschte am Samstag in der Hauptstadt Beirut gespannte Ruhe. Viel Bewohner nutzen das, um sich mit Lebensmitteln einzudecken, nachdem auch Geschäfte wieder geöffnet hatten. Bei den Kämpfen in den vergangenen Tagen hatte es bis zu 20 Tote gegeben.
Die schiitische Parteimiliz Hizbullah hatten am Freitag mehrere Viertel im Zentrum der Hauptstadt Beirut unter ihre Kontrolle gebracht. . Milizionäre der von Generalsekretär Hassan Nasrallah geführten schiitischen Organisation und ihres Verbündeten, der Amal-Bewegung von Parlamentspräsident Nabih Berri, waren überall auf den Straßen des muslimisch dominierten Westbeiruts präsent, nachdem die ganze Nacht über Schüsse durch die libanesische Hauptstadt gehallt waren. Die Kämpfe waren am Donnerstag ausgebrochen, nachdem Nasrallah erklärt hatte, die pro-westliche Regierungsmehrheit von Premierminister Fuad Siniora habe der Opposition den Krieg erklärt.
Iran weist Vorwürfe zurück
Nur wenige Straßenzüge von der Residenz des wichtigsten sunnitschen Politikers des Landes, Saad Hariri, entfernt kämpften Milizionäre von dessen Mustaqbal-Bewegung mit Einheiten Nasrallahs. Auch in anderen gemischt sunnisch-schiitischen Stadtteilen kam es zu militärischen Auseinandersetzungen. Tausende Einwohner Westbeiruts verließen die Hauptstadt Richtung Norden und Osten, um sich in Sicherheit zu bringen. In Westbeirut verbliebene Angehörige der Deutschen Botschaft sollen möglichst bald in den Ostteil der Stadt geholt werden.
Die amerikanische Regierung und die Europäische Union verurteilten den Gewaltausbruch im Libanon scharf und betonten ihre Unterstützung für die Regierung Siniora. Iran wies am Samstag Vorwürfe des Westens zurück, Teheran schüre - zusammen mit Syrien - die Gewalt im Libanon. Vielmehr seien die Vereinigten Staaten und Israel für die Eskalation der Lage verantwortlich, schrieben amtliche Medien in der iranischen Hauptstadt.
Neue Eskalationsstufe
Die Kämpfe zwischen der mit Syrien und Iran verbündeten Hizbullah und Milizionären der Regierungspartei al Mustaqbal vom Chef der Parlamentsmehrheit, Saad Hariri, waren am Mittwoch ausgebrochen. Die Gewalt war weiter eskaliert, nachdem sowohl Nasrallah wie Hariri am Donnerstagabend Reden hielten, in denen sie ihre Gegner zum Einlenken aufforderten.
Seit dem Mord an Libanons langjährigem Ministerpräsidenten Rafiq Hariri im Februar 2005 ist die Zedernrepublik immer wieder von Gewaltausbrüchen erschüttert worden. So kamen im Januar 2007 bei Ausschreitungen zwischen Hariri- und Nasrallah-Anhängern sieben Menschen ums Leben, auch im Januar dieses Jahres starben sieben Personen, als Soldaten eine Straßensperre im von der Hizbullah kontrollierten Süden Beiruts auflösen wollten.
Im Unterschied zu den früheren Auseinandersetzungen zeigen die Protagonisten in dem am Mittwoch ausgebrochenen Konflikt keine Anzeichen für Mäßigung. Am als schwarzen Donnerstag bekannt gewordenen Tag der Ausschreitungen im Januar 2007 hatten Nasrallah und Hariri ihre Anhänger am Abend noch zum Niederlegen ihrer Waffen aufgefordert.
Die Armee schaut zu
Seit dem Donnerstagmorgen aber kontrollierten Milizionäre beider Seiten Straßenkreuzungen, Blockaden und brennende Autoreifen zwischen sunnitischen und Stadtvierteln machten den Westteil der Stadt für Zivilisten weitgehend unpassierbar. Hizbullah-Kämpfern gelang es zudem, den Fernsehsender von Hariris Mustaqbal-Bewegung zu besetzen.
Medienberichten zufolge soll die Mustaqbal-Sendezentrale inzwischen an die Armee übergeben worden sein. Die während des Bürgerkrieges zwischen 1975 und 1990 zwischen Christen und Muslimen gespaltene Einheit betätigt sich im jüngsten Konflikt allerdings weitgehend als Zuschauer: Armeechef Michel Suleiman warnte am Mittwoch davor, dass beim Anhalten der Kämpfe eine Spaltung der Truppen entlang sunnitsch-schiitischer Trennlinien drohe.
Die Armee wird von vielen Libanesen unabhängig von ihrer Konfessionzugehörigkeit als einzige gesamtstaatliche Institution betrachtet. Die von Bündnispartern Hariris gebildete Regierung hingegen ist in den Augen der meisten Schiiten des Landes eine Anti-Hizbullah-Allianz, Hariris Anhänger wiederum sehen Nasrallahs Partei Gottes als Instrument Irans, den Libanon als Frontstaat gegen Israel zu etablieren.
Sunnitisch-schiitischer Konflikt
Ein weiterer Unterschied zu früheren Gewaltausbrüchen besteht darin, dass es der Hizbullah dieses Mal nicht gelang, ihre nichtschiitischen Bündnispartner in den Konflikt mit hineinzuziehen. Anhänger des wichtigsten christlichen Partners Nasrallahs, der frühere Armeechef Michel Aoun, sind an den Gefechten nicht beteiligt. Auch Gefolgsleute der christlichen Verbündeten Hariris, der frühere Milizenchef Samir Geagea und der ehemalige Präsident Amin Gemayel, halten sich bislang zurück.
Damit wird der Kern des spätestens seit dem Rücktritt der schiitischen Minister aus dem Kabinett von Ministerpräsident Fuad Siniora im November 2006 schwelendenKonflikts offengelegt: Es handelt sich um eine schiitisch-sunnitische Auseinandersetzung. Unterstützt wird der wichtigste sunnitische Politiker im Libanon, Hariri, dabei von den sunnitischen Regionalmächten Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien, Nasrallah vom schiitischen Iran und Syrien.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
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