Von Wolfgang Günter Lerch
13. Mai 2008 Schon seit den neunziger Jahren ist er nicht mehr das, was er einmal war: Walid Dschumblatt, Drusenfürst und früher bei vielen im Libanon als junger Wilder“ verschrien, als Partylöwe der Rue Hamra, hat sich in den vielen Jahren der libanesischen Krisen, deren schlimmste der fünfzehn Jahre währende Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 war, zu einem ernsthaften Politiker entwickelt, der freilich für manche Provokation gut ist.
Gegenwärtig steht er wieder im Blickpunkt des Interesses, weil er sich – obzwar zuletzt vergeblich – wieder einmal mit der Hizbullah angelegt hat, mit der von Teheran 1982/83 gegründeten, von Syrien unterstützten schiitischen Partei Gottes“, die in Konfrontation zum sunnitischen Lager steht, vor allem zu dem Kabinett des sunnitischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora. Im Unterschied zu früheren Zeiten verlaufen die innerlibanesischen Fronten längst anders: Es sind jetzt nicht mehr hauptsächlich Christen gegen Muslime“, was auch früher nicht immer so eindeutig, bisweilen sogar ganz falsch war; der Hauptgegensatz besteht vielmehr zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen.
Dschumblatt zeigt sich antisyrisch
Das spiegelt, neben den Veränderungen im Libanon selbst, auch die Entwicklung der vergangenen Jahre in der gesamten Region wider: Im Libanon kann man unter anderem so etwas sehen wie ein Brennglas der Konflikte und jeweiligen Konstellationen in der Nachbarschaft. Der Christen-General Michel Aoun, früher strikt antisyrisch, hält heutzutage zur Hizbullah, während Dschumblatt sich vor allem seit dem Mord an Ministerpräsident Rafiq Hariri extrem antisyrisch gezeigt hat. Er gehörte zu den Anhängern der mit so viel Hoffnungen verbundenen Zedernrevolution“. Nun muss er sich mit dem rivalisierenden – ebenfalls drusischen – Clan der Arslan auseinandersetzen, der andere Präferenzen hat.
Dschumblatts Stammsitz ist das Schloss“ al Muchtara in den Bergen östlich von Beirut. Die Drusen, Bekenner einer aus dem heterodoxen schiitischen Islam (Ismailitentum) entstandenen Geheimreligion, haben ihre Hauptsiedlungsgebiete im Schuf-Gebirge östlich der Hauptstadt. Sie gehören zu jenen religiösen Minderheiten, die sich im Mittelalter vor Verfolgung in die Bergregionen des Libanons geflüchtet hatten – wie auch die Schiiten und, zuvor schon, die maronitischen Christen.
Er muss um sein Leben fürchten
Der 1949 geborene Dschumblatt, der früher als stramm links galt, ist Erbe seines Vaters, des Drusenfürsten Kamal Dschumblatt (1917 bis 1977), eines auf seine Weise faszinierenden Denkers und Politikers, der wahrscheinlich auf dem Weg von Beirut nach al Muchtara vom syrischen Geheimdienst ermordet wurde. Jedenfalls hat Walid Dschumblatt allen Grund, das zu glauben. Der Mord hat sein Verhältnis zu Syrien in zwiespältiger, seit Jahren negativer Weise geprägt.
Nach dem Ende des Bürgerkrieges, in dem er die Drusenmilizen seiner Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP) befehligt hatte, galt es, das Land wieder aufzubauen und die verfeindeten Bürgerkriegsparteien miteinander zu versöhnen. Als Minister wirkte er vorübergehend in diesem Sinne. Heute gehört er zu den gefährdetsten Personen im Libanon.
Text: F.A.Z.
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