Fidel Castro

Der Ruinenbaumeister tritt ab

Von Leo Wieland

19. Februar 2008 Seinen Rücktritt wegen schlechter Gesundheit hat der Mann, der stolz von sich zu sagen pflegt, dass er in seiner langen Regentschaft Hunderte Mordanschläge überlebt habe, nun doch noch selbst verkündet. Fidel Castro Ruz, die rote karibische Legende, hat zwar sowohl noch seinen achtzigsten Geburtstag als auch den fünfzigsten Jahrestag der Landung mit der Yacht „Granma“ auf Kuba erlebt. Aber in der Öffentlichkeit mitfeiern konnte er schon nicht mehr.

Der letzte kommunistische Diktator in diesem Teil der Welt, der die „Zuckerinsel“ aus dem hoffnungsvollen Frühling einer Revolution gegen das korrupte Regime des Fulgencio Batista durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in einen endlos anmutenden Winter der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Stagnation geführt hat, vermochte sogar seinen Fuß noch in das 21. zu setzen. Aber er tat dies schon als starrsinniger, reformunwilliger, seiner verarmten Nation keine Verschnaufpause gönnender Ruinenbaumeister.

Zeitgewinn durch Täuschung

Die Monate der Agonie seit der ersten Darmoperation im Juli 2006 ähneln dem versteckten Siechtum der Greise im Moskauer Kreml in den siebziger und achtziger Jahren. So wie damals Breschnew, Andropow und Tschernenko, den Sowjetführern, deren Namen schon zusammen mit ihren vergeblichen Versuchen, ein mürbe gewordenes System zu bewahren, verblasst sind, verschwand Castro allmählich von der Bildfläche. Gelegentlich ließ er noch ein gespenstisches Foto im Trainingsanzug neben dem venezolanischen „Erben“ Hugo Chávez veröffentlichen, einen Zeitungskommentar vom Krankenbett oder einen Videoclip, auf denen die hinfällige Gestalt mit dem dünnen Bart die zuversichtliche Botschaft konterkarierte.

Wie einst in Moskau ging es in Wirklichkeit vor allem um Zeitgewinn durch Täuschung. Während die Führungsfigur weiter gegen einen unbarmherzigen Gegner kämpfte, formierte sich im Hintergrund die Parteielite mit ihren Konkursverwaltern und potentiellen Rivalen für den Tag der Nachfolge.

Castro hat noch versucht, sein Haus zu bestellen. Er installierte seinen fünf Jahre jüngeren Bruder und Stellvertreter Raúl – zwangsläufig eine Übergangsfigur und zugleich der einzige, dem er trauen kann – als Regierungschef. Zugleich reaktivierte er das Zentralkomitee der Partei, das unter dem fatalen Motto „Sozialismus oder Tod“ das kubanische Modell noch eine Weile am Leben erhalten soll. Es wurde so von einer Akklamationskulisse zum neuen Entscheidungszentrum.

Folgenlose „Dialog“-Offerte

Beides stabilisierte bislang in der kritischen Endzeit Castros zumindest die innenpolitische Lage. Raúl, der ausländischen Besuchern schon vor einer Weile anvertraute, dass „der Chef nicht mehr zurückkommen“ werde, sandte präventiv eine bislang folgenlose „Dialog“-Offerte nach Washington. Vizepräsident Carlos Lage gab derweil zu, dass die Kubaner daheim ein „hartes Leben“ führten und manches sich ändern müsse. Mit Castro als bleichem Schatten im Hintergrund kam es aber zu keiner nennenswerten Kurskorrektur. Vielleicht wird man erst nach seinem Tode, bei der Beerdigung, so wie einst bei der Aufstellung der Politbüromitglieder auf dem Leninmausoleum, den neuen „starken Mann“ im Trauerkreis erkennen.

Angesichts der desolaten Zustände auf der Insel kann dieser gar nicht stark genug sein. Aber auch dem gewieftesten Apparatschik – Bruder Raúl ist ein gutes Beispiel – fehlt vor allem das Charisma Castros. Der ist, wie sein Freund, der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez, einmal gesagt hat, eben „sowohl die größte Stärke als auch die größte Schwäche der kubanischen Revolution“. Sogar in den vergangenen Monaten konnte er mitunter noch die vom Augenschein der Misere ernüchterten, die Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen nicht mehr übersehenden ehemaligen Bewunderer aus der internationalen linken Szene in Grenzen charmieren.

Der alte Castro konnte hingegen davor in stundenlangen Stegreifansprachen sein Publikum zwar nicht mit Erfolgsstatistiken beeindrucken, aber doch durch seine schiere Ausstrahlung trunken reden. Das kann kein anderer Kubaner so wie er. Deshalb wird die „alte Garde“, die Castro in seiner Abschiedsbotschaft noch zusammen mit „vielen Jungen“ als getreue Statthalter empfahl, doch irgendwann einmal einen greifbaren Erfolg durch Reformen vorweisen müssen.

Kommt ein kubanischer Gorbatschow?

Sich selbst und der Partei die Macht zu erhalten, dürfte ohne den „Máximo Líder“ nicht glücken, wenn sich die Strategie in Durchhalteparolen mit müder Rhetorik erschöpft. Sollte das auf dem Weg einer zügigen Liberalisierung geschehen, dann bekäme das Land, was Castro mehr als alles andere fürchtet: einen kubanischen Gorbatschow.

Dabei hat der „Comandante“ selbst einst gar nicht als Kommunist begonnen. Der am 13. August 1926 (das genaue Datum ist strittig) in der Provinz Oriente geborene Sohn eines spanischen Einwanderers wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, ging bei den Jesuiten in die Schule, studierte Jura und wurde 1950 promoviert. Castro war ein junger Rechtsanwalt und hier vor allem Anwalt der Armen, als Batista in einem Staatsstreich an die Macht kam. Castros Oppositions- und Umsturzaktivitäten brachten ihn erst ins Gefängnis und dann ins mexikanische Exil. Von dort kam er zu Schiff mit dem Bruder und dem Argentinier Ernesto „Che“ Guevara 1956 zurück. In der Sierra Maestra sammelte er Guerrilleros, Kraft und Erfahrung für einen Zermürbungsfeldzug. Zwei Jahre später flüchtete Batista. Castro zog kurz nach Neujahr 1959 in Havanna als weit über Kuba hinaus gefeierter Hoffnungsträger ein.

Erst danach, als der erklärte Gegner der Gewaltherrschaft Batistas die eigene einrichtete, wandelte sich Castro zum Kommunisten. Als die von ihm in einer dauerhaften Hassliebe bewunderten Amerikaner – Castro behauptete sich im Amt von Eisenhower bis Bush jr. gegenüber zehn Präsidenten im Weißen Haus – die kalte Schulter zeigten, orientierte er sich um, verstaatlichte und wurde zum vorgeschobenen Verbündeten der Sowjetunion im „Hinterhof“ der Vereinigten Staaten. In dieser Rolle machte Castro Weltpolitik. Auf die misslungene Invasion von Exilkubanern mit CIA-Waffen 1961 in der „Schweinebucht“ folgte ein Jahr später die Raketenkrise, als Chruschtschow auf Kuba Atomwaffen stationierte und nach einem gefährlichen Show-down mit dem jungen Präsidenten Kennedy nachgab.

Wütend, aber ohnmächtig

Castro, dem allem Anschein nach ein Nuklearkrieg lieber als eine diplomatische Niederlage gewesen wäre, reagierte wütend, aber ohnmächtig. Zu stark war schon die vor allem ökonomische Abhängigkeit von seinen Moskauer Mentoren. Als internationaler Störenfried im Gewand eines sozialistischen Befreiers suchte und fand er aber bald neue Betätigungsfelder. „Che“ ging nach Lateinamerika mit dem gemeinsamen Vorsatz, dort einen revolutionären Gegenkontinent zum „kapitalistischen“ Norden zu schaffen. Castro unterstützte die Sandinisten in Nicaragua und holte sich bei der Kubanisierung der kleinen Insel Granada bei Präsident Reagan eine blutige Nase. Dazwischen griff er militärisch bis nach Afrika aus und schickte kubanische Soldaten nach Angola und Äthiopien.

Der Schrumpfungsprozess setzte dann Ende der achtziger Jahre ziemlich abrupt mit dem Zerfall der Sowjetunion ein. Als Gorbatschow, dessen „Perestrojka“ Castro ein ausgesprochener Greuel war, die Subventionen strich, begann für Kuba die vom Tourismus und den Überweisungen von Exilkubanern nicht mehr aufzuhaltende Verelendung. Das amerikanische Embargo würgte die ineffiziente kommunistische Planwirtschaft. Die große Errungenschaft des Regimes, das für Drittweltmaßstäbe vorbildliche Gesundheits- und Ausbildungswesen, stand bald in schmerzlichem Kontrast zu den fehlenden Chancen, Posten und täglichen Versorgungsgütern.

Nur halbherzig unternahm Castro, der Flucht und Ausweisung von Oppositionellen als Ventil benutzte, gelegentliche Liberalisierungsversuche. Sobald aber irgendwo die „Privatinitiative“ aufblühte, erstickte er das Pflänzchen wieder rasch. Er duldete keinen Widerspruch, keine Nebenbuhler, keine politische Lockerung und keine „kapitalistischen“ wirtschaftlichen Experimente. Todesurteile für Widersacher und Gefängnisstrafen für Dissidenten markieren, wie einst bei dem spanischen General Franco, sogar noch die letzten Jahre.

Nun ist der „Máximo Líder“, der längst seine außenpolitische Bedeutung verloren hat und innenpolitisch zum egoistischen Symbol selbstverschuldeten Elends geworden ist, abgetreten. Doch hat er, wie er in der Parteizeitung „Granma“ schreibt, tatsächlich sein Volk „psychologisch und politisch“ auf seine Abwesenheit vorbereitet?



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS, ZB

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