11. September 2008 Hans-Adam II. von Liechtenstein gab sich kämpferisch: Was die deutsch-liechtensteinischen Beziehungen betrifft, warten wir hier auf bessere Zeiten, wobei ich zuversichtlich bin, denn in den vergangenen zweihundert Jahren haben wir immerhin schon drei Deutsche Reiche überlebt, und ich hoffe, wir werden auch noch ein viertes überleben.“
Adressat dieser nach fürstlichem Geschmack zugespitzten Bekundung kleinstaatlicher Großmachtsfurcht war der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Werner Michael Blumenthal. Das Museum hatte den Fürsten um eine Leihgabe aus seiner Kunstsammlung ersucht. Es wollte ein Gemälde Frans Hals’ in einer Ausstellung über Raub und Restitution“ von Kulturgütern aus jüdischem Besitz seit 1933 zeigen.
Gut nachbarschaftliche Beziehungen
Sehr gerne“, schrieb der Fürst, hätte er mitgemacht – wenn es nicht in Deutschland wäre“. Das Bild hatte Louis Baron von Rothschild gehört. 1938 beschlagnahmten es in Wien die Nationalsozialisten. 1998 erhielten es die Rothschilds zurück und verkauften es; Hans-Adam ersteigerte es.
Prinz Stephan, Botschafter des Fürstentums, sprach vorsorglich im Kanzleramt vor, um auf den privaten Charakter des Schreibens vom Juni hinzuweisen, das der Schweizer Tages-Anzeiger“ jetzt veröffentlichte. Das Auswärtige Amt teilte unverdrossen mit, dass die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern eng und gut nachbarschaftlich seien“.
Verharmlosung des Nationalsozialismus
Dabei hatte Hans-Adam dem Berliner Museumsdirektor mitgeteilt, dass die Bundesrepublik Deutschland in ihren Beziehungen zum Fürstentum Liechtenstein je länger desto weniger geneigt ist, sich an den Grundprinzipien des Internationalen Völkerrechts zu orientieren“. Das Auswärtige Amt bekräftigte freundlich das Gegenteil.
Eine Entschuldigung aber forderte der Zentralrat der Juden, und das Museum nannte es eine unerträgliche Verharmlosung“ des Nationalsozialismus, wenn man die Bundesrepublik Deutschland als ,viertes Reich‘ bezeichnet. Daraufhin nahm auch das Fürstenhaus in Vaduz, das zuvor nur auf eine Auslandsreise Seiner Durchlaucht verwiesen hatte, Stellung: Eine Verharmlosung des Dritten Reichs habe der Fürst nicht beabsichtigt.
Noch immer im Krieg mit dem Zweiten Deutschen Reich
Auch habe er seine Äußerung, dass sich das Dritte Reich nie wiederholen möge, auf die Zukunft bezogen und damit keinen Bezug zum heutigen Deutschland hergestellt“. Immerhin hatte der Fürst in die acht Sätze auch noch die Information gepresst, dass sich das Fürstentum mit dem Zweiten Deutschen Reich noch immer im Kriegszustand befinde, da es vor einem Friedensschluss unterging.
Zwei Hintergründe hat die Affäre, und beide sind für den Fürsten politisch und privat zugleich. Zum einen ist da der Streit über die deutschen Steuerhinterzieher: Jeder Finanzskandal schmerzt die Fürstenfamilie doppelt, gehört ihr doch die LGT-Bank, deren Treuhandgesellschaft in die jüngste Steueraffäre tief verstrickt ist.
Brief bloß Privatsache
Nach der Zumwinckel-Festnahme hatte Berlin im Februar wenig Skrupel, eine Anti-Liechtenstein-Kampagne zu starten: Kaum je musste sich ein Regierungschef in Berlin von der Kanzlerin so abkanzeln lassen wie Otmar Hasler.
Seine Regierung, so wird nun in Vaduz versichert, sei einer Einigung mit Berlin aber jetzt sehr nahe. Das käme Hasler vor der Wahl im kommenden Frühjahr zupass. Umso gequälter versuchte die Regierung in Vaduz, den Brief als Privatsache zu klassifizieren.
Deutschland keine Hilfe für die Kunstsammlung
Doch in Vaduz ist es kein Geheimnis, dass dem Fürsten wohl nichts wichtiger ist als seine Kunstsammlung. Und da ist Deutschland für ihn der Bösewicht. 1991 wurde in Köln ein Ölgemälde Peter van Laers gezeigt, dass einst der Fürstenfamilie gehört hatte, dann aber von der Tschechoslowakei beschlagnahmt wurde.
Deutschland ließ das Bild nicht für Hans-Adam beschlagnahmen, um keinen Streit mit Prag heraufzubeschwören. Hans-Adam hat das nicht verwunden, konnte sich aber weder vor dem Bundesgerichtshof noch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte noch vor dem Internationalen Gerichtshof durchsetzen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa