Von Daniel Deckers
17. Mai 2007 Die Vereinten Nationen geben den Kampf gegen den Anbau von Schlafmohn für die Rauschgiftherstellung in Afghanistan nicht verloren. Im F.A.Z.-Gespräch sagte der Direktor des Büros der Vereinten Nationen für Suchtstoff- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), Costa, dass der Mohnanbau im Zentrum und im Norden des Landes zurückgehe. Wir hoffen, dass wir im Sommer etwa ein Drittel der 34 Provinzen des Landes und damit doppelt so viele wie im Jahr 2006 als opiumfrei deklarieren können, äußerte der italienische UN-Diplomat, der auf Einladung der Bundesregierung zu einem Gespräch mit den Drogenkoodinatoren der 27 EU-Staaten nach Berlin gekommen war.
Nach Costas Worten hat sich die Kombination von Zuckerbrot und Peitsche als richtig erwiesen. Mohnfelder würden zerstört und Bauern mit finanziellen Anreizen vom Schlafmohnanbau abgehalten. Afghanistan könnte schon bald in einem breiten Streifen von der Grenze mit Pakistan im Südosten bis an die turkmenische Grenze im Nordwesten opiumfrei sein, sagte Costa.
Teufelskreis von Rauschgift und Terrorismus
Kritisch sei die Lage nur in den südlichen Provinzen. Dort aber gebe es kein Drogenproblem an sich. Vielmehr förderten die islamistischen Terroristen den Anbau und den Handel mit Rauschgift stärker als je zuvor. Als vordringliche Aufgabe der afghanischen Regierung und der westlichen Regierungen bezeichnete es Costa daher, die Eindämmungsstrategie im Norden und in der Mitte Afghanistans weiterzuverfolgen und durch den Kampf gegen die Aufständischen den Teufelskreis von Rauschgift und Terrorismus im Süden des Landes zu durchbrechen.
Vehement wandte sich Costa gegen die Vorstellung, man könne die Herstellung von Opium und Heroin in Afghanistan dadurch unter Kontrolle bringen, dass die Regierung den Mohnanbau für medizinische Zwecke legalisiere. Ein solches Modell setze voraus, dass man den Mohnanbau und die Verwendung des Opiums zur Herstellung von Schmerzmitteln genau überwachen könne. Das sei derzeit unmöglich. Untauglich sei auch der Hinweis, dass es in vielen Regionen der Welt an Schmerzmitteln fehle.
Mit einem Mangel an Morphin habe das nichts zu tun. Vielmehr werde der Weltmarkt von einer kleinen Zahl pharmazeutischer Unternehmen beherrscht, was die Elastizität des Marktes beeinträchtige. In jedem Fall aber sei der Schwarzmarktpreis immer höher als der Preis, der für Opium gezahlt werde, das mit staatlicher Lizenz hergestellt worden sei. Die Legalisierung des Mohnanbaus in Afghanistan, wie von einigen westlichen privaten Organisationen propagiert, wäre daher ein verheerender Fehler, sagte der UN-Diplomat.
Immenser Schaden durch Rauschgift
Zuversichtlich zeigte sich Costa auch hinsichtlich der Rauschgiftlage weltweit. Im Großen und Ganzen könne man sagen, dass das Weltdrogenproblem zwar nicht gelöst, aber eingedämmt worden sei. Die Kokainproduktion nehme nicht weiter zu, der Weltmarkt für Heroin werde nur noch aus Afghanistan beliefert, und die Märkte für Cannabis und synthetische Rauschgifte würden derzeit nicht größer. Zugleich wachse in den westlichen Ländern, für die nach wie vor das meiste Rauschgift bestimmt ist, das Bewusstsein einer gemeinsamen Verantwortung für die Folgen der Rauschgiftsgebrauchs.
Costa rief die EU-Regierungen auf, ihre Anstrengungen zu verstärken, um den Kreislauf von Armut, fehlenden ländlichen Entwicklungsmöglichkeiten und Rauschgiftherstellung zu durchbrechen. Dazu müssten sie ihre Märkte für mehr landwirtschaftliche Produkte aus Entwicklungs- und Schwellenländern öffnen. Allerdings richte das Rauschgift mittlerweile nur nicht in den Herstellungsländern, sondern auch in Transitregionen wie Osteuropa und Westafrika immensen Schaden an.
Zu wenig politisches Kapital
Im Blick auf Europa sprach Costa noch mehr heikle Punkte an. Die Europäer müssten nicht nur alles daransetzen, dass die Herstellung von Rauschgift unterbunden werde, sondern sich auch stärker darum bemühen, dass die Nachfrage in ihren Ländern zurückgehe. Cannabis und synthetische Rauschgifte wie Ecstasy und Amphetamin würden mittlerweile in großem Stil in Europa selbst hergestellt. Zu viele Regierungen setzten zu wenig politisches Kapital ein, um dem Gebrauch von Rauschgiften vorzubeugen und Abhängigen gute Behandlungsmöglichkeiten zu bieten, sagte Costa und fügte hinzu: So bekommen sie das Drogenproblem, das sie verdienen.
Um die Nachfrage nach Rauschgiften zu verringern, bedarf es nach seiner Ansicht in Europa besserer Prävention und Therapieangebote. Verbesserungswürdig sei auch die Suchtforschung. Costa schlug den Drogenkoordinatoren vor, nach dem Vorbild des amerikanischen National Institute on Drug Abuse (NIDA) eine zentrale europäische Suchtforschungseinrichtung zu gründen oder wenigstens die Suchtforschung besser zu vernetzen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Bätzing (SPD), begrüßte gegenüber der F.A.Z. den Vorschlag Costas, die Rauschgiftpolitik in den EU-Staaten auf eine wissenschaftliche und evidenz-basierte Grundlage zu stellen.
Text: F.A.Z., 18.05.2007, Nr. 114 / Seite 6
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS