Chirac-Memoiren

Der hibbelige Sarkozy

Von Michaela Wiegel, Paris

Der frühere französische Präsident Chriac bringt seine Memoiren heraus

Der frühere französische Präsident Chriac bringt seine Memoiren heraus

04. November 2009 Bei Johann Wolfgang von Goethe hat Jacques Chirac Inspiration für seine Memoiren gesucht. „Jeder Schritt soll Ziel sein“ („Chaque pas doit être un but“), überschrieb der frühere französische Präsident (1995–2007) den ersten Band seiner Erinnerungen, der an diesem Donnerstag erscheint. Die Aufzeichnungen sind schon seit Wochen gedruckt, doch ein Streit über das Titelcover, das zuerst den jungen Chirac mit Zigarette im Mundwinkel zeigen sollte, verzögerte das Erscheinungsdatum. Der Buchumschlag zeigt jetzt einen politisch korrekten Nichtraucher. Die Verzögerung aber hat die Memoiren in zeitliche Nähe des Strafprozesses gerückt, bei dem sich der frühere Bürgermeister Chirac demnächst wegen mutmaßlicher Scheinverträge im Rathaus von Paris vor Gericht verantworten muss.

Nach Aufklärung über Chiracs Rolle in der möglichen Vetternwirtschaft im Pariser Rathaus wird der Leser vergeblich suchen. In dem ersten Band versucht Chirac vielmehr, sein Bild in der öffentlichen Wahrnehmung zu vervollständigen und in einigen Punkten zu korrigieren. Dazu zählt der Versuch, sich als Bewunderer des verstorbenen sozialistischen Präsidenten Francois Mitterrand darzustellen. „Der Mann, den ich im Laufe unserer Gespräche entdeckt habe, erscheint mir von einer Feinsinnigkeit in seinem Urteil und von einer taktischen Intelligenz, wie ich sie selten im politischen Alltag erlebt habe“, schreibt Chirac über Mitterrand. „Auch wenn unsere Überzeugungen gegensätzlich scheinen, ist der eine vielleicht weniger links, als er zu glauben gibt, und der andere weniger rechts, als er es erscheinen lässt“, erkennt Chirac Gemeinsamkeiten mit seinem Vorgänger.

Nicht viel Positives hat Chirac über den ehemaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing zu sagen
Nicht viel Positives hat Chirac über den ehemaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing zu sagen

„Sie hat oft vor allen anderen Recht gehabt“: Chirac über seine Ehefrau

Über seinen Nachfolger Nicolas Sarkozy äußert sich Chirac verhaltener. Das dürfte auch daran liegen, dass er seinen Frieden mit dem Staatspräsidenten geschlossen hat, der am Freitag als Ehrenredner bei Chiracs Stiftung zur Konfliktprävention auftreten soll. Chirac lässt es sich dennoch nicht nehmen, seinen Nachfolger als vor Tatendrang kaum zu bremsenden jungen Mitarbeiter zu beschreiben. „Er hatte damals schon diesen Willen, sich unentbehrlich zu machen und immer dabei zu sein, war hibbelig, übereifrig und begierig zu handeln“, schreibt Chirac. Schon der junge Sarkozy sei ein Kommunikationstalent gewesen. Seinen „Verrat“ 1995, als Sarkozy im Präsidentenwahlkampf zum Rivalen Edouard Balladur wechselte, scheint Chirac verziehen zu haben. „Zehn Jahre lang habe ich seine Energie und seinen Enthusiasmus nicht missen müssen. Auch wenn er sich manchmal aufgeregt hat, wohl in dem Wunsch, für sich selbst zu existieren“, schreibt Chirac.

Weniger wohlwollend fällt das Urteil des früheren Präsidenten über den ehemaligen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing aus, an dessen Seite er im Verfassungsrat tagt. Zu seiner Erfahrung als Giscards Premierminister von 1974 bis 76 schreibt Chirac: „Ich habe schnell gelernt, dass es in seinem (Giscards) Wertesystem ganz oben nur ihn selbst gibt, dann lange Zeit nichts, und ganz weit unten mich.“ Chirac beklagt, dass der Präsident seine Mitarbeiter dazu angestachelt habe, den Premierminister zu erniedrigen und ihn zu verletzen. Nach dem Machtwechsel 1981 habe Giscard seine Zeit damit verbracht, Chirac als Schuldigen für seinen Machtverlust zu bezichtigen. „In einer Demokratie ist die Niederlage eines Mannes nie, oder nur selten, ein irreparabler Verlust“, schreibt Chirac.

Auch Edouard Balladur, der frühere Premierminister, findet keine Gnade in den Augen des Autors. „Im vollen Bewusstsein seiner intellektuellen Stärke hat er mir gegenüber kein Geheimnis darauf gemacht, dass er sich über alle überlegen fühlt, die mich umgeben“, schreibt Chirac. „Ich hatte die Rolle des rustikalen Provinzlers gegenüber dem Großbürger aus der Hauptstadt.“ Seine Memoiren sind für den früheren Präsidenten auch Gelegenheit, den politischen Spürsinn seiner Ehefrau Bernadette zu würdigen: „Sie hat oft vor allen anderen Recht gehabt.“

Goethe hatte geschrieben: „Es soll nicht genügen, dass man Schritte tue, die einst zum Ziele führen, sondern jeder Schritt soll Ziel sein und als Schritt gelten.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

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