Afghanistan

Kampf um die Macht an der Ringroad

Von Marco Seliger, Herat

Die amerikanischen Truppen wollen die kriminellen Banden in Afghanistan besiegen

Die amerikanischen Truppen wollen die kriminellen Banden in Afghanistan besiegen

03. Juli 2009 Die Gesichter der spanischen Soldaten sind staubverschmiert. Tief aus ihren Höhlen blicken müde Augen, die Erschöpfung ist den Männern anzusehen. Ein letztes Hindernis noch, dann ist die Einfahrt des Feldlagers am Rande von Herat in Westafghanistan erreicht. Das Eisentor öffnet sich, der Radpanzer passiert die Wachposten, die Spanier grüßen lässig ihre slowenischen Kameraden. Nach dreiwöchiger Operation, nach Tagen des Kampfes gegen Bewaffnete, versteckte Bomben und Hinterhalte sowie nächtelanger Patrouillen wollen sie nur noch duschen und schlafen.

Die Soldaten sind zurück von der Jagd auf die „Feinde Afghanistans“. Hunderte Kilometer nördlich von Herat, im Distrikt Murghab im äußersten Nordwesten des spanischen Zuständigkeitsbereiches, hatten sich entlang der Ringroad, der Hauptverkehrsstraße des Landes, kriminelle Banden festgesetzt. Sie blockierten die afghanische Lebensader und erpressten die Bürgermeister in den angrenzenden Orten und Autofahrer auf der Straße. Gemeinsam mit einheimischen Soldaten sowie italienischen und amerikanischen Truppen machten die Spanier in einer groß angelegten militärischen Operation damit Schluss. Als Schutztruppe für die Bevölkerung wurde anschließend eine Einheit der afghanischen Armee in dem Gebiet stationiert.

Staat häufig machtlos

Neben Taliban müssen in Afghanistan auch Rauschgiftschmuggler, Banditen und Mörder bekämpft werden

Neben Taliban müssen in Afghanistan auch Rauschgiftschmuggler, Banditen und Mörder bekämpft werden

Wer in Afghanistan die Straßen beherrscht, der beherrscht das Land. Das unwirtliche Terrain zwingt die Menschen in die wenigen landwirtschaftlich nutzbaren Gegenden entlang der Flüsse, die sich wiederum an der Ringroad befinden. Diese Verkehrsader umschließt das Land kreisförmig, und ihr gehört inzwischen das volle Augenmerk der internationalen Truppen am Hindukusch. Denn die Attacken der Aufständischen richten sich immer wieder gegen den freien Verkehr auf der Ringstraße, die streckenweise sogar von den „Feinden Afghanistans“ kontrolliert wird.

„Ich nenne sie so, weil es sich keinesfalls nur um die Taliban handelt, die uns dort Schwierigkeiten machen“, sagt Esmatulla Alizai, der Polizeichef von Herat. Neben den militanten Islamisten treiben in Afghanistan seit Jahren Rauschgiftschmuggler, Banditen, Mörder und ausländische Terroristen ihr Unwesen. „Sie sind die Feinde Afghanistans“, sagt der Polizeigeneral, denn sie alle verfolgten ihre eigene regierungsfeindliche Agenda. Dabei gehe es nur zum Teil um politisch-religiöse Ziele, wie sie die Taliban haben, immer aber um Geld. Viel Geld sogar, Milliarden Dollar, die es vor allem mit den Drogentransporten auf der Ringroad zu verdienen gibt – ein Geschäft, das lebensbedrohlich ist für den jungen afghanischen Staat. Das rücksichtslose Treiben der Transportmafia, ihre Erpressungsversuche gegen widerspenstige Dörfer, ihre Entführungen von Politikern oder Stammesführern, ihre Morde an Polizisten, ihr gesamtes kriminelles Vorgehen destabilisiert ganze Provinzen. Doch bislang ist der Staat häufig machtlos. In manchen Gebieten entlang der Straße sind sowohl ausländische Truppen als auch Sicherheitskräfte der Regierung lange nicht mehr gesehen worden.

„Amerikaner legitimieren, was sie bis vor kurzem noch bekämpft haben“

Das soll sich jetzt ändern. Die Offensive des Westens ist nicht nur ein Kampf gegen die fundamentalistischen Taliban mit Schwerpunkt im Süden. Sie ist der Kampf um die Macht entlang der Ringstraße. „Ja, wir haben Probleme in einigen Gebieten“, sagt ein ranghoher deutscher Offizier im Hauptquartier der Schutztruppe Isaf in Kabul. „Doch wenn wir die Gunst der Bevölkerung erringen wollen, müssen wir ihr die Bewegungsfreiheit auf den Straßen des Landes garantieren.“ Deshalb gilt das Augenmerk der Soldaten den Dörfern an der Ringroad. Schutz der Dorfbevölkerung – in der Militärsprache heißt das: „Shape, Clear, Hold and Build“ –, die Truppen an ihre Ziele bringen, die besetzten Gebiete befreien, stabilisieren und schließlich aufbauen und entwickeln. „Shape“ und „Clear“, das war der Isaf-Truppe schon vor der amerikanischen Truppenverstärkung in diesem Jahr möglich. Doch mit dem „Hold“ und „Build“ tat sie sich schwer – weil die Isaf bisher zu wenige Soldaten im Lande hatte, die sich zudem nach den Operationen häufig wieder in ihre Feldlager zurückzogen, konnten die Aufständischen und andere Kriminelle schnell wieder Fuß fassen. Mit seiner Strategieänderung will Washington nun den Trend umkehren. Einmal „gesäuberte“ Orte bleiben zunächst von Isaf-Truppen und der afghanischen Armee besetzt, später sollen sie von der Polizei abgelöst werden.

Doch dazu müssen zunächst 80.000 Polizisten landesweit ausgebildet und ausgerüstet werden. Weil das einige Jahre dauern wird, wollen die Amerikaner am Hindukusch die Aufstandsbekämpfung wiederholen, die sie im Irak erfolgreich praktiziert haben. Sie rekrutieren derzeit in zahlreichen Distrikten des Landes, etwa in der Provinz Wardak, lokale Milizen. Diese etwa 200 Mann starken Gruppen werden in einem Kurzlehrgang von amerikanischen Trainern ausgebildet und ausgerüstet, um anschließend als Hilfspolizei gegen die Rebellen auf die Straßen geschickt zu werden. Viele Entwicklungshilfeorganisationen und auch Verbündete der Amerikaner halten davon nicht sehr viel. „Vor einigen Jahren erst haben wir im gesamten Land mühsam Milizen aufgelöst und ihre Waffen eingesammelt“, sagt der Mitarbeiter einer deutschen Nichtregierungsorganisation. „Jetzt legitimieren die Amerikaner höchstselbst, was sie bis vor kurzem noch bekämpft haben: die bewaffneten Gruppen örtlicher Machthaber.“

Zivilisten, oft Kinder, geraten in die Schusslinie

Doch die Amerikaner begründen ihren „Pakt mit dem Teufel“, wie Kritiker die Waffenbrüderschaft wegen der Unberechenbarkeit der oft einzig ihrem Clan verpflichteten Milizen nennen, mit ihren guten Erfahrungen im Irak. Dort gelang es sunnitischen Stämmen, die von den amerikanischen Truppen in und um Bagdad rekrutiert, ausgerüstet und bezahlt wurden, dem Treiben ausländischer Terroristen ein Ende zu setzen. „Alles, was dem Land mehr Sicherheit bringt, ist uns willkommen“, sagt Oberst Greg Julian, Sprecher der amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan.

Die Amerikaner haben ihre Truppen in Afghanistan verstärkt

Die Amerikaner haben ihre Truppen in Afghanistan verstärkt

Die Aufständischen begegnen der Isaf-Offensive mit der Verfeinerung ihrer Kampftechniken. Ein Offizier in Kabul berichtet, dass improvisierte Bomben inzwischen wieder per Kabel ausgelöst werden. Die funkgesteuerte Zündung per Handy, lange Zeit die von den Aufständischen bevorzugte, sicherere Variante, verhindern die Truppen inzwischen durch elektronische Gegenmaßnahmen („Jammer“). Jetzt, sagt der Offizier, fänden die Truppen mitunter wieder kilometerlange, im Boden vergrabene Kabel, die an eine Bombe am Straßenrand befestigt sind. Die Sprengladung, deren Wucht oft so groß ist, dass gepanzerte Militärfahrzeuge zerfetzt werden, wird dann von einem weit entfernten Punkt mechanisch ausgelöst, verbunden meist mit Attacken kleinerer Gruppen aus dem nahen Hinterhalt. „Sie suchen“, sagt Oberst Julian, „gezielt unsere Schwachstellen“ und greifen dazu gern innerhalb von Ortschaften an. Zivilisten, oft Kinder, geraten in die Schusslinie und werden schnell Opfer der Kämpfe. „Die Aufständischen nutzen Menschen ganz bewusst als Schutzschild“, sagt ein deutscher Offizier, der das aus dem Einsatzraum der Bundeswehr in Nordafghanistan kennt.

Zunahme der Kampfhandlungen, auch der eigenen Verluste

Bislang reagierten besonders die Amerikaner in solchen Situationen mit massiven Gegenschlägen. Häufig forderten die Bodentruppen Kampfflugzeuge an, die das Gelände aus großer Höhe bombardierten. Dabei starben nicht nur die Angreifer, sondern oft auch Zivilisten. Das schürte Wut und Hass der Bevölkerung gegen die ausländischen Truppen. Auch Verbündete hielten das, bei allem Verständnis für die Unterstützung bedrängter Kameraden, für eine unbedachte Überreaktion. Die hohe Zahl ziviler Opfer, hieß es, treibe den Aufständischen die Rekruten in die Arme.

Das hat auch die amerikanische Militärführung erkannt. Mit der derzeitigen Personalverstärkung können nun größere und besser ausgerüstete Patrouillen ausgeschickt werden, die über mehr Feuerkraft verfügen und sich daher ohne Luftunterstützung aus einem Hinterhalt befreien können sollten. Vor allem im Süden und im Osten Afghanistans ist diese Vorgehensweise besonders gefordert. Denn dort rückt die Isaf gemeinsam mit der afghanischen Armee sukzessive in Gebiete vor, auf deren Boden bislang weder ein ausländischer Soldat noch ein afghanischer Polizist einen Fuß gesetzt hat. Auch hier gilt es, die Bevölkerung auf die Seite der afghanischen Regierung zu ziehen. Ganze Distrikte, etwa in der Provinz Nimruz im Südwesten, werden seit Jahren von Taliban, Warlords, Drogenbaronen oder anderen Machthabern beherrscht. „Dagegen werden wir jetzt vorgehen“, sagt Jim B. Dutton, stellvertretender Kommandeur der Isaf-Schutztruppe. Der britische General gesteht aber ein, dass dies mit einer weiteren Zunahme der Kampfhandlungen, auch der eigenen Verluste verbunden sein wird. „Doch wir müssen das tun. Denn die afghanische Regierung will rechtsfreie Räume nicht mehr länger dulden. Und zu deren Unterstützung sind wir in Afghanistan.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Reuters

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