05. September 2004 Einen Tag nach dem Ende des blutigen Geiseldramas in einer Schule in Nordossetien ist am Samstag nach und nach das wahre Ausmaß der Katastrophe deutlich geworden. So wurde gemeldet, es seien 323 Leichen aus der Schule geborgen worden, davon seien 156 Kinder. Doch seien diese Zahlen nicht endgültig.
Zunächst waren 150, dann 210, schließlich 250 Tote gemeldet worden. Nach inoffiziellen Angaben des nordossetischen Gesundheitsministeriums belaufe sich die Zahl der Toten auf 460, meldete die Internet-Zeitung gazeta.ru am Abend. In den Krankenhäusern befänden sich noch fast 440 Verletzte. Insgesamt war zuvor von mehr als 700 Verletzten berichtet worden. Mehr als 90 von ihnen sollen sich in Lebensgefahr befinden. Die meisten Toten seien durch die Explosionen in der Turnhalle der Schule von Beslan ums Leben gekommen - durch den Einsturz von Teilen des Daches.
Angaben über Terroristen widersprüchlich
In der Turnhalle hatten die Geiselnehmer etwa 850 Kinder und 350 Eltern und Lehrer mehr als zwei Tage zusammengepfercht, ihnen kein Essen und später auch kein Wasser mehr gegeben. Als die Sicherheitskräfte eingriffen, hätten die Geiselnehmer auf die am Boden liegenden Geiseln geschossen, sagten befreite Geiseln. Viele Geiseln hätten Schußwunden im Rücken, berichteten Ärzte.
Auch die Angaben über die Terroristen blieben widersprüchlich: So teilte die Staatsanwaltschaft mit, bei der Erstürmung und den anschließenden Gefechten, bei denen auch Panzer eingesetzt wurden, seien alle 26 Terroristen ums Leben gekommen. Zunächst hatte es geheißen, es seien 27 Terroristen erschossen und drei festgenommen worden. Auch war die Festnahme einer Terroristin gemeldet worden, die im Kittel einer Krankenschwester hatte fliehen wollen. Der Inlandsgeheimdienst FSB widersprach den Angaben der Staatsanwaltschaft: Drei Terroristen seien entkommen.
Putin räumt Schwächen ein
Präsident Putin besuchte am Samstagmorgen Verletzte im Krankenhaus von Beslan. "Ganz Rußland leidet, weint und betet mit Ihnen", sagte er den Verletzten. Ziel der Terroristen sei es gewesen, "Haß unter den Völker zu säen und den ganzen Kaukasus zur Explosion zu bringen." Weiter sagte Putin: "Jeder, der Sympathie für solche entsetzliche Taten empfindet, wird als Komplize von Terroristen und des Terrorismus angesehen." Er ordnete an, die Stadt abzuriegeln und die Grenzen Nordossetiens zu schließen, damit kein Terrorist entkommen könne.
Am Abend wandte sich Putin, in schwarzem Anzug und schwarzer Krawatte, in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung. "Das war ein Angriff auf unser Land", sagte er. Man habe es mit einer "direkten Intervention des internationalen Terrors gegen Rußland" zu tun. "Wir waren nicht in der Lage, adäquat zu reagieren", gestand er. Putin kündigte eine Reform der Streitkräfte im Nordkaukasus an. Die Zusammenarbeit von Armee, Polizei und Geheimdiensten müsse verbessert werden.
Kritik an russischer Informationspolitik
Zahlreiche Regierungen brachten am Samstag ihren Abscheu über die Geiselnahme zum Ausdruck. Interpol bot Hilfe bei der Suche nach Tätern und Drahtziehern an. Als Anführer der Geiselnehmer gilt der Ingusche Magomed Jewlojew, einer der Gefolgsleute des tschetschenischen Terroristen Schamil Bassajew. Zu einem diplomatischen Eklat zwischen Rußland und der EU kam es wegen einer Erklärung des niederländischen Ratsvorsitzenden Bernard Bot. Er hatte in einer schriftlichen Mitteilung vom EU-Außenministertreffen Auskunft von Moskau darüber verlangt, "wie diese Tragödie passieren konnte". Das russische Außenministerium reagierte verärgert: Die Äußerung sei "unangebracht" und "blasphemisch".
Russische Medien kritisierten die Informationspolitik Moskaus. Während CNN und BBC live über das Geschehen berichtet hätten, habe das russische Fernsehen Spielfilme gezeigt. Die ausländischen Fernsehsender hätten aber die Bilder gesendet, die von den Kameraleuten des russischen Fernsehens gedreht worden seien. Ärzte in zwei Krankenhäusern berichteten gazeta.ru, das medizinische Personal habe die Mobiltelefone abgeben müssen, damit keine Informationen nach draußen gelangten.
In Bonn sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Ende einer zweitägigen Tagung des Kabinetts, er habe Putin Deutschlands Hilfe angeboten. Diese könne etwa aus medizinischer Ausrüstung der Bundeswehr bestehen. Die Verantwortung für die "Tragödie" in Beslan trügen "skrupellose Terroristen". Schröder sagte, es gehe jetzt um die Solidarität mit den Opfern. Er wolle Putin nicht über Rundfunk- oder Fernsehstationen Ratschläge zum Umgang mit Tschetschenien geben. Er habe stets gesagt, daß es um eine politische Lösung gehe. Doch sei die nur möglich mit Personen, mit denen man reden könne. Das sei jedoch nicht der Fall mit Terroristen, die auf fliehende Kinder schössen.
Innenminister Nordossetien reicht Rücktritt ein
Inzwischen hat der Innenminister der russischen Teilrepublik Nordossetien, Kasbek Dsantijew, seinen Rücktritt eingereicht. Dsantijew sei nicht dazu gezwungen worden, sondern habe diese Entscheidung freiwillig getroffen, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax am Sonntag. Ob der Präsident der Region das Gesuch annahm, war zunächst nicht bekannt.
Text: mwe./elo., Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, AFP
Bildmaterial: dpa/dpaweb