Von Josef Oehrlein
11. Januar 2008 Wenn man nicht gewusst hätte, dass die zwei Frauen jahrelang in der Geiselhaft einer erbarmungslosen Soldateska von Aufständischen verbracht haben, hätte man es für eine freundliche Abschiedsszene auf einer Lichtung inmitten einer bukolischen Hügellandschaft halten können. Die Idylle machte ein strahlend blauer Himmel perfekt.
Die beiden Damen in sportlicher Kleidung sprachen Dankesworte in ein Satellitentelefon, wirkten emotional bewegt, aber keineswegs erschöpft, sondern erstaunlich frisch und aufgeräumt. Mit Handschlag verabschiedeten sie und die anderen Beteiligten sich von den martialisch bewaffneten Guerrilleros der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc).
Die Kämpfer hatten kurz zuvor die beiden von ihrer Guerrilla-Organisation vor sechs Jahren entführten kolumbianischen Politikerinnen Clara Rojas und Consuelo González der vom Internationalen Roten Kreuz angeführten Delegation übergeben. Als der kleine Trupp der Farc sich im Gänsemarsch wieder in den Urwald zurückzog, winkten die adrett uniformierten Guerrilleros, die Hälfte von ihnen Frauen, freundlich zurück.
Geburt während der Geiselhaft
Die Hubschrauber flogen die beiden Frauen zunächst in den venezolanischen Ort Santo Domingo, danach wurden sie in Flugzeugen nach Caracas gebracht. Dort trafen die beiden Frauen, die wenige Stunden zuvor noch Gefangene waren, in einer gleichfalls heiter und entspannt wirkenden Atmosphäre ihre Angehörigen. Clara Rojas schloss ihre betagte Mutter in die Arme, Consuelo González wurde von einer Enkelin begrüßt, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ihr Mann ist während ihrer Geiselhaft gestorben.
Noch auf dem Flughafen der venezolanischen Hauptstadt berichtete Clara Rojas einem kolumbianischen Rundfunksender Einzelheiten über ihre Zeit in der Gewalt der Farc. Besonders bewegend war ihre Schilderung, wie sie mitten im Urwald am 16. April 2004 ihr Kind Emmanuel zur Welt gebracht hat, dessen Vater ein Guerillero sei. Da die Geburt nicht vorankam, ist ein Farc-Sanitäter der Kreißenden mit einem Kaiserschnitt beigestanden. Danach habe sie sich 40 Tage lang nicht bewegen und vom Bett erheben können. In dieser Zeit wurde sie von einer Kindersoldatin betreut.
Der Säugling war schwer krank und verwahrlost
Bei der Geburt hat sich Emmanuel einen Arm gebrochen. Er war klein und sehr hübsch, mich beeindruckte sein Lächeln, sagte Clara Rojas. Das Kind wurde ihr bald weggenommen. Sie hatte darum gebeten, es ihrer Mutter zur Pflege zu übergeben. Die Farc vertrauten es jedoch einem Mann in einer nahen Siedlung an, der es in ein Krankenhaus brachte. Da der Säugling schwer krank war und verwahrlost wirkte, wurde er der staatlichen kolumbianischen Fürsorge anvertraut. Dort wurde das Kind aufgespürt, kurz bevor die Farc es am Jahresende zusammen mit Clara Rojas und Consuelo González dem Präsidenten Chávez übergeben wollten. Vermutlich weil sie nicht mehr an es herankamen, war diese erste Übergabeaktion gescheitert.
Clara Rojas, die durch DNA-Analysen eindeutig als Mutter des Kleinen bestätigt ist, möchte ihr Kind nun so schnell wie möglich in ihre Arme schließen. Über das Schicksal von Emmanuels Vater sei ihr nichts bekannt. Schon während der Schwangerschaft war sie von den übrigen Entführten fünf Monate lang abgesondert worden. Ihre Mitgefangene, die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die sie auf einer Wahlkampfreise begleitet hatte, als sie beide gekidnapt wurden, habe dem Kind ein selbstgemachtes Kleidungsstück geschenkt. Clara Rojas bekannte, Betancourt seit drei Jahren nicht mehr gesehen zu haben, weil sie vorgeblich aus Sicherheitsgründen an anderem Ort gefangengehalten werde.
Freilassung ungewöhnlich schnell und ohne großen Aufwand
Die neuerliche Freilassungsaktion war ungewöhnlich schnell und ohne großen Aufwand über die Bühne gegangen. Es fehlte vor allem das mediale Brimborium, mit dem der venezolanische Präsident Hugo Chávez beim ersten Versuch die Übergabe der Geiseln organisieren wollte, aber gescheitert war. Diesmal gab es keine groß besetzte Kommission mit Politikern und Diplomaten als Garanten für die Aktion, Chávez verabschiedete nicht mit großer Geste die beiden Hubschrauber, und der amerikanische Filmregisseur Oliver Stone, der die Operation hollywoodlike hätte filmen sollen, war auch nicht dabei.
Der venezolanische Innen- und Justizminister Rodríguez Chacín, der kubanische Botschafter in Caracas und die Rotkreuzleute waren die Hauptzeugen der Übergabeaktion - und die oppositionelle kolumbianische Abgeordnete Piedad Córdoba in aufreizend roter Robe und rotem Turban, die als Mittelsperson bei fast allen Kontakten zwischen Caracas, Bogotá und der Guerrilla dabei war. Die Farc hatten sie sogar einmal mit einem großen Blumenstrauß empfangen. Bei dem Familienfoto mit Chávez im Präsidentenpalast in Caracas drängte sie Clara Rojas hemmungslos in den Hintergrund. Der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe hatte ihr und Chávez das offizielle Vermittlermandat entzogen, weil sie sich Kompetenzen zugedachten, die ihnen nicht zustanden.
Chávez hat sein langersehntes Erfolgserlebnis
Chávez hat nun mit der von ihm erwirkten und nach dem früheren Fehlschlag doch noch erfolgreichen Geiselfreilassung die Genugtuung erfahren, die ihm die Farc nach dem Entzug der Vermittlermission gönnen wollten. Und nach den vielen Niederlagen in seiner Politik der vergangenen Monate hatte er nun auch endlich das langersehnte Erfolgserlebnis. Mit betont väterlichem Habitus trug er zum Klang der Nationalhymnen beider Länder die Nichte von Consuelo González im Arm.
Chávez erbot sich seinem Amtskollegen Alvaro Uribe gegenüber sogleich, wieder seine offizielle Vermittlermission aufzunehmen, um auch die übrigen Farc-Geiseln freizubekommen. Präsident, ich stehe zur Verfügung, bin zu Diensten, sagte er. Der Druck auf die kolumbianische Regierung, ein Ende des Geiseldramas nicht mit militärischer Gewalt, sondern durch Verhandlungen mit der Guerrilla zu suchen, ist nach der Freilassung der beiden Politikerinnen enorm gewachsen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, reuters