07. Februar 2005 Nach dem Skandal um folternde amerikanische Soldaten ist die berüchtigte irakische Haftanstalt Abu Ghraib abermals in die Schlagzeilen geraten.
Weil die amerikanische Armee für die bis zu siebentausend irakischen Gefangenen dort zunächst nicht einen einzigen Arzt fest angestellt gehabt habe, hätten bisweilen Soldaten Operationen vornehmen müssen, für die sie überhaupt nicht ausgebildet gewesen seien - im mehreren Fällen hätten sie den Gefangenen sogar Gliedmaßen abgenommen, berichtete die amerikanische Zeitschrift Time in ihrer aktuellen Ausgabe vom Montag. Es war niemand anderes da, sagte ein Hauptmann der amerikanischen Nationalgarde dem Blatt, man mußte es einfach tun.
Tod oder Amputation
Seine Kameraden und er hätten mehrfach Operationen ausgeführt, für die ein Chirurg nötig gewesen wäre, berichtete Hauptmann Kelly Parrson der Wochenzeitschrift. Er selbst habe Patienten einen Knöchel und einen Unterschenkel abgenommen. Wenn es darum ging: Tod oder Amputation, dann mußte man das einfach machen.
Wenn einer der Häftlinge gestorben sei, hätten sie ihm den Atemschlauch entfernt und ihn einfach einem anderen Patienten angelegt, weil es nicht genügend Material gegeben habe, sagte Parrson. Es habe in Abu Ghraib an so grundlegenden Dingen wie Kathetern, Atemschläuchen und Gipsverbänden gefehlt.
Ärzte- und Materialmangel
Ein Befehlshaber der Reservekompanie, die 2003 zur medizinischen Unterstützung in Abu Ghraib eingesetzt worden war, sagte dem Magazin, daß es nach dem Einmarsch der amerikanischen Armee in den Irak zunächst auch für die vielen geistesgestörten Patienten keinen ständigen Arzt gegeben habe: Seiner Schätzung nach hätten fünf Prozent der Gefangenen psychische Störungen gehabt, sagte der Arzt David Auch.
Er sei niemals zu dem Fall befragt worden, in dem ein irakischer Häftling bei einer Befragung gestorben sei, sagte Auch. Militärs hätten zunächst angeordnet, daß der Tote auf Eis gelegt werde; später hätten sie die Leiche verschwinden lassen. Ein Mediziner habe ihm gesagt, daß ein Offizier des amerikanischen Militärgeheimdienstes ihm befohlen habe, sich an der Vertuschung des Mordes zu beteiligen und nicht darüber zu reden.
Krankenstation mit 200 medizinischen Mitarbeitern
Die amerikanische Armee richtete nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr im Abu-Ghraib-Gefängnis eine Krankenstation mit 52 Betten und 200 medizinisch ausgebildeten Mitarbeitern ein. Derzeit sitzen in der Haftanstalt rund 3.000 Gefangene der amerikanischen Armee ein; hinzu kommen laut Time Insassen, die von der irakischen Regierung inhaftiert wurden.
Die im Jahr 2003 entstandenen Bilder von der Mißhandlung irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten im Abu-Ghraib-Gefängnis hatten im vergangenen Jahr die Weltöffentlichkeit schockiert.
Text: FAZ.NET mit Material von AFP
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb