09. Juli 2008 Drei deutsche Bergsteiger wurden von Mitgliedern der kurdischen Separatistenorganisation PKK am Berg Ararat verschleppt. Der Gouverneur der Provinz Agri, Mehnet Cetin, erklärte, die Entführung habe sich in der Nacht zum Mittwoch ereignet. Die Gruppe von 13 deutschen Bergsteigern habe vor drei Tagen mit einer offiziellen Genehmigung die Besteigung des Ararat begonnen und habe in 3200 Meter Höhe ein Basislager eingerichtet. Von dort aus wollten sie den Aufstieg auf den über 5165 Meter Ararat beginnen. Aus diesem Basislager hätten Mitglieder der PKK drei Personen entführt.
Die Region werde nun von Mitgliedern der Gendarmerie großangelegte Suchaktion gestartet, erklärte Cetin weiter. Die PKK will nach den Worten des Gouverneurs ihre Geiseln in den kommenden Tagen wieder freilassen. Sie habe die Verschleppung mit den jüngsten Aktionen der Bundesregierung gegen die Organisation begründet.
Steinmeier hofft auf rasche Freilassung
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier setzt auf den Berliner Krisenstab, um eine rasche Freilassung der verschleppten Bergsteiger zu erreichen. In der ARD-Tagesschau sagte der Minister am Mittwochabend: Wir bemühen uns intensiv um die Aufklärung der Hintergründe, und natürlich unternehmen wir alles, um zu einer baldigen Freilassung zu kommen. Noch in der Nacht sei der erfahrene Krisenstab im Auswärtigen Amt eingesetzt worden. Die Experten stünden in Verbindung mit den Verantwortlichen in der Türkei.
Bei den Entführten handelt es sich nach Angaben von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann um drei Männer aus Nieder- und Oberbayern im Alter von 33, 47 und 65 Jahren. Die Information stamme von einer bayerischen Kriminalbeamtin, die Mitglied der Reisegruppe sei. Sie habe gleich nach der Entführung ihre Dienststelle telefonisch informiert. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Regensburg stammen die Entführten aus Ingolstadt, Abensberg und Laufen bei Freilassing.
Akt der Gewalt
Der Deutsche Alpenverein (DAV) teilte mit, die Entführten seien Mitglieder der DAV-Sektion Kelheim. Die Männer blieben nach Angaben von Herrmann bei der Geiselnahme unverletzt. Bei dem Vorfall am späten Dienstagabend sei keine Waffengewalt angewandt worden. Auch die anderen zehn Mitglieder der Reisegruppe seien nicht verletzt worden. Sie seien bei Tagesanbruch vom Berg Ararat hinabgestiegen in die nächste Ortschaft und würden dort derzeit von den türkischen Behörden betreut. Herrmann sprach von einem Akt der Gewalt. Dass sich deutsche Regierungsstellen nicht erpressen lassen, von wem auch immer auf dieser Welt, ist klar, betonte der Innenminister.
Bei der Entführung handelt es sich mutmaßlich um einen Racheakt der PKK. Das Auswärtige Amt hatte am 9. Juli eine Reisewarnung für vier kurdische Provinzen im Südosten der Türkei herausgegeben. Grundlage waren Hinweise auf Racheaktionen oder mögliche Entführungen der PKK. Denn die Bundesregierung hatte unmittelbar zuvor in Wuppertal einen Produktionsarm des Fernsehsenders Roj-TV, der aus Dänemark sendet, geschlossen.
Wo einst die die Arche Noah strandete
Der Berg Ararat, ganz im Osten der Türkei gelegen, galt bisher als relativ sicherer Geheimtipp für Bergsteiger, auch für solche, die Bergtouren ohne Extremanforderungen suchen. Wer den Gipfel erklimmen will, muss gut in Form und ein wenig geübt sein sowie die große Höhe vertragen. Der Agri Dagi, wie der Ararat auf Türkisch heißt, ist 5165 Meter hoch und damit der höchste Berg der Türkei; sein Gipfel ist mit ewigem Schnee bedeckt. Dem biblischen Bericht nach soll an seinen Flanken einst die Arche Noah nach der Sintflut gestrandet sein, weshalb sich seit vielen Jahrzehnten immer wieder Abenteurer, Phantasten und Freizeitarchäologen unter die Bergsteiger mischen, um nach Resten der Arche zu suchen. Historisch ist das Gebiet seit Jahrtausenden Durchgangsland für die Kulturen. Den Reichen der Urartäer, die bis weit über den Van-See hinaus Macht entfalteten, und später Armenier folgten Byzantiner, Seldschuken, Mongolen, muslimische Kleinfürstentümer und schließlich die Osmanen.
Der Berg liegt nahe der türkisch-iranischen Grenze in der Provinz Agri, die von der gleichnamigen Provinzhauptstadt aus verwaltet wird. Auf dem Weg von Anatolien nach Iran hinein, bis zur iranischen Grenzstation von Bazargan sieht man den Doppelgipfel schon aus der Ferne malerisch daliegen; der Kleine Ararat oder Küçük Agri Dagi, der zu diesem Doppelgipfel gehört, ist wesentlich niedriger. Touristen, die nicht Bergsteiger sind, sondern vornehmlich historisch interessiert, besuchen häufig auch das auf der anderen Seite der Fernstraße in luftiger Höhe gelegene Schloss des kurdischen Fürsten Ishak Pascha bei dem türkischen Grenzort Dogubeyazit. Iran und Armenien sind hier ganz nahe.
Ein schwerer Schlag für die türkische Regierung
Der Fernverkehr zwischen der Türkei und Iran führt über diese Strecke über den Ort Maku und die Großstadt Täbris nach Teheran, in die Hauptstadt der Islamischen Republik Iran. Diese Route galt bis jetzt als im Grunde sicher. Wenn sich bestätigen sollte, dass Terroristen der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) drei deutsche Bergsteiger unmittelbar beim Aufstieg auf dem Berg selbst, das heißt in ihrem Lager entführt haben, wäre dies ein schwerer Schlag für die türkische Regierung und die Behörden, vor allem jedoch für die Armee, die nicht allein gegen die PKK zu kämpfen hat, sondern die Sicherheit des Gebietes insgesamt gewährleisten muss. Dort könnten dann auch andere, möglicherweise noch schwerer wiegende Aktionen der PKK unternommen werden.
Die Region, in welcher die Deutschen entführt worden sein sollen, liegt weit im Norden, viele Kilometer jenseits des Van-Sees. Es muss den Staat bedenklich stimmen, dass Anhänger der PKK so weit nördlich von den eigentlichen Schauplätzen der Auseinandersetzung mit der türkischen Armee zuschlagen können. Zentren des Zusammenpralls sind seit dem Ausbruch der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen 1978 und 1980, als die von Abdullah Öcalan gegründete PKK mit ihren Überfällen begann, vor allem jene Gegenden der Türkei, die nahe der irakischen Grenze liegen, die Region von Cizre, Cirnak, Hakkari und anderen Orten.
Bevorzugtes Ziel deutscher Bergsteiger
Entführungen von Touristen sind bisher selten vorgekommen, zuletzt hatten Kurden in der Mitte der neunziger Jahre vereinzelt Fremde zu Geiseln genommen. Auch damals war es eines der Ziele der PKK gewesen, die Türkei als Reiseland unsicherer zu machen, jedenfalls im Bewusstsein potentieller Besucher. Bis heute führen Touristen aus Deutschland die Statistik in der Türkei an. Als bevorzugtes Mittel, um einen Abschreckungseffekt zu erreichen und um die Türkei auch finanziell zu schädigen, hatte die PKK gelegentlich auch Anschläge in der stetig ausgebauten Touristenregion von Antalya an der Südküste der Türkei ausgeführt.
Der Ararat ist in den vergangenen Jahren ein bevorzugtes Ziel deutscher Bergsteiger geworden. Die unruhige Lage der gesamten Ostregion Anatoliens sowie die mangelnde Infrastruktur, deren Fehlen ihrerseits wieder auf die jahrelangen blutigen Kämpfe zwischen den PKK-Rebellen und der türkischen Armee zurückgeht, haben diese Region allenfalls zu einem Gebiet für Alpinisten und Einzelreisende werden lassen. Zu den Zentren des Massentourismus der Türkei gehört das Gebiet noch nicht. Die türkische Armee ist im Osten noch immer über Gebühr präsent, da die relative Stabilität des nordirakischen Kurdengebietes die PKK immer wieder zu Attacken ermuntert.
Text: Her./wgl., F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z., reuters