06. Februar 2008 Die amerikanische Außenministerin Rice hat mit ihrem britischen Kollegen Miliband und mit Premierminister Brown über stärkere militärische Anstrengungen der Nato-Staaten in Afghanistan gesprochen. Die britische Regierung ist im Zuge des turnusmäßigen Truppenwechsels offenbar bereit, Einheiten mit höherer Aktions- und Feuerkraft in den Süden Afghanistans zu verlegen, will die Obergrenze ihres Kontingents jedoch bei 7700 Mann konstant halten. Brown erneuerte am Mittwoch den Appell an andere Nato-Länder, zu einer "fairen Lastenteilung" beizutragen.
Unterdessen berichtete am Mittwoch die nichtstaatliche Politik- und Sicherheitsagentur "Senlis Council", die Sicherheitslage im Süden Afghanistans werde immer schlechter; auch die britischen und kanadischen Truppen könnten den Verkehr zwischen ihren Stationierungsorten nicht mehr auf der Straße, sondern bloß noch per Hubschrauber abwickeln, weil die Taliban die Verbindungsrouten kontrollierten.
Rice sagte auf dem Weg zu ihren Gesprächen nach London, es gehe jetzt um Entwürfe für die nächsten drei oder vier Jahre in Afghanistan; es müsse sichergestellt werden, dass die Anstrengungen des Westens, Sicherheit und Fortschritt zu stabilisieren, nicht gefährdet würden. Sie bestätigte, dass nach dem gescheiterten Versuch, den Briten Lord Ashdown zum Sonderbeauftragten der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan zu machen, dringend ein neuer Personalvorschlag vorgelegt werden müsse. Ashdown war von Briten und Amerikanern favorisiert, vom afghanischen Präsidenten Karzai aber in einem brüsken Manöver abgelehnt worden. Auch unter den westlichen Partnerländern hatte es Verstimmungen über das Vorgehen der Briten und Amerikaner in dieser Frage gegeben, offenkundig hätte sich auch die deutsche Seite aufgrund ihres eigenen Engagements in Afghanistan eine stärkere Einbeziehung in diese Konsultationen gewünscht.
Der britische Verteidigungsminister Browne kündigte am Mittwoch an, im April würden die derzeit in Afghanistan stationierten Infanterietruppen durch Fallschirmjäger ausgetauscht; die Gesamthöhe der britischen Truppen bleibe weitgehend unverändert. Miliband und Entwicklungshilfeminister Alexander beteuerten ungeachtet der Spannungen mit dem afghanischen Präsidenten Karzai, es gelte, die afghanische Regierung in Kabul weiter zu stützen, Entwicklungshilfe gezielter einzusetzen und die afghanisch-pakistanische Grenze stärker im Blick zu halten.
Die Beobachter des Senlis Council berichteten, der Wechsel der Taliban über die Grenze sei im Süden Afghanistans ungehindert möglich. Augenzeugen gäben oft an, die Anführer der Taliban, die in der Gegend viele Dörfer unter Kontrolle hielten, würden als Auswärtige, in der Regel als Pakistaner, angesehen. Die Präsidentin der Beobachtungsagentur, die Kanadierin Norine MacDonald, erneuerte frühere Einschätzungen, die westlichen Truppen müssten ihre Stärke von insgesamt 40 000 Mann verdoppeln, um die Sicherheitslage im Land zu stabilisieren. Sie fügte jetzt hinzu, wenn die Nato-Staaten und mit ihnen befreundete Länder dazu nicht in der Lage seien, dann müssten die Vereinten Nationen handeln und eine militärische UN-Mission mit genügend großer Schlagkraft in Afghanistan etablieren.
Text: F.A.Z., 07.02.2008, Nr. 32 / Seite 2