Iran

Zaris Geständnis

Von Swantje Karich

07. Dezember 2006 Sie hat ihren Tod schon gefühlt im aggressiven Gebrüll dieser Menschen - nun sitzt sie in ihrer Wohnung wie in einer Zelle, denn sie hatte es als ein Geschenk gesehen, ihre Liebe, und so bittet sie Gott, ihr zu sagen, daß das nur ein Traum ist“ - wacht alle auf und wehrt euch gegen diesen Albtraum, fordert der Teheraner Rapper Yas.ft.Ammin in seinem neuesten Lied. Er erzählt vom realen Schicksal Zahra Amir Ebrahimis. Ihre Geschichte ist die einer Generation junger Menschen in Teherans liberalem Norden: Sie wurden während des achtjährigen Kriegs geboren, in einer Zeit, als die 1979 siegreiche Revolution das Land veränderte; sie mußten unter der harten Kontrolle des islamischen Regiments ihren Geist, ihr Verhalten und ihren freiheitlichen Lebensstil entwickeln. Haben sie das geschafft, sind sie in täglicher Gefahr, einen unachtsamen, einen falschen Schritt zu tun.

Die fünfundzwanzigjährige Zahra Amir Ebrahimi war ein Fernsehstar in Teheran, wurde liebevoll von ihren Fans Zari genannt und nicht nur wegen ihres Aussehens bewundert: „Sie ist unser Vorbild in einer Soap gewesen, auch wenn sie dort eine Frau spielt, die aufrecht und überzeugt die moralische Vorstellung der Konservativen des Irans propagiert; ihrem Vorbild sollten wir wohl folgen“, sagt eine gleichaltrige Teheranerin und gibt zu verstehen, wie das Leben dort für viele junge Menschen funktioniert: „Sie war unsere Identifikationsfigur, da so viele von uns nach außen eine Rolle spielen müssen und es innen meist ganz anders aussieht. Wir sind Meister der Maskierung.“

Jeder kannte ihr Gesicht

Zahra Amir Ebrahimi stammt aus einer Familie der iranischen Mittelschicht, wuchs in einer Wohnung im Zentrum Teherans auf, in einer Gegend, in der berühmte Künstler wie ihre Eltern lebten - eine für sie beschützende, kreative Atmosphäre. Ein liberaler Zirkel abseits der Repressalien der neuen Machthaber. Sie ging auf die Schauspielschule, wo es hieß, sie habe nicht genug Talent. So arbeitete sie hinter den Kulissen, bis sie ein Angebot aus der Werbung bekam - und ein paar Jahre später eine Rolle in einer Fernsehserie: „Doch erst ihre letzte Serie wurde ein unbeschreiblicher Erfolg; sogar Iraner in anderen Länder sahen sie über das Internet. Jeder kannte sie, kannte ihr Gesicht“, erzählt ein Freund von ihr, der sie noch vom Theater kennt. Tatsächlich konnte sie zeitweise gut zwei Drittel der Bevölkerung erreichen.

Doch die Rolle der Züchtigen, Religiösen wird Zahra Amir Ebrahimi in Zukunft wohl nicht mehr spielen dürfen. Ihr drohen soziale Ächtung, das Ende ihrer Karriere und möglicherweise Peitschenhiebe. Vor drei Jahren, damals war sie zweiundzwanzig Jahre alt, soll sie ein privates Sexvideo gedreht haben, das sie mit ihrem damaligen Freund, der ebenfalls beim iranischen Fernsehen arbeitete, zeigt. Es sollte ein Stück Erinnerung sein, privat und für keine Öffentlichkeit gedacht.

Schwulenpartys und mondäne Feste

Zwischen dem privaten und öffentlichen Leben in Iran herrscht eine tiefe Kluft, ja eine Spannung: Nach den Jahren der Revolution, des Krieges mit dem Irak, der Auslöschung der politischen Opposition und nach der Etablierung der Islamischen Republik war nur das herrschende Regime im öffentlichen Raum präsent. Im Privaten haben die liberalen Teheraner schon immer gemacht, was sie wollten: Von Schwulenpartys bis zu mondänen Festen gab und gibt es alles - allerdings nur in den eigenen vier Wänden. In den Straßen und Cafés halten sich Mädchen und Jungen nicht einmal an den Händen, aber privat haben sie häufig schon weitaus mehr sexuelle Erfahrung, als die Generation ihrer Eltern in ihrem Alter hatte.

In der Öffentlichkeit jedoch heißt es vorsichtig sein: Doch Ebrahimis Freund vergaß angeblich das Video auf seiner Festplatte, als er den Computer Monate später zur Reparatur brachte. Der Techniker soll es entdeckt haben und die Schauspielerin und den kommerziellen Wert sofort erkannt haben: Vervielfältigt und zu mehreren hunderttausend Stück in den Straßen der Hauptstadt für rund zehn Euro - eine hohe Summe für Teheraner Verhältnisse - verkauft, war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch im Internet auftauchte (680.000 Mal heruntergeladen) und ungnädige Personen Konsequenzen ziehen würden.

Ehe auf Zeit

Zahra Amir Ebrahimi wurde verhört, ihr Freund, dessen Name geheimgehalten wird, floh zunächst nach Armenien, von wo er nun ausgeliefert wurde und in Haft sitzt. Ihm drohen für den Film mindestens drei Jahre Haft und eine hohe Geldstrafe wegen Beleidigung der öffentlichen Moral. Im Verhör gestand Ebrahimi den Geschlechtsverkehr, während ihre Eltern versicherten, daß sich die beiden Liebenden zum Zeitpunkt der Aufnahmen in einer „Sighéh-Ehe“ befunden hätten; einer schiitischen „Ehe auf Zeit“, die von drei Tagen bis zu neunundneunzig Jahre dauern kann und in der man „nicht tabu füreinander ist“.

Wenn im Iran ein junges Paar ohne Trauschein erwischt wird, und sei es bei einem harmlosen Flirt oder beim Händchenhalten, drohen harte Strafen: Geldbußen, Gefängnis oder die Peitsche. Diese „religiöse Ehe“ muß nur mündlich, jedoch vor Zeugen abgeschlossen werden. Seit der Machtübernahme Ajatollah Chomeinis im Jahr 1979 wurde sie im Land wieder gefördert, und der ehemalige Staatspräsident Rafsandschani hat, diese pragmatische Linie des Islams verfolgend und mit Blick auf die „gewaltigen“ Bedürfnisse der Jugend (fast zwei Drittel der Iraner sind jünger als zwanzig Jahre), schon in den Neunzigern die Kurzehe angeregt. Damit können junge Leute, die miteinander schlafen wollen, moralische Barrieren umgehen. Doch heute ist diese Gesetzgebung strittig, und die Anhänger Ahmadineschads fordern einen härteren Kurs. So bleibt der rechtliche und politische Umgang mit der Jugend und ihren Bedürfnissen in Iran unberechenbar, und so könnte dieser Fall ein Präzedenzfall werden.

Die Stärke iranischer Frauen

Eine Frau, von der in der Öffentlichkeit bekannt wurde, daß sie außerhalb einer standesamtlich geschlossenen Ehe Geschlechtsverkehr hatte, wird keine Aufträge von Fernseh- oder Filmunternehmen mehr bekommen - daher riet ihr wohl der Chef des iranischen Rundfunks, Ezzatollah Zarghami Ebrahimi, das Geständnis zurückzunehmen. Sie bestritt darauf in den großen Zeitungen des Landes, jemals ein solches Sexvideo gedreht zu haben. Vielmehr handle es sich um eine „Rache des Verlassenen“. Und: sie sei gar nicht die Frau in dem Video. Im Fernsehen erklärte sie, nachdem das Gerücht aufgekommen war, sie habe sich das Leben nehmen wollen: „Ich will meinen Landsleuten mitteilen, daß ich noch lebe. Ich denke viel über die Stärke iranischer Frauen nach, und ich werde den Respekt gegenüber den Mädchen und Frauen meines Landes verteidigen.“

Unberechenbar, wie dieser Staat sich gibt, fiel auch die erste Reaktion aus: „Anders als vor ein paar Jahren“, sagt eine Künstlerin, die in Teheran lebt und die Veränderungen im Land seit der Machtergreifung Ahmadineschads zu spüren bekommt: „Damals wäre das Urteil für alle beteiligten Frauen auf Tod durch Steinigung hinausgelaufen. Heute fordert der Teheraner Generalstaatsanwalt Saeed Mortazavi eine genaue Untersuchung und Todesurteile nur für jene, die solche Videos in Umlauf bringen und von deren Verkauf profitieren.“ Sie vermutet, daß die Beliebtheit von Zahra Amir Ebrahimi im Volk eine Rolle spielt.

Tanz mit der Braut

Für Mortazavi hat der berüchtigte iranische Generalstaatsanwalt und ehemalige Geheimdienstchef (in seiner Amtszeit befahl er Morde an Intellektuellen und Oppositionellen, die heute die „Kettenmorde“ genannt werden) Ghorbanali Dorri Najafabadi den Fall übernommen. Und er hat unterdessen eine zweite Frau festnehmen lassen, die, so heißt es, ebenfalls in einem Sexvideo zu sehen sein soll. Und erst kürzlich wurde ein Fernsehmoderator entlassen, weil er gefilmt worden war, wie er mit einer Braut auf deren Hochzeit tanzte.

In Teheran herrscht ein Kampf zwischen den Gesellschaften: zwischen den Islamisten und Liberalen, zwischen West und Ost, zwischen Privat und Öffentlich. Ahmadineschad kam zu einer Zeit an die Macht, als Partys, Drogen, Alkohol und Gruppensexaffären zum Alltag der Millionenstadt gehörten und sich niemand besonders darum kümmerte: Die Privatssphäre bot den Rückzugsort. Die gebildete, westlich orientierte Schicht des Landes begab sich so in eine Form von innerer Emigration. Schon lange fordern die Studenten nicht mehr den Umschwung auf den Straßen der Hauptstadt; aus diesen Tagen haben die Kinder der Revolutionäre genug Frustration und Leid gehört.

Die neue Generation aus Teherans liberalem Norden, die jetzt Ende zwanzig ist, sich einen Namen macht und arbeitet, rebelliert nach innen gegen Kontrolle und Moral, indem sie einfach ihr Leben so weiterlebt wie bisher. Soweit es möglich ist, ihre Theater-, Kunst- und Filmprojekte realisiert und damit Ahmadineschads fundamentalistischen Staat ignoriert, ohne ihn zusätzlich zu provozieren. Wahrscheinlich wird sie auch für diese, für ihre Form der Rebellion, eines Tages bezahlen müssen - wie ihre Eltern.



Text: F.A.Z., 06.12.2006, Nr. 284 / Seite 42
Bildmaterial: Solidaritätswebsite Zarah Ebrahimi

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