Geiseldrama in Beslan

Trauer, Wut und Minensuche zwischen Gräbern

Trauer in Beslan

Trauer in Beslan

06. September 2004 In Rußland hat die zweitägige Staatstrauer für die mehr als 300 Toten des Geiseldramas in der nord-ossetischen Stadt Beslan begonnen.

Im ganzen Land wehten am Montag die Fahnen auf Halbmast. Im Fernsehen und in den Theatern wurden Unterhaltungsshows abgesetzt, in den Kirchen wurde für die Opfer gebetet. Vertreter der Regierung Nord-Ossetiens räumten Versäumnisse der Sicherheitskräfte bei der Erstürmung der von tschetschenischen Extremisten besetzten Schule in Beslan ein. Gleichzeitig appellierten sie an die Bürger, trotz ihrer Trauer und Wut nicht alte Feindschaften im Nord-Kaukasus wieder aufbrechen zu lassen.

In den Krankenhäusern in der Stadt mit 30.000 Einwohnern und der Umgebung wurden rund 430 Verletzte behandelt, mehr als die Hälfte davon Kinder. Es ist damit zu rechnen, daß die Zahl von 338 Toten noch steigen werde. 260 Menschen werden vermißt. Die Geiselnehmer hatten am Mittwoch, dem ersten Schultag nach den Ferien, mehr als 1000 Kinder, Eltern und Lehrer in ihre Gewalt gebracht. Sicherheitskräfte stürmten nach offizieller Darstellung die Schule, nachdem die Geiselnehmer auf flüchtende Kinder schossen.

Minensuche auf dem Friedhof

Wenige Stunden vor der Beerdigung weiterer Opfer des Geiseldramas im Nordkaukasus haben russische Experten den Friedhof der Stadt Beslan auf Minen untersucht. Mit Metalldetektoren und in Begleitung von Hunden durchstreiften die Fachleute das Gelände der kleinen Stadt in Nordossetien, auf dem am Montag eine große Zahl der Toten beigesetzt werden sollte. Die Experten untersuchten die ausgeschaufelten Gräber sowie den Weg, auf dem die Trauerprozession entlang führen sollte. Am Sonntag waren bereits 18 Todesopfer beerdigt worden.

Russischer Hubschrauber auf dem Weg von Grosny nach Ossetien vermißt

Zugleich wird seit Montag morgen ein russischer Hubschrauber mit drei Besatzungsmitgliedern, der auf dem Weg von Tschetschenien nach Nordossetien war, vermißt. Er ist von den Radarschirmen verschwunden, nachdem das Bodenpersonal eine halbe Stunde nach dessen Start in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny den Kontakt zu ihm verloren habe, berichtete die Nachrichtenagentur Interfax am Montag unter Berufung auf Militärangaben.

Der Transporthubschrauber vom Typ Mi-8 mit einem doppelten Propeller, Baujahr 1960, gilt als zuverlässig. Allerdings führten mangelhafte Wartungsarbeiten an russischen Hubschraubern in den vergangenen Jahren mehrfach zu Abstürzen. Der Hubschraubertyp war auch häufig Ziel tschetschenischer Rebellen, die mit Unterbrechungen seit zehn Jahren einen Kampf gegen russische Truppen um die Unabhängigkeit der Kaukasusrepublik führen.

Präsident Ossetiens bitten um Verzeihung für mangelnden Schutz

Nord-Ossetiens Präsident Alexander Dsasochow besuchte im Krankenhaus verletzte Kinder. Mit Tränen in den Augen bat er um Verzeihung dafür, daß er die Kinder, Lehrer und Eltern nicht habe schützen können. Dsasochow appellierte an die Osseten, sich in ihren Reaktionen nicht von ihren Gefühlen leiten zu lassen. Ähnliche Appelle kamen aus Inguschetien und Tschetschenien. Sorgen bereiteten Berichte, daß die Geiselnehmer aus dem benachbarten Inguschetien nach Beslan gekommen seien. Wegen territorialer Streitigkeiten war es 1992 zu Kämpfen zwischen Osseten und Inguschen gekommen.

Unter der Bevölkerung von Beslan machte sich jedoch Wut breit. „Wenn ich einen Tschetschenen oder einen Inguschen sehe, werde ich ihn töten, oder seine Mutter oder seinen Sohn", sagte ein Mann, dessen Schwester seit der Geiselnahme vermißt wird. Bei den ersten Beerdigungen am Sonntag waren ähnliche Emotionen hochgekommen. „Beslan ist so eine kleine Stadt", sagte ein Trauernde. „Womit haben wir das verdient?“ Auf einem Stück Brachland, so groß wie ein Fußballfeld, wurden Kinder beigesetzt.

Auswirkungen auf Putins Stellung unklar

Unklar bleiben die Auswirkungen des Geiseldramas auf den russischen Präsidenten Putin, der im Jahr 2000 mit dem Versprechen angetreten war, die Ordnung in der russischen Republik Tschetschenien wiederherzustellen. Doch innerhalb von zwei Wochen wurden tschetschenische Rebellen für den Absturz zweier Flugzeuge und einen Selbstmordanschlag in Moskau verantwortlich gemacht. Putin hatte in einer Fernsehansprache am Wochenende Fehler der Sicherheitsdienste eingeräumt. Rußland führt seit zehn Jahren in Tschetschenien Krieg gegen muslimische Separatisten.

„Bei Allah, ich will leben“

Die russischen Behörden hatten zunächst erklärt, bei der Befreiungsaktion seien 32 Geiselnehmer getötet und drei weitere festgenommen worden. Später hieß es, alle Geiselnehmer seien getötet und drei ihrer Komplizen festgenommen worden. Ein russischer Fernsehsender strahlte jedoch am Sonntag ein Video eines inhaftierten Mannes aus, bei dem es sich der Staatsanwaltschaft zufolge um einen der Geiselnehmer handeln soll. Er sei direkt an dem Angriff beteiligt gewesen, hieß es. „Ich schwöre bei Allah, ich habe nicht geschossen", rief der Mann in der Aufnahme. „Bei Allah, ich will leben.“

Zweifel äußerten die Menschen in Beslan an der Darstellung der Behörden, die Gruppe der Geiselnehmer sei „international“ zusammengesetzt gewesen; unter den Terroristen seien mehrere Araber und auch ein Schwarzer gewesen. Geiseln beichteten hingegen, sie hätten die Terroristen für Tschetschenen und Inguschen gehalten.

Text: REUTERS und AFP
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie suchen eine günstige Unterkunft für den nächsten Urlaub? Jetzt Ferienwohnungen und Ferienhäuser finden bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche